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Der beliebteste Deutsche : Günther Jauch wird Winzer

Das Weingut von Othegraven in Kanzem soll von Günter Jauch übernommen werden Bild: dpa

Der Fernsehmoderator kauft sich ein Weingut an der Saar. Über die Gründe schweigt er sich aus. Vermutlich sind es schlicht familiäre Pflichten, die ihn in den Weinberg treiben. An der Saar sind die Winzer jedenfalls aus dem Häuschen.

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          Wer über Jahre sein Publikum bei Laune hält, muss sich um seine Finanzen keine Sorgen mehr machen. „Wer wird Millionär?“, diese Frage stellt Günther Jauch nur wöchentlich im Fernsehen, bei ihm selbst stellt sie sich nicht mehr. Er ist schon lange einer. Er hat aus seiner Beliebtheit längst Kapital geschlagen. Aber Günther Jauch ist klug - er kann Matthäus im Neuen Testament verorten und beim israelischen Fußball-Erstligisten Maccabi Netanya - und macht keine Dummheiten. Keine Affären, keine Trunkenheitsfahrten, kein Ausfall auf offener Bühne. Günther Jauch ist viel zu reflektiert für Dummheiten. Manche sagen, Jauch ist mit angezogener Handbremse unterwegs.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Für seine Heimatstadt Potsdam ist Jauch ein Glücksfall. „Jeden Cent“ seiner Werbeeinnahmen spendet er für gemeinnützige Zwecke, und zehn Prozent seiner Fernseheinnahmen kommen noch obendrein. Zusammen mit Softwaremilliardär Hasso Plattner setzt er sich für den Wiederaufbau des historischen Stadtschlosses ein. Das Eingangsportal hat Jauch finanziert, angeblich 3,5 Millionen Euro aus seiner Werbung für die Betonindustrie sind alleine da reingeflossen. Jauch ist eine Werbeikone. Die Gesellschaft für Konsumforschung hat ihn 2005 als „best brand“ ausgezeichnet. Krombacher, Telekom, Süddeutsche Klassenlotterie, Quelle, Post, Premiere, Bundesbank - dem beliebtesten Deutschland kauft man alles ab.

          Seit 2000 ist Jauch selbst Unternehmer. Anfangs mit Gruner & Jahr gemeinsam, betreibt er die Produktionsfirma I & U TV in Köln heute auf eigene Faust. 60 fest- angestellte Mitarbeiter produzieren 29 „Formate“ - von „Stern-TV“ bis zur „Uri-Geller-Show.“ Der Bundesanzeiger weist für 2006 einen Gewinn von 4,5 Millionen Euro aus. Nur einer von vielen Belegen für seinen Erfolg. Jauch ist überall - das Marktforschungshaus Thomson Media Control hat für 2009 alleine 1143 Fernsehspots gezählt, in denen er für Produkte oder Sendungen wirbt, oder in denen anderen mit Günther Jauch werben. Seine regulären Sendungen sind darin noch gar nicht mitgezählt.

          Günther Jauch
          Günther Jauch : Bild: ddp

          Sein Privatleben hält der 53-Jährige hingegen sorgsam bedeckt. Geboren in Münster als ältestes von drei Kindern, ist er in Berlin aufgewachsen. Jauch wollte früh Journalist werden, wie sein Vater. In München studiert er Jura und Politik. Als die Münchner Journalistenschule ihn aufnahm, verließ er die Universität ohne Abschluss. Er hatte sein Metier gefunden. Heute lebt Jauch in Potsdam mit Frau und vier Töchtern. Als er 2006 seine langjährige Lebensgefährtin heiratete, veröffentlichten die „Berliner Morgenpost“ und die Berliner Lokalausgabe der „Welt“ gegen seinen Willen Fotos von der Feier. Jauch verklagte daraufhin den Springer-Verlag auf Schmerzensgeld und fiktive Lizenzgebühren und verlor. Gerade hat der Bundesgerichtshof seine Beschwerde zurückgewiesen. Sein Anwalt will nun sogar Verfassungsbeschwerde einlegen.

          Bei seinem Privatleben hört der Spaß für Günther Jauch auf. Jauch ist konservativ erzogen, ein Katholik, der sich in Berlin für Religion als Pflichtfach an der Schule einsetzt. Er sagt, er habe ein generelles Problem mit Leuten, die stolz darauf seien, „dass sie keine Zeitung lesen und sich nur noch online informieren“. Und dass ein erfülltes Leben ohne Anstrengung nicht gehe.

          Jauchs Großmutter kommt aus Othegraven

          Und so einer wie Günther Jauch, der Bildung predigt, und Arbeit und Humanismus, der kommt jetzt an die Saar und gönnt sich ein Weingut? Wie Francis Ford Coppola, Gianna Nannini, Bob Dylan, Madonna, Cliff Richard, Jarno Trulli, Andrea Bocelli, Prinz Henrik aus Dänemark, Patrizia Lamborghini und die vielen ungenannten B-Prominenten, die sich ein Weingut halten wie andere Leute ein Terrarium? Oder aus purer Leidenschaft, wie das menschliche Urgestein Gérard Depardieu, der Weingüter an der Loire, in Bordeaux und in Sizilien unterhält und von sich sagt, er mag Riesling am liebsten am Morgen?

          Kaum zu glauben, und dennoch wird es so kommen: Günther Jauch wird Winzer. Bald schon wird ihm das Weingut von Othegraven im 600-Seelen-Örtchen Kanzem an der Saar gehören. Eine gute Riesling-Adresse, bekannt für ihre Steillagen. Über die Gründe schweigt sich Jauch aus. Vermutlich sind es schlicht familiäre Pflichten, die ihn in den Weinberg treiben.

          Seine Großmutter ist eine geborene von Othegraven und die jetzige Besitzerin sucht eine dauerhafte Nachfolgelösung. An der Saar sind die Winzer jedenfalls aus dem Häuschen. „Eine Lokomotive“ wäre das, sagt Mosel-Weinbaupräsident Rolf Haxel. Wenn dann noch tatsächlich Depardieu käme, wie man an der Mosel schon länger munkelt, dann würde Mosel-Saar-Ruwer endlich in einem Atemzug mit Bordeaux genannt, ein Traum.

          Der sonst so elitäre Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) will der Mitgliedschaft von Nichtwinzer Jauch keine Steine in den Weg legen. Schließlich bleibt das Gut ja in der Familie. Ob Jauch dereinst auf dem „Kanzemer Altenberg“, dem „Wiltinger Kupp“ oder dem „Ockfener Bockstein“ kraxelt, um Reben zu schneiden? Der beliebteste Deutsche würde vermutlich auch dabei eine gute Figur machen. Die Hoffnungen auf einen Promibonus an der Saar könnten dennoch trügen. Fotos davon wird es nämlich nicht geben. Günther Jauch tut hier nur seine Pflicht.

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