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Amerikas Zoll-Strategie : „Wenn man nicht dagegenhält, dann profitiert der Aggressor“

Gabriel Felbermayr leitet das Zentrum für Außenwirtschaft am Ifo-Institut und ist VWL-Professor an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Bild: dpa

Amerika verdient an den Zöllen gegen China rund 20 Milliarden Dollar im Jahr, sagt Gabriel Felbermayr im FAZ.NET-Gespräch. Der Außenhandelschef des Ifo-Instituts erklärt die Zoll-Strategie Amerikas.

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          Sie haben am Montag eine Studie veröffentlicht, in der Sie zu dem Schluss kommen, dass die Zölle Amerika nutzen. Wie kommen Sie zu dem Ergebnis – und über welche Größenordnung reden wir?

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In unserer Arbeit fragen wir: Wer bezahlt eigentlich die Zölle auf amerikanische Importe im Wert von 200 Milliarden Dollar aus China? Oft wird unterstellt, dass dies die Konsumenten oder verarbeitenden Unternehmen in den Vereinigten Staaten sind. Das ist aber keineswegs zwingend. Die Produzenten in China könnten ja auch ihre Preise senken, um ihren Marktanteil zu verteidigen, zum Beispiel indem sie auf Gewinn verzichten. In welchem Ausmaß sie das tun, ist eine empirische Frage. In der Studie finden wir, dass die chinesischen Produzenten circa vier Fünftel der Zollbelastung übernehmen, und nur etwa ein Viertel weitergeben. Warum? Weil die Vereinigten Staaten sich genau ausgesucht haben, welche Güter sie mit Zöllen belasten. Sie haben genau jene gewählt, bei denen die Produzenten in China wenig, die Verbraucher in Amerika viel Flexibilität haben.

          In der Studie steht, dass Amerika eine „optimale Zollstrategie“ fährt. Was verstehen Sie darunter? Heißt das, dass die Amerikaner einfach cleverer sind als die Chinesen?

          Seit Adam Smith wissen wir, dass man mit unilateralen Zöllen den Handelspartnern in die Tasche greifen kann. Er hat das damals mit „beggar-thy-neighbour“ umschrieben. Dabei darf man es freilich nicht übertreiben: Wenn die Zölle zu hoch sind und der Handel zu stark einbricht, dann verschwindet ja auch die Steuerbasis. Daher kennt die Literatur das Konzept der „optimalen Zölle“.

          Wenn es so einfach ist, mit Zöllen Geld zu verdienen: Sollte die EU auch wieder mehr Zölle erheben?

          Nein. Was unilateral erfolgsversprechend aussieht, ist im Kollektiv verheerend. Wenn alle Länder versuchen, sich mit Zöllen auf Kosten der Handelspartner zu bereichern, dann sind am Ende alle ärmer.

          Bisher hat man ja von fast allen Ökonomen gehört, dass sich Amerika mit den Zöllen selbst schadet. Hatte Trump also doch recht?

          Der schon aufgerufene Adam Smith hat immer noch Recht: Wenn die Handelspartner nicht reagieren, dann können maßvolle Zölle den Vereinigten Staaten nutzen – und zwar auf Kosten der Handelspartner. Viele Kollegen verweisen mit Recht darauf, dass all jene verlieren, die die mit Zöllen verteuerten Gütern konsumieren oder in der Produktion einsetzen. Aber es gibt auch zwei Gewinner: jene Industrien in Amerika, die im Schutz der Zölle höhere Preise durchsetzen können. Und natürlich der Finanzminister. Die Vereinigten Staaten erheben Zölle auf insgesamt 250 Milliarden Dollar; das bringt wahrscheinlich mehr als 20 Milliarden Dollar an Einnahmen.

          Warum kommen Sie zu einem anderen Ergebnis als die meisten anderen Ökonomen?

          Am Ende sind wir uns einig: Zölle sind gefährlich. Aber es sollte auch klar sein: Wenn man nicht dagegenhält, dann profitiert der Aggressor. Wenn wir uns die Analyse zu einfach machen, dann sind politische Fehler sehr wahrscheinlich.

          Gabriel Felbermayr leitet das Zentrum für Außenwirtschaft am Ifo-Institut und ist VWL-Professor an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität.

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