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IWF, Weltbank, WTO und OECD : Sie warnen vor Zerstörung des Welthandels

IWF-Chefin Christine Lagarde, Weltbank-Präsident Jim Yong Kim, WTO-Generaldirektor Roberto Azevedo und OECD-Generalsekretär Angel Gurria (von links) auf Bali. Bild: AFP

Der Handelsstreit kann die Weltwirtschaft tiefgreifend beschädigen – so lautete die eindringliche Warnung von den vier führenden Wirtschaftsorganisationen. Den Schuldigen daran benennen andere.

          Wenn die Führer der vier multilateralen Wirtschaftsorganisationen sich gemeinsam an die Welt wenden, müssen sie eine gewichtige Botschaft haben. Am Mittwochmorgen mahnten die Chefs von Internationalem Währungsfonds (IWF), Weltbank, Welthandelsorganisation (WTO) und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Welt, Handelskonflikte beizulegen und die WTO zu stützen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          IWF-Chefin Christine Lagarde und ihre Kollegen nutzen dafür die Jahrestagung von IWF und Weltbank auf Bali, ohne Amerika und dessen Präsidenten Donald Trump mit einem einzigen Wort zu erwähnen. WTO-Generaldirektor Roberto Azevedo rief alle „Verteidiger des multilateralen Handelssystems“ dazu auf, „jetzt ihre Stimmen zu erheben“.

          Amerika beim Namen zu nennen, überließen die Chefs der multilateralen Organisationen den Chinesen: Sie erklärten praktisch zeitgleich auf Bali, Amerikas „Handelskrieg gegen China“ sei überaus gefährlich: „Er wird schwere Schocks im internationalen Wirtschafts- und Handelssystem und sogar eine weltweite Wirtschaftskrise auslösen“, erklärte das chinesisch bestimmte International Finance Forum (IFF). Es versteht sich als „F20“, als Finanzforum der wichtigen Länder der Erde. Die chinesische Notenbank pumpt zugleich mehr Geld in die heimische Wirtschaft, um die Konjunktur angesichts der Angriffe aus Amerika unter Dampf zu halten.

          „Unser Handelssystem ist nicht perfekt“

          Lagarde hatte zuvor gemahnt, dass die heutige Generation von Politikern daran gemessen werde, ein Handelssystem zu schaffen, das alle einbinde. „Es ist klar, unser Handelssystem ist nicht perfekt, und wir haben das auch nie behauptet“, sagte Azevedo. „Aber es ist das, was herauskommt, wenn Regierungen rund um die Erde über 70 Jahre mit aller Kraft zusammenarbeiten, um den Handel auszubauen.“ Das Quartett trat auf, nachdem der wachsende Handelskonflikt zwischen Amerika und China dazu führte, dass der IWF die Wachstumserwartungen der Welt für dieses und das nächste Jahr am Dienstag zurückgenommen hatte.

          Inzwischen wurden Zölle auf Waren im Wert von rund 360 Milliarden Dollar verhängt. „Immer höhere Zölle werden den Abbau der Armut zu einem Zeitpunkt verlangsamen, an dem wir das am wenigsten gebrauchen können“, sagte Jim Yong Kim, Präsident der Weltbank. „Die Aufgabe des offenen Handelssystems trifft vor allem und zuerst die armen Haushalte.“ Trump selbst kritisiert die WTO immer wieder lautstark und weigert sich, neues Führungspersonal für die Genfer Organisation zu benennen. Die Handelskommissarin der Europäischen Union, Cecilia Malmström, warnt sei Monaten vor dem Zusammenbruch der WTO.

          An Lagarde war es am Mittwoch aber auch, erste positive Zeichen auszumachen. Sie mahnte eine Entspannung und konstruktive Gespräche an. Mit Blick auf das pazifische Handelsabkommen TPP11, aus dem sich Amerika zurückgezogen hat, auf ein afrikanisches Abkommen und auf die Wiederbelebung des Nafta-Abkommens zwischen Amerika, Mexiko und Kanada unter dem Namen USMCA forderte sie: „Lassen Sie uns diesen Schwung nutzen, um Spannungen in Annäherung zu verwandeln.“ Und fügte an: „Wir wissen, dass Handel geholfen hat, unsere Welt zu verändern – indem er die Produktivität fördert, neue Technologien verbreitet und Waren billiger macht.“ Allein in Asien habe Handel entscheidend dazu beigetragen, „die größte Mittelschicht der Welt“ zu schaffen.

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