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Deutsch-russisches Verhältnis : Schon die Sowjetunion lieferte zuverlässig Gas

  • -Aktualisiert am

Verstehen sich: Wladimir Putin und Gerhard Schröder – und dessen Frau – im Juni in Wien. Bild: EPA

Amerikas Präsident wettert gegen die geplante Gasleitung Nord Stream 2 von Russland nach Deutschland – ein jahrzehntealtes Interessengeflecht steht auf dem Spiel. Nun trifft Trump auf Wladimir Putin. Und dann?

          Wenn der amerikanische Präsident Donald Trump an diesem Montag Russlands Herrscher Wladimir Putin trifft, hallt seine Anklage gegen die Gasgeschäfte Deutschlands mit dem Land nach. Mit Verweis auf die geplante Pipeline Nord Stream 2 hatte Trump am vergangenen Mittwoch zu Beginn des Nato-Gipfels der Bundesrepublik vorgeworfen, sie werde durch die Öl- und Gaslieferungen inzwischen „vollkommen durch Russland kontrolliert“. Jetzt redet er mit dem Mann, der bei den Gas-Deals politisch federführend dabei war. Wenn Trump in der von ihm beanspruchten Allzuständigkeit das Thema anspricht, wird ihm sein Gegenüber antworten, dass deutsche Energieunternehmen und Regierungen nur allzu bereitwillig mitmachten. Von irgendeiner Form des Zwanges könne nicht die Rede sein. 

          Das russische Gas und Westeuropa mit Deutschland als größtem Kunden: das verweist nicht zuletzt auf die Leitungen durch die Ostsee, an deren Beginn Nord Stream 1 gestanden hatte. Aber die Verbindung reicht viel weiter zurück. Seit Jahrzehnten beliefert das Land Westeuropa über Transitleitungen zuverlässig mit Erdgas, zu Zeiten der Sowjetunion versorgte diese die DDR mit Energie. Nach dem Fall der Mauer und dem Untergang des Kommunismus stieg im westlichen Teil Deutschlands das Interesse rapide. Erdgas gilt als relativ umweltfreundliche Energie. Diversifikation der Versorgung jenseits der Verschmutzer Erdöl und Kohle gegen Devisen für das klamme Russland – das war der Deal. Er enthielt auch eine politische Komponente, sollte doch auf diese Weise das postkommunistische Riesenreich an den Westen herangeführt werden.

          Extrovertierter Schröder

          Auf betrieblicher Ebene drängte die BASF-Tochtergesellschaft Wintershall mit freundlicher Unterstützung der russischen Gasprom in den Markt, um dem Platzhirsch Ruhrgas Kunden abzujagen. Zudem vermochte die Führung des Staatskonzerns mit den größten Erdgasreserven der Welt die westlichen Partner zu beeindrucken. „Selbst nach westlichen Maßstäben ist das Management hervorragend“, sagte Wintershall-Chef Herbert Detharding im Februar 1992 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Auch Ruhrgas blieb am Ball. Zur Jahrtausendwende zog als einziger Ausländer der spätere Vorstandsvorsitzende Burckhard Bergmann in den Aufsichtsrat von Gasprom ein. Wenn man so will, war der persönlich zurückhaltende Manager ein früher Vorläufer des extrovertierten Politikers Gerhard Schröder.

          Schon Mitte der neunziger Jahre war Zug in die russisch-westeuropäischen Gasgeschäfte gekommen. Der Gedanke einer Pipeline durch die Ostsee entstand. In allen Varianten sollte Deutschland der Anlaufpunkt sein. Eon Ruhrgas und Wintershall zierten sich, aber die Russen machten Druck. Dies durchaus mit Hintergedanken. Im Juli 2000 ließ sich der damalige Gasprom-Vorstandsvorsitzende Rem Vjachirev in der Zeitung „Moscow Times“ mit den Worten zitieren: „Ich werde die Pipeline zur Umgehung der Ukraine fertig stellen, noch während ich lebe.“

          Später als geplant wurde im Juli 2004 die Absichtserklärung unterzeichnet, das erste Rohr der mehr als 1200 Kilometer langen Trasse mit zwei Strängen von Wyborg nach Lubmin bei Greifswald wurde am 6. April 2010 verlegt. Die Leitungen können 26 Millionen Haushalte versorgen. Am Bankenkonsortium für das 7,4 Milliarden Euro teure Projekt war der traditionelle Russland-Finanzierer Deutsche Bank und in der zweiten Tranche statt ihrer die Commerzbank beteiligt.

          „Diktat der Transitländer“

          Als sich der damalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder und der russische Präsident Wladimir Putin engagierten, wurde der hohe politische Stellenwert von Nord Stream deutlich. Beide waren auch dabei, als am 8. September 2005 Gasprom, Eon Ruhrgas und Wintershall die Grundsatzvereinbarung für Nord Stream 1 unterzeichneten. Der Termin war kurz vor die Bundestagswahl gelegt worden. Er verhinderte nicht den Machtwechsel in Berlin, verschaffte Schröder aber als Vorsitzendem im Gesellschafterausschuss der Betreibergesellschaft Nord Stream AG einen einträglichen Prestigejob unmittelbar nach seiner Kanzlerzeit.

          Die offizielle Einweihung am 8. November 2011 belegte mit der Anwesenheit von Schröders Nachfolger Angela Merkel und dem russischen Übergangspräsidenten Dmitri Medwedew ein weiteres Mal die Bedeutung des Projekts für beide Länder. Der damalige Ministerpräsident Putin sprach vom Ende des „Diktats der Transitländer“, ein Seitenhieb auf die Preiskämpfe mit der Ukraine und Weissrussland in den Jahren zuvor. Die EU-Länder als Abnehmer russischen Gases spürten dies besonders, als die Ukraine Ende 2005 als Folge eines Boykotts durch Russland zeitweise die Durchleitung stoppte.

            

          Nunmehr könnte der Spatenstich für das umstrittene Projekt Nord Stream 2 mit ebenfalls zwei Strängen geradezu täglich erfolgen. Die Röhren verlaufen  parallel zu Nord Stream 1 und würden die Kapazität auf 110 Milliarden Kubikmeter im Jahr verdoppeln. Das entspricht schätzungsweise knapp der Menge, die in den nächsten Jahren durch versiegende Förderfelder in Westeuropa verloren geht – dies bei einem Gesamtbedarf von rund 480 Milliarden Kubikmetern Erdgas im Jahr.

          Deutschland muss außerdem den Atomausstieg bewältigen. Trump wettert gegen den Gas-Ersatz, aber insbesondere Politiker in Polen und den baltischen Staaten befürchten wie schon bei Nord Stream 1 ebenfalls ein geopolitisches Manöver Russlands. Dagegen steht, dass das Land außer Öl und Gas nicht viel exportieren kann und weiterhin auf Devisen angewiesen ist. Soviel ist sicher: Die europäisch-russische Energiepartnerschaft bedeutet auch ein  Stück Energieabhängigkeit, Nord Stream hin oder her.

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