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Mitten im Fachkräftemangel : Wenn 80 Prozent durch die Krankenpflegeprüfung fallen

Eine Krankenpflegerin im Einsatz im Corona-Bereich einer Station Bild: Lucas Bäuml

Krankenpfleger werden händeringend gesucht. Auch deswegen organisierte man in Stuttgart ein teures Modellprojekt. Es scheiterte. Dabei war das Problem von Beginn an offensichtlich.

          3 Min.

          Vieles, was 2021 danebengegangen ist, darf man im neuen Jahr getrost vergessen. Zu den Fehlschlägen, aus denen es für die Zukunft dagegen unbedingt etwas zu lernen gilt, zählt diese Geschichte aus Stuttgart. Dort traten im vergangenen Sommer 19 Frauen und Männer zu ihren Abschlussprüfungen an, die am Robert-Bosch-Krankenhaus eine Ausbildung zur Krankenpflegefachkraft gemacht hatten. Nur vier von ihnen haben bestanden.

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein Debakel ist das zuallererst für die 15 Durchgefallenen, die nun ohne ein Abschlusszeugnis für ihr Berufsleben dastehen. Bei einer Durchfallquote von knapp 80 Prozent spricht viel dafür, dass dafür nicht bloß individuelles Versagen verantwortlich gewesen sein wird. Zumal einige weitere Teilnehmer die Ausbildung schon vor dem Prüfungstermin abgebrochen hatten.

          Der Misserfolg ist auch gesamtgesellschaftlich ein Debakel, sind Pflegekräfte in Deutschland doch Mangelware. Mindestens 35.000 Stellen sind nach einer Analyse des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung unbesetzt, Tendenz steigend. Ein Debakel ist die Angelegenheit schließlich für die Robert-Bosch-Stiftung, die das Krankenhaus trägt und ausgerechnet diese Ausbildungsklasse zu einem Vorzeigeprojekt machen wollte. Im Jahr 2017 wurde dafür mit einem „über die gesetzlichen Ausbildungsanforderungen hinausgehenden Zusatzangebot“ geworben: „bundesweit einmalig“.

          Mehrkosten 1,3 Millionen Euro

          Der Clou war, dass die Klasse teils aus Deutschen und teils aus Flüchtlingen bestehen sollte, die beispielsweise aus Syrien, Iran, dem Irak und Afghanistan gekommen waren und in ihrer neuen Heimat eine berufliche Zukunft suchten. Den Teilnehmern sollten außer der Praxis und Theorie der Krankenpflege auch noch interkulturelle Kompetenzen vermittelt werden. Statt der üblichen drei Jahre dauerte die Ausbildung deshalb ein Jahr länger, es gab dafür auch mehr Personal als gewöhnlich. Die Stiftung ließ sich das zusätzlich zu den regulären Ausbildungskosten, für die mit dem Geld von Steuerzahlern und Versicherten die Krankenhäuser aufkommen, 1,3 Millionen Euro auf eigene Rechnung kosten.

          Auf die Idee, die Zuwanderung aus dem Ausland zu nutzen, um etwas gegen die Pflegelücke in Deutschland zu tun, sind auch andere schon gekommen. Die Zahl der Fachkräfte aus dem Ausland in der Alten- und Krankenpflege steigt seit Jahren kontinuierlich. Jens Spahn (CDU) ist als Bundesgesundheitsminister beispielsweise eigens nach Mexiko und in das Kosovo gereist, um dort Pflegekräfte anzuwerben. Die Bundesagentur für Arbeit hat mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und dem Goethe-Institut nach eigener Auskunft allein in den beiden vergangenen Jahren rund 4000 Pflegekräfte im Ausland mit Sprachkursen und bürokratischer Schützenhilfe auf den Wechsel nach Deutschland vorbereitet. Die Abbrecherquote in diesen sogenannten „Triple-Win-Programmen“ beziffert die Bundesagentur auf etwa 10 Prozent.

          Sprachniveau A2 genügte

          Was also lief in Stuttgart so kolossal schief? Im Rückblick liegt das größte Problem so sehr auf der Hand, dass man es wohl auch im Vorhinein schon hätte wissen können: Die Flüchtlinge wurden in die Klasse aufgenommen, selbst wenn sie noch sehr geringe Deutschkenntnisse hatten. Eine bestandene A2-Sprachprüfung genügte, das entspricht Grundkenntnissen. Die nächste von insgesamt sechs Stufen zwischen A1 und C2, auf denen in der EU Fremdsprachenkenntnisse offiziell eingeordnet werden, sollten sie als Teil ihrer Pflegeausbildung erklimmen. Dafür wurden ihnen Deutschkurse angeboten. Die Teilnahme war jedoch freiwillig, verpflichtende Zwischenprüfungen gab es nicht.

          Eine verhängnisvolle Konstellation. „A2 ist viel zu wenig, um diese Ausbildung anzufangen“, kritisiert Ingrid Hofmann, die mehr als 30 Jahre lang in Frankfurt Pflegekräfte ausgebildet hat. Für Auszubildende ohne fachliche Vorkenntnisse sei nach ihrer Erfahrung das Niveau C1 nötig. Die Bundesagentur bringt die „Triple-Win“-Teilnehmer, die in ihren Heimatländern schon eine Fachausbildung absolviert haben, vor dem Umzug nach Deutschland immerhin auf die Stufe B1 und veranschlagt dafür typischerweise neun Monate.

          „Daraus müssen wir lernen“

          „Wir wollten damals, nachdem so viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren, ein politisches Signal senden“, sagt Professor Mark Dominik Alscher, der Geschäftsführer des Robert-Bosch-Krankenhauses. „Das war gut gemeint, hat aber nicht gut funktioniert. Daraus müssen wir lernen.“ Ein Beirat sei zu dem Schluss gekommen, dass es der Kurs mit dem Prinzip der Eigenverantwortung übertrieben habe. Inzwischen ist zudem ein Beratungsinstitut mit der Evaluation des Fehlschlags beauftragt worden. Dafür wurden auch die mehrheitlich durchgefallenen Teilnehmer einzeln befragt. An der Spitze der Pflegeschule, die für die Konzeption verantwortlich war, hat es einen Wechsel gegeben – aus anderen Gründen, wie Alscher sagt. Er selbst war gerade frisch im Amt, als der vermeintliche Vorzeigekurs 2017 anlief.

          Die Robert-Bosch-Stiftung ist die Mehrheitseigentümerin des Stuttgarter Bosch-Konzerns. Sie finanziert sich aus der Dividende, die das Unternehmen ausschüttet. Die Stiftung hat üppige Zeiten hinter sich, mit einer Ausschüttung von 218 Millionen Euro war 2018 bisher das Rekordjahr. Seitdem sinken die Einkünfte jedoch, für 2020 waren es 60 Millionen Euro, Bosch macht unter anderem der Umbruch in der Autoindustrie zu schaffen. Das Fördervolumen der Stiftung ist von 153 auf 80 Millionen Euro zurückgegangen; für 2022 ist ein Sparprogramm mit Stellenstreichungen angekündigt.

          Da sind 1,3 Millionen Euro für eine blauäugig konzipierte Ausbildung keine Kleinigkeit. Klinikgeschäftsführer Alscher verteidigt das Modellprojekt gleichwohl, man habe wertvolle Lehren daraus gewonnen: „Für mich ist das gut investiertes Geld.“ Der zweite Jahrgang, der 2018 seine Ausbildung angefangen hat, soll im Sommer seine Prüfungen ablegen. Einen dritten Jahrgang gibt es nicht.

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