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Teuerste Serie aller Zeiten : Der Herr der Ringe flüchtet aus Neuseeland

Die Herr-der-Ringe-Figur Gollum in einem Museum in Wellington, Neuseeland Bild: AP

Amazon zeigt Neuseeland überraschend die kalte Schulter. Obwohl die Steuerzahler die Neuverfilmung des Tolkien-Stoffes massiv förderten, ziehen die Amerikaner nach Großbritannien um.

          3 Min.

          Der Herr der Ringe kehrt in seine Heimat zurück: Neuseeland ist in Aufruhr, seit die amerikanische Filmgesellschaft Amazon am Freitagmorgen erklärt hat, die nächste Staffel der Serie nicht länger auf den Pazifikinseln drehen zu lassen, sondern in Großbritannien. Mit einem Budget von rund 1,4 Milliarden Neuseeland Dollar (837 Millionen Euro) gilt die Amazon-Verfilmung als die teuerste Serie, die je gedreht wurde.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Den Pazifikinseln bleibt nun die Hoffnung auf den Weiterdreh der Avatar-Verfilmungen von James Cameron. Die Steuerzahler fördern die internationalen Filmemacher mit Hunderten Millionen Neuseeland Dollar. Mit Amazon hoffte die Regierung einen Türöffner für den Tourismus nach dem Ende der Corona-Pandemie gefunden zu haben: Das Ministerium für Wirtschaft, Innovation und Beschäftigung setzte darauf, dass der Vertrag mit den Amerikanern „die Möglichkeit bietet, Neuseeland durch gezielte Besuche ranghoher Geschäftsführer von Amazon auf seriöse und sinnvolle Weise zu präsentieren“. Amazon solle den „Willen zeigen, innovative Möglichkeiten zu erkunden, eine wirtschaftliche Entwicklung in verschiedenen Teilen Neuseelands zu unterstützen“.

          Touristenströme waren auf die Inseln gereist, um die Drehorte der Kino-Trilogie von Peter Jackson zu besuchen, die 17 Oscars erhielt. Bei der Weiterführung waren nun fast 2000 Menschen mit dem Dreh der ersten Serie des Stoffes beschäftigt. Er ist noch namenlos, soll sich aber mit der Erzählung von Ereignissen beschäftigten, die Tausende Jahre vor „Lord of the Rings“ spielen. Gerade erst endeten die Dreharbeiten in West-Auckland.

          Wie bei jeder internationalen Filmproduktion

          Die Inseln sind bei Filmemachern beliebt nicht nur dank ihrer phantastischen Natur, sondern auch, weil die Regierung Großprojekte seit Jahrzehnten massiv fördert. Noch im April hatte Amazon erklärt, die zweite der Serien vom Sommer kommenden Jahres an ebenfalls auf Neuseeland drehen zu wollen. „Amazon hat sich verpflichtet, die Talente und Fähigkeiten des neuseeländischen Filmsektors zu fördern und auszubauen“, hatte der Minister für die wirtschaftliche Entwicklung, Stuart Nash, nach dem Unterzeichnen des „wegweisenden Abkommens“ gesagt.

          Am Freitagmorgen hieß es dann für die Mitarbeiter aus heiterem Himmel, sie könnten einpacken. Nur noch die Nachbearbeitung des Rohmaterials werde auf den Pazifik-Inseln stattfinden, das weitere Drehen hingegen in Großbritannien. Die einflussreiche New Zealand Film Commission erklärte, die erste, immer noch namenlose Serie nach dem Material von John Ronald Reuel Tolkien, die in Neuseeland über eineinhalb Jahre in der tiefsten Corona-Krise verfilmt worden war, habe 2000 Stellen geschaffen und der neuseeländischen Wirtschaft rund 650 Millionen Neuseeland Dollar gebracht.

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          Die Kommission stützte die Produktion, indem die Steuerzahler 20 Prozent der Produktionskosten in Neuseeland zu tragen hatten – wie bei jeder internationalen Filmproduktion dort. Für Amazon beläuft sich das auf einen Nachlass von rund 132 Millionen Neuseeland Dollar. Als die Verhandlungen sich zuspitzten, bot die Regierung weitere 5 Prozent Unterstützung an. Die aber lehnte Amazon nun ab, weil die gesamte Produktion voraussichtlich nach Schottland verlagert wird. Die Amerikaner erklärten, ihre Entscheidung passe strategisch in ihr Konzept, weil sie immer mehr Produktion in Großbritannien angesiedelt hätten.

          Andere scheinen mehr zahlen zu wollen

          Der Chef der Kommission, David Strong, bezeichnete das Abwandern als „Schande“. Er machte sich selber Mut: „Unsere Drehorte sind legendär und wir bieten wettbewerbsfähige Anreize und Infrastrukturen. Zusammen damit, wie die Regierung mit der Pandemie umgegangen ist, macht uns dies zu einem attraktiven Partner für internationale Produktionen.“ 2019 hatte der Schatzminister gewarnt, dass geschätzte Nachlässe für internationale Filmkonzerne, die auf den Inseln dreht, den Steuerzahler bis 2024 rund eine Milliarde Neuseeland Dollar kosten könnten und damit ein „spürbares Steuerrisiko“ darstellten.

          Die Opposition in Wellington griff die Regierung sofort an, bezeichnete deren angebliches Versagen, die Amerikaner zu halten, als „Komödie“. „Die Entscheidung der Amazon Studios spiegelt in keiner Weise die Fähigkeiten unserer lokalen Filmindustrie oder die Talente der Menschen wider, die in ihr arbeiten. Es geht um ein multinationales Unternehmen, das eine kommerzielle Entscheidung getroffen hat“, verteidigte sich Nash. „Wir bedauern nicht, alle Hebel für eine solche Produktion in Bewegung gesetzt zu haben.“

          Mehr Druck lastet nun auf der anstehenden Entscheidung des Team New Zealand, wo der im Frühjahr gewonnene America’s Cup verteidigt werden wird. Natürlich wollen die Neuseeländer in ihrem Heimathafen Auckland bleiben, der alle Voraussetzungen bietet. Doch verlangen sie mehr Unterstützung der Steuerzahler, die die Regierung auch angesichts von Corona auf bislang rund 100 Millionen Neuseeland Dollar begrenzt. Andere Segelstädte dieser Welt wie Valenzia oder Cowes, aber auch Dubai scheinen deutlich mehr zahlen zu wollen, wenn sie das prestigeträchtige Weltereignis bekommen.

          Die Entscheidung soll im September fallen. Zieht das Team ab, wäre dies ein zweiter Tiefschlag für die sportbegeisterte Nation, aber auch für das Hochleistungssegeln, das in Neuseeland tief verankert ist.

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