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Einzelhandel während Corona : Nur 1,50 Euro am Tag

  • -Aktualisiert am

Ulrike Bender verkauft in ihrem Handwerkskunstgeschäft Weihnachtsschmuck aus dem Erzgebirge. Bild: David Rech

Die Corona-Pandemie hat den Einzelhandel kalt erwischt. Pünktlich zu Beginn des Weihnachtsgeschäftes werden die Schutz-Maßnahmen noch einmal verschärft. Viele kleine Läden stehen vor dem Aus.

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          Ob sie nächstes Jahr noch eine Anstellung haben wird, kann Andrea Wagenbusch nicht sagen. Aber sie weiß, dass es schlecht aussieht. Die Verkäuferin eines Souvenirladens am Frankfurter Römerberg dekoriert ein Schaufenster, als draußen ein Hochzeitspaar vor dem großen Weihnachtsbaum fotografiert wird, da wo eigentlich gerade der Weihnachtsmarkt aufgebaut sein sollte. Sonst herrscht gähnende Leere auf dem Platz. „An manchen Tagen haben wir einen Umsatz von 1,50 Euro“, sagt Wagenbusch und zieht die Augenbrauen hoch, als könne sie es selbst nicht glauben. „Viel Hoffnung habe ich nicht“, gesteht sie.

          Seit fast 50 Jahren betreiben die Besitzer des Ladens zwei Geschäfte am Römer, doch so etwas wie die Corona-Pandemie, das hat hier noch keiner erlebt. Die Weihnachtsmärkte, die Messen, das Oktoberfest – sie alle treiben Kundschaft in den kleinen Laden, der Reiseandenken und Trachten verkauft. Doch Veranstaltungen gibt es seit Monaten nicht mehr und so bleibt die Kundschaft aus.

          Auf der anderen Seite des Platzes steht Anton Seckler vor dem Familiengeschäft. Er ist hier nur als Tony bekannt. Neben ihm stehen Postkartenständer, hinter ihm hängen Pullis mit „Frankfurt“-Aufschrift. Seit 1986 ist seine Familie an Frankfurts zentralem Platz, zehn Jahre später zogen sie in eines der historischen Gebäude der Ostzeile, in dem sie auch heute noch Reiseandenken verkaufen. Seckler spricht von 99 Prozent Umsatzeinbruch durch die Corona-Pandemie. „Wir haben nur aus Nostalgiegründen geöffnet“, sagt er und zupft seinen Mundschutz zurecht.

          Die Geschäfte am Römerberg und in der neuen Altstadt leben vom Tourismus. „Ein kurzer Vormittag war wie eine kleine Reise um die Welt“, erinnert sich Valerie Klaß von der Töpferei Bauer an den Sommer vor Corona. Heute fragt sie sich, für wen die Stadt eigentlich da ist.

          Die neue Altstadt in Frankfurt ist zu normalen Zeiten ein vielbesuchter Tourismusmagnet.
          Die neue Altstadt in Frankfurt ist zu normalen Zeiten ein vielbesuchter Tourismusmagnet. : Bild: David Rech

          Nur 500 Meter entfernt liegt eine der meist besuchten Einkaufsstraßen des Landes, die Zeil. Mehr als 14.000 Besucher wurden hier im Durchschnitt 2018 in der Stunde gezählt. Besucherrekorde wird sie dieses Jahr nicht brechen. In ein Einkaufszentrum auf der Zeil ist das Frankfurter Traditionskaufhaus Lorey mitten in der Corona-Pandemie gezogen. Als Haushaltswarengeschäft zählt es zu einem der wenigen, die davon profitieren, dass die Menschen mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen. „Wir spüren, dass Viele sich mit den schönen Dingen zuhause beschäftigen“, sagt Geschäftsführer Philipp Keller.

          Während Lorey durch das Weihnachtsgeschäft Umsatz macht, bleibt es in einer der Parallelstraßen ruhig. „Ich sehe, dass draußen Weihnachten ist, hier drinnen spüre ich das nicht“, sagt Michael Gabler und deutet auf den leeren Verkaufsraum des Familiengeschäfts. „Tradition in Leder seit 1877“ steht über den Schaufenstern des Lederwarenladens in großen Buchstaben. Bald könnte es zu Ende sein. Koffer, Akten- und Handtaschen, Rucksäcke - das alle brauchen die Menschen nicht, wenn sie weder Reisen, noch Ausgehen oder ins Büro gehen können, sagt Gabler. Über 70 Prozent Umsatzeinbruch verzeichnet das Geschäft. Die ersten Mitarbeiter mussten schon entlassen werden. Wenn es so weitergeht, werden es mehr. Hoffnung auf Besserung hat Gabler keine mehr.

          Auch Edyta Hornong macht sich Sorgen um ihre Stelle, aber auch um die Kunden. Sie ist Verkäuferin in einem Sanitätshaus. „Wir sind systemrelevant“, verkündet sie. Viele der Menschen, die hier einkaufen, sind vorerkrankt und trauen sich nicht mehr in die Stadt. Sie weiß, dass viele der Kunden eigentlich neue Produkte bräuchten. Der Verkäuferin ist es wichtig, dass sich Kunden in dem Geschäft sicher fühlen und wissen, dass sie auch in dieser Zeit Beratung erfahren.

          Die Kaffeerösterei Hoppenworth und Ploch hat eine Marktlücke entdeckt.
          Die Kaffeerösterei Hoppenworth und Ploch hat eine Marktlücke entdeckt. : Bild: David Rech

          Läuft man die Straßen fernab der Zeil entlang, wirkt es fast, als sei die Stadt in einen tiefen Winterschlaf gefallen. Viele Restaurants sind geschlossen, andere werden kreativ. Eine Pandemie-bedingte Marktlücke hat die Kaffeerösterei Hoppenworth und Ploch für sich entdeckt. Aus einem kleinen Fenster in der neuen Altstadt verkauft das Café Glühwein. Das Wochenendgeschäft läuft damit so gut wie zu normalen Zeiten, sagt die Mitarbeiterin Mia Buder. An den Fenstern gibt es am Wochenende auch mal Musik. „Wir haben unseren eigenen Mini-Weihnachtsmarkt“, erzählt sie, während sie einen großen weißen Topf Glühwein aufsetzt.

          Weihnachtliche Stimmung ist das Ladenkonzept von Ulrike Bender. Und das während des ganzen Jahres. Ein großer, knallroter Nussknacker steht vor dem Geschäft, drinnen tummeln sich eine Hand voll Kunden. Bender verkauft Weihnachtsschmuck aus dem Erzgebirge und ist eine der wenigen Ladenbesitzer, die momentan zufrieden sind. „Die Sommermonate waren eine Katastrophe“, sagt sie, doch das scheint mit Beginn des Weihnachtsgeschäftes fast in Vergessenheit geraten zu sein. „Das Geschäft ist natürlich nicht wie vorher, aber es übertrifft meine Erwartungen“, sagt Bender. Gerade jetzt kaufen viele Kunden große Geschenke für die Verwandtschaft, die sie nicht besuchen können. Sie spricht von der optimistischen Stimmung der Kunden in ihrem Geschäft. Der Kontrast zu den Souvenirläden nur wenige Meter entfernt könnte nicht größer sein.

          Während viele Ladenbesitzer ihre Existenzgrundlage schwinden sehen, boomt das Onlinegeschäft. Im Modehaus Eckerle fängt das die Umsatzeinbrüche aus dem Ladengeschäft gerade so auf. Der Handelsverband Hessen geht für die letzten beiden Monaten von einem Umsatzplus aus, was am starken Wachstum des Onlinehandels liegt. Gerade der stationäre Bekleidungshandel, die Parfümerien und der Handel mit Spielwaren in Hessen leide wiederum enorm unter den coronabedingt geringeren Kundenfrequenzen, heißt es auf der Pressekonferenz des Verbandes. Es ist die Rede von einer dramatischen Lage. Vielerorts werden Geschäfte nicht überleben können.

          Laut Konsumbarometer des Handelsverbands wollen 44 Prozent der Verbraucher ihre Weihnachtseinkäufe verstärkt online erledigen. Auch die Buchhandlung Walter und König profitiert vom Onlinehandel. Aber auch von der Solidarität, die das Geschäft erfährt. Besonders Stammkunden kaufen nun verstärkt, auch wenn die breite Masse fehlt. „Es ist ein bisschen schizophren. Alle sollen zuhause bleiben, aber sie sollen auch alle einkaufen“, sagt der Buchhändler Olaf Kriszio. Es sei ein Spagat für den Einzelhandel, am Wochenende gebe es lange Schlangen. Im Schaufenster der Buchhandlungen liegen dicke Kunstkataloge, die Tür steht offen – es wird gelüftet. Was die nächsten Monate bringen, weiß hier keiner. „Augen zu und durch“, mehr kann auch Kriszio nicht dazu sagen.

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