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Brandbrief an Altmaier : Ist eine wichtige EU-Statistik im Handelsstreit falsch?

Wie groß ist der Leistungsbilanzüberschuss der EU mit Amerika? Bild: AP

154 Milliarden Euro soll der europäische Überschuss in der Leistungsbilanz mit Amerika betragen – laut einer EU-Statistik. Die Amerikaner berechnen eine viel kleinere Zahl. Berater der Bundesregierung finden das „bedenklich“.

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          Für statistische Daten zum Handel haben sich lange nur Wirtschaftsfachleute interessiert. Doch in Zeiten des Handelskonflikts mit den Vereinigten Staaten sind sie zum echten Politikum geworden: Der amerikanische Präsident Donald Trump wirft den Europäern und insbesondere Deutschland vor, viel mehr Waren nach Amerika zu verkaufen, als von dort zu importieren. Trump hält das für unfair und begründet damit seine Zolldrohungen gegen die Autoindustrie.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Er kann sich dabei auf Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat berufen. Sie weist in der Leistungsbilanz, in der der Warenhandel ein wichtiger Posten ist, für das Jahr 2017 einen Überschuss der EU mit den Amerikanern in Höhe von 154 Milliarden Euro aus.

          „Zu groß für einen Messfehler“

          Doch jetzt kommen ernsthafte Zweifel auf, ob diese Zahl überhaupt stimmt – oder die Europäer seit Jahren einen viel zu hohen Wert veröffentlichen. Denn die Amerikaner weisen in ihrer spiegelbildlichen Leistungsbilanz mit der EU ihrerseits einen Überschuss von umgerechnet 13 Milliarden Euro aus. Diese Diskrepanz „ist zu groß für einen reinen Messfehler“, heißt es in einem der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegenden Brief des Wissenschaftlichen Beirats des Bundeswirtschaftsministeriums an Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).

          Angesichts der angespannten politischen Situation und der Bedeutung der Statistiken seien diese Abweichungen „besorgniserregend“. Der Vorsitzende des Beirats, der Wirtschaftswissenschaftler Hans Gersbach (ETH Zürich), sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „In Zeiten eines ernsten Handelskonflikts ist eine unklare Datenbasis besonders bedenklich.“ Ohne die genaue Kenntnis grundlegender Strukturen der Wirtschaftsbeziehungen der EU mit ihren Handelspartnern sei eine rationale Politikgestaltung nicht möglich.

          Mängel der europäischen Statistik

          Die große Diskrepanz in den Daten auf beiden Seiten des Atlantiks erklären die Forscher vor allem mit Mängeln der europäischen Statistik. Es gebe „gewisse Anzeichen dafür, dass die amerikanischen Daten die Realität besser abbilden als die europäischen.“ In die Leistungsbilanz fließt nicht nur der Güterhandel ein, sondern auch der Austausch von Dienstleistungen sowie sogenannte Primär- und Sekundäreinkommen. Primäreinkommen sind zum Beispiel Gewinne, die deutsche Unternehmen in Amerika erwirtschaften, zu den Sekundäreinkommen zählt unter anderem die Entwicklungshilfe.

          Das Beratergremium bemängelt, dass die europäischen Statistiken aus Datenlieferungen einzelner Staaten zusammengestellt werden, „wobei die zentrale Stelle aber keine Durchgriffsmöglichkeiten auf die nationalen Statistikämter hat“. Anders als in Amerika „fehlen in den Daten von Eurostat detaillierte Unterkonten zur Zusammensetzung der Primäreinkommensflüsse, oder sie sind unvollständig“.

          Der Beirat sieht es als „dringend geboten“ an, die Unklarheiten aufzuklären. Zumal die Statistik auch Einfluss auf die Berechnung der Mitgliedsbeiträge zur EU habe. „Ob Deutschland zu viel oder zu wenig zahlt, kann erst sicher nach der Aufklärung der Datendiskrepanzen festgestellt werden“, sagte der Beirats-Vorsitzende Gersbach.

          Für den weiter ungeklärten Handelskonflikt mit den Amerikanern dürften die Unklarheiten keine Auswirkungen haben. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im vergangenen Jahr die europäische Position verteidigte, argumentierte sie ohnehin auf Grundlage der amerikanischen Daten.

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