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Einzelhandel während Corona : Nur 1,50 Euro am Tag

  • -Aktualisiert am

Auch Edyta Hornong macht sich Sorgen um ihre Stelle, aber auch um die Kunden. Sie ist Verkäuferin in einem Sanitätshaus. „Wir sind systemrelevant“, verkündet sie. Viele der Menschen, die hier einkaufen, sind vorerkrankt und trauen sich nicht mehr in die Stadt. Sie weiß, dass viele der Kunden eigentlich neue Produkte bräuchten. Der Verkäuferin ist es wichtig, dass sich Kunden in dem Geschäft sicher fühlen und wissen, dass sie auch in dieser Zeit Beratung erfahren.

Die Kaffeerösterei Hoppenworth und Ploch hat eine Marktlücke entdeckt.
Die Kaffeerösterei Hoppenworth und Ploch hat eine Marktlücke entdeckt. : Bild: David Rech

Läuft man die Straßen fernab der Zeil entlang, wirkt es fast, als sei die Stadt in einen tiefen Winterschlaf gefallen. Viele Restaurants sind geschlossen, andere werden kreativ. Eine Pandemie-bedingte Marktlücke hat die Kaffeerösterei Hoppenworth und Ploch für sich entdeckt. Aus einem kleinen Fenster in der neuen Altstadt verkauft das Café Glühwein. Das Wochenendgeschäft läuft damit so gut wie zu normalen Zeiten, sagt die Mitarbeiterin Mia Buder. An den Fenstern gibt es am Wochenende auch mal Musik. „Wir haben unseren eigenen Mini-Weihnachtsmarkt“, erzählt sie, während sie einen großen weißen Topf Glühwein aufsetzt.

Weihnachtliche Stimmung ist das Ladenkonzept von Ulrike Bender. Und das während des ganzen Jahres. Ein großer, knallroter Nussknacker steht vor dem Geschäft, drinnen tummeln sich eine Hand voll Kunden. Bender verkauft Weihnachtsschmuck aus dem Erzgebirge und ist eine der wenigen Ladenbesitzer, die momentan zufrieden sind. „Die Sommermonate waren eine Katastrophe“, sagt sie, doch das scheint mit Beginn des Weihnachtsgeschäftes fast in Vergessenheit geraten zu sein. „Das Geschäft ist natürlich nicht wie vorher, aber es übertrifft meine Erwartungen“, sagt Bender. Gerade jetzt kaufen viele Kunden große Geschenke für die Verwandtschaft, die sie nicht besuchen können. Sie spricht von der optimistischen Stimmung der Kunden in ihrem Geschäft. Der Kontrast zu den Souvenirläden nur wenige Meter entfernt könnte nicht größer sein.

Während viele Ladenbesitzer ihre Existenzgrundlage schwinden sehen, boomt das Onlinegeschäft. Im Modehaus Eckerle fängt das die Umsatzeinbrüche aus dem Ladengeschäft gerade so auf. Der Handelsverband Hessen geht für die letzten beiden Monaten von einem Umsatzplus aus, was am starken Wachstum des Onlinehandels liegt. Gerade der stationäre Bekleidungshandel, die Parfümerien und der Handel mit Spielwaren in Hessen leide wiederum enorm unter den coronabedingt geringeren Kundenfrequenzen, heißt es auf der Pressekonferenz des Verbandes. Es ist die Rede von einer dramatischen Lage. Vielerorts werden Geschäfte nicht überleben können.

Laut Konsumbarometer des Handelsverbands wollen 44 Prozent der Verbraucher ihre Weihnachtseinkäufe verstärkt online erledigen. Auch die Buchhandlung Walter und König profitiert vom Onlinehandel. Aber auch von der Solidarität, die das Geschäft erfährt. Besonders Stammkunden kaufen nun verstärkt, auch wenn die breite Masse fehlt. „Es ist ein bisschen schizophren. Alle sollen zuhause bleiben, aber sie sollen auch alle einkaufen“, sagt der Buchhändler Olaf Kriszio. Es sei ein Spagat für den Einzelhandel, am Wochenende gebe es lange Schlangen. Im Schaufenster der Buchhandlungen liegen dicke Kunstkataloge, die Tür steht offen – es wird gelüftet. Was die nächsten Monate bringen, weiß hier keiner. „Augen zu und durch“, mehr kann auch Kriszio nicht dazu sagen.

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