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Handelskonflikt : Spielt China seinen nächsten Trumpf aus?

China hat im Monat April so wenig amerikanische Schuldtitel gehalten wie seit zwei Jahren nicht mehr. Bild: Reuters

Mitten im Handelskrieg der beiden größten Wirtschaftsmächte verkauft Peking so viele amerikanische Staatsanleihen wie seit Jahren nicht mehr. Zieht China nach seiner angedrohten Beschränkung des Exports der Seltenen Erden nun seine nächste Waffe?

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          Es war Ende März des Jahres 2009, der Fall der Lehman-Bank, der die Weltfinanzkrise auf ihren Höhepunkt getrieben hatte, lag gerade Mal ein halbes Jahr zurück. Da stellte die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton in einem 75 Minuten dauernden Mittagessen ihrem Gast, dem australischen Ministerpräsidenten Kevin Rudd, einem ausgewiesenen China-Kenner, eine ängstliche Frage: „Wie verhandelst Du hart mit Deinem Banker?“

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Der „Banker“, der Clinton in ein Dilemma gestürzt hatte, weil sie ihn „tough“ behandeln wollte, während er gleichzeitig die Staatsschuld Amerikas finanzierte, war natürlich niemand anderes als die Volksrepublik China. Das Land, das so viele amerikanische Staatsanleihen hielt wie keine andere Nation – und damit den Schlüssel zum Wohl und Wehe der größten Wirtschaftsmacht der Welt.

          Bereits einen Monat zuvor hatte der Besuch der amerikanischen Außenministerin in Peking der ganzen Welt gezeigt, wer nun Koch und wer Kellner war in den Beziehungen der beiden Supermächte. Während der Schriftsteller und Systemkritiker Liu Xiaobo, der im darauffolgenden Jahr den Friedensnobelpreis erhalten sollte, in Peking unter Hausarrest stand, teilte Clinton der entsetzen Weltöffentlichkeit in Chinas Hauptstadt mit, der Ruf nach Einhaltung der Menschenrechte in der Volksrepublik dürfe die Lösung der Weltfinanzkrise „nicht behindern“.

          Den Gastgeber anbettelnd

          Anstatt für die Freilassung Lius zu werben, gegen den später im Jahr offiziell Anklage erhoben wurde und der 2017 in chinesischer Gefangenschaft sterben sollte, gab Clinton dem Pekinger Parteifernsehen ein Interview, in dem sie wie ein Versicherungsvertreter die Gastgeber anbettelte, weiter amerikanische Staatsanleihen zu kaufen: „Es ist eine sichere Investition“, sagte Clinton. „Die Vereinigten Staaten haben einen wohlverdienten finanziellen Ruf.“

          In der Woche zuvor waren die Renditen von zehn Jahre laufenden Staatsanleihen auf 2,77 Prozent gestiegen, während sie ein paar Wochen zuvor noch bei nur etwas über 2 Prozent gelegen hatten. Das hatte die Kosten für Haushypotheken in die Höhe getrieben, just in dem Moment als die amerikanische Notenbank „Federal Reserve“ den zusammengebrochenen Häusermarkt in den Vereinigten Staaten zu stabilisieren versuchte. Im gesamten Jahr werde das Land 2 Billionen Dollar an neuen Schulden aufnehmen müssen, um seine Wirtschaft zu retten, lauteten die düsteren Prognosen.

          China verkauft amerikanische Schuldtitel

          Selten wie nie zuvor wurde den Amerikanern klar, wie abhängig sie davon sind, dass China seine weltweiten Exportüberschüsse weiter in Amerika investiert. Und so ist es kein Wunder, dass die jüngste Nachricht von der Entwicklung der Staatsanleihenkäufe für reichlich Aufsehen in den Vereinigten Staaten sorgt: Demnach hat China im Monat April so wenig amerikanische Schuldtitel gehalten wie seit zwei Jahren nicht mehr – und das war wohlgemerkt vor der Kehrtwende des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der zur Überraschung Pekings plötzlich die Handelsgespräche absagte, die Zölle auf chinesische Importe im Wert von 200 Milliarden Dollar kräftig erhöhte und damit drohte, sämtliche chinesischen Einfuhren in die Vereinigten Staaten heftig zu verteuern, um China in die Knie zu zwingen.

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