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Amerikanische Schutzzölle : Deutsche Stahl- und Alukocher befürchten Importflut

Stahlarbeiter in Salzgitter. Bild: dapd

Ob Thyssen-Krupp, Arcelor oder Salzgitter: Den deutschen Stahlkonzernen geht es blendend. Doch jetzt fürchten sie billigen Stahl aus dem Ausland – und rufen ihrerseits nach Schutzzöllen.

          Nach der Verhängung der amerikanischen Schutzzölle ruft die deutsche Stahl- und Aluminiumindustrie ihrerseits nach Sonderzöllen, um steigende Einfuhren abzuwehren. Dahinter steht die Angst vor einer Importflut, weil Lieferländer verstärkt auf die vergleichsweise offenen europäischen Märkte ausweichen könnten. „Es ist jetzt wichtig, die Stahlunternehmen zumindest vor umgelenkten Handelsströmen zu schützen“, sagte Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Die Sorgen der Stahlkocher richten sich auf Staaten wie die Türkei, Russland oder Indien, die bisher zu den größten Stahlimporteuren der Vereinigten Staaten gehören und ebenfalls mit Sonderzöllen belegt worden sind. Erste Importeffekte seien bereits deutlich zu spüren: Nach Angaben des Branchenverbandes lagen die Einfuhren von Januar bis Ende März um 14 Prozent über dem Vorjahresniveau.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Sollte sich diese Entwicklung ungebremst fortsetzen, fürchtet die Stahlindustrie einen neuen Rückschlag. Auch weil Anti-Dumping-Zölle die hohen Einfuhren aus China zurückgedrängt haben, sind die Preise seit etwa einem Jahr wieder kräftig gestiegen. Als Lieferant für die Vereinigten Staaten spielt China kaum eine Rolle; Umlenkungseffekte sind laut Branchenverband deshalb vor allem von Lieferländern zu erwarten, gegen die bisher kaum Schutzmaßnahmen bestünden. Stahlkonzerne wie Thyssen-Krupp, Arcelor oder die Salzgitter AG haben seit Jahresbeginn durchgängig sehr gute Geschäftszahlen vermeldet und blickten zuversichtlich nach vorn. Auch unabhängige Beobachter rechnen in Deutschland bisher mit dem besten Stahljahr seit der Finanz- und Wirtschaftskrise vor zehn Jahren. „Eine erneute Eskalation wäre eine ernste Bedrohung für die Stahlindustrie in Deutschland und der EU“, warnte die Stahlvereinigung.

          Wirklich ernst würde es dann, wenn sich der Handelsstreit ausweitete und die Amerikaner auch gegen die Autoindustrie als einen der wichtigsten Abnehmer der Stahlindustrie vorgingen. Im Gegensatz zu solchen Zweit- und Drittrundeneffekten halten sich die unmittelbaren Auswirkungen der Importbeschränkungen in Grenzen. Deutsche Hüttenwerke liefern rund 1,3 Millionen Tonnen Stahl im Jahr in die Vereinigten Staaten – nur vier Prozent der Gesamtexporte. „Die direkten Auswirkungen auf die Salzgitter AG sind überschaubar“, sagte Jörg Fuhrmann, der Vorstandsvorsitzende des zweitgrößten deutschen Stahlkonzerns.

          Von „unmittelbar eher marginalen Konsequenzen“ war auch bei Arcelor die Rede, dessen deutsche Hüttenwerke überwiegend Kunden in Europa beliefern. Wichtigste amerikanische Abnehmer für deutschen Stahl sind die Fahrzeug- und Verpackungsindustrie. Meist bestehen langfristige Lieferverträge, so dass die Kunden nicht ohne weiteres ausweichen können. Das scheitere kurzfristig oft auch daran, dass die benötigten Stahlgüten anderweitig nicht zu bekommen seien, hieß es im Umfeld von Branchenprimus Thyssen-Krupp. Die österreichische Voestalpine gab sich ebenfalls gelassen. Maximal seien etwa drei Prozent des Konzernumsatzes von den amerikanischen Zöllen betroffen. Das wirtschaftliche Risiko bleibe damit „selbst in einem Extremfall sehr überschaubar“, so der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Eder.

          Auch die Aluminiumindustrie bewertet die Gefahr „einer künstlichen Verschiebung der Warenströme“ als sehr viel gravierender als die direkten Effekte. Anders als in der Stahlindustrie richten sich die Sorgen hier nicht zuletzt auf wachsende Einfuhren aus China, das auch in der Aluminiumproduktion hohe Überkapazitäten aufweist. „Die amerikanischen Strafzölle lösen das Problem der globalen Überproduktion, hervorgebracht durch China, nicht“, so ein Sprecher des Hydro-Konzerns, der in Grevenbroich Bleche für die Autoindustrie produziert und im benachbarten Neuss eine große Hütte und ein Walzwerk betreibt.

          Den Anteil der Exporte in die Vereinigten Staaten an der Produktion der Walzsparte bezifferte er auf einen geringen einstelligen Prozentsatz. „Unser Kernmarkt ist Europa.“ Ohnehin seien es die amerikanischen Verbraucher und die Volkswirtschaft, die die Folgen der Strafzölle und der Verteuerung von Aluminiumprodukten am härtesten zu spüren bekämen. Ähnlich äußerte sich ein Sprecher von Trimet, der größten deutschen Aluminiumschmelze mit Hütten in Hamburg, Essen und Voerde am Niederrhein. Der Konzern sei praktisch nicht direkt betroffen, weil er kaum nach Amerika liefere. Auch bei Trimet ist die Hauptsorge, dass eine Eskalation des Handelsstreits Kunden treffen könnte, die ihrerseits nach Amerika exportierten.

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