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Handelsexpertin im Gespräch : „Der China-Schock traf Amerika am stärksten“

Schwieriges Verhältnis: Donald Trump und Xi Jinping im Peking im November des vergangenen Jahres. Bild: AP

Was verspricht sich Donald Trump vom Handelsstreit mit Peking? Handelsexpertin Dalia Marin spricht im Interview mit FAZ.NET über den Aufstieg Chinas, Drogenprobleme in Amerika, Deutschlands Vorteil – und wie wir nun reagieren sollten.

          Frau Professorin Marin, der amerikanische Präsident Trump schimpft über China und hat nun Milliardenzölle in Kraft gesetzt. Sie selbst haben analysiert, dass sich Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) merklich ausgewirkt hat auf die Vereinigten Staaten. Wie?

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Der Beitritt Chinas zur WTO hat sich im Vergleich zu anderen Industrieländern am stärksten auf die amerikanische Volkswirtschaft ausgewirkt. In den Vereinigten Staaten ist die Importkonkurrenz aus China um 25 Prozentpunkte zwischen 2001 und 2014 gestiegen. Das heißt: Betrugen die Importe aus China vor dem Beitritt zur WTO 5 Prozent der Produktion eines Industriezweigs, so stieg dieser Anteil auf 30 Prozent im Jahr 2014. Das ist ein enormer Anstieg. Neueste Forschungen  aus den Vereinigten Staaten zeigen, dass 20 Prozent des Sinkens des Industrieanteils am Bruttonationalprodukt Amerikas auf diese verschärfte Importkonkurrenz aus China zurückzuführen ist.

          Warum ist das ein Problem?

          Bisher sind wir in der Handelsforschung davon ausgegangen, dass eine Handelsliberalisierung zwar die der Importkonkurrenz ausgesetzten Sektoren schrumpfen lässt, dafür aber den Exportsektor expandieren lässt, sodass die Arbeitsplatzverluste des schrumpfenden Sektors durch Arbeitsplatzgewinne in den expandieren Sektoren ausgeglichen wird.

          Und dieses Mal war das anders?

          Genau, bei der Handelsliberalisierung mit China war das nicht so. Arbeiter in den sogenannten importexponierten Sektoren wurden arbeitslos. Ein Teil davon fanden wieder nach einer langen Durststrecke wieder einen Job, dabei mussten sie jedoch wesentliche Lohneinbussen hinnehmen. Die Anpassung an den China-Schock dauerte viel länger und war mit viel größeren Einkommensverlusten für die betroffenen Arbeitskräfte verbunden als wir dies von bisherigen Handelsliberalisierungen mit Billiglohnländern gewohnt waren: In den Vereinigten Staaten ist die Selbstmordrate unter der weißen männlichen Bevölkerung mittleren Alters drastisch angestiegen, die Vereinigten Staaten haben ein riesiges Drogenproblem. Die Verlierer der Handelsliberalisierung haben in den Vereinigten Staaten keine Hilfe bekommen. Das erklärt die Wut und Verzweiflung, die zum Wahlsieg von Trump beigetragen hat.

          Dalia Marin ist Professorin für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

          Welches Ziel verfolgt Trump mit den Zöllen?

          Trump hat auch diesen Wählerkreis im Auge, wenn er verspricht, dass die Importzölle zu einer Wiederbelebung des Industriesektors führen wird. Die Importzölle werden aber den Industriesektor in den Vereinigten Staaten nicht wieder bringen, im Gegenteil: Die Zölle auf Aluminium und Stahl sind wichtige Vorleistungen für die Stahl- und Autoindustrie, die amerikanische Autos verteuern und noch weniger wettbewerbsfähig machen wird. Die Firma Harley Davidson ist ein Beispiel dafür.

          Kann er mit den Zöllen gar nichts erreichen?

          Wenn geschickt gemacht, kann die Androhung von Zöllen durch Herrn Trump auch einen positiven Einfluss auf das Welthandelssystem haben. Nehmen wir das Beispiel China: China hat eine sehr clevere Industriepolitik verfolgt, indem es den Eigentumsanteil ausländischer Investoren begrenzt hat. Dadurch konnte China einen Technologietransfer von den Vereinigten Staaten und Deutschland erzwingen, der der chinesischen Wirtschaft zugute kam. Manche nennen das Technologieklau. Aber eine solche Industriepolitik kann durchaus insbesondere für ein so großes Land wie China gerechtfertigt werden.

          Wieso das?

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