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Chinas Erwachen : „Vergesst das Silicon Valley!“

Das neue Silicon Valley? Die Chinesen sehen Pudong, einen Stadtteil von Schanghai, schon jetzt vorne. Bild: AFP

Der Aufstieg Chinas zur wirtschaftlichen Weltmacht macht vielen Angst – für Chinesen ist es der natürliche Lauf der Dinge.

          Wird China bald wieder Weltmacht Nummer eins? Für die Reichen und Schlauen, die sich im „Harvard Club“ der chinesischen Wirtschaftsmetropole Schanghai bei Häppchen und Champagner trifft, ist das die falsche Frage. Nummer eins, da sind sich die Chinesen Mitte Dreißig in schnittigen Anzügen und Abendkleidern sicher, ist das Land schon. „Der Aufstieg smarten Unternehmertums in China“, heißt das Thema des Abends im Songshan-Raum des Kempinski-Hotels, benannt nach dem mittleren der Fünf Heiligen Berge von Zhong Guo, dem Reich der Mitte, wie China bis heute im Chinesischen heißt, der einst vollendeten Zivilisation. Auf den Weltkarten, die in den Kinderzimmern der Volksrepublik hängen, liegt China wieder im Zentrum.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Ein Start-up-Unternehmer trägt seine Erfolgsgeschichte vor: Seine Smartphone-App, mit der die Nutzer Restaurants vergleichen und bewerten können, sei in wenigen Jahren nun in fast 40 Städten in Asien zu nutzen, die Zahl der Kunden in die Höhe geschossen. Ob das alles so stimmt, ist schwer nachprüfbar, doch das interessiert die Gäste nicht, die alle auf ihrem Ausbildungsweg in Harvard Station gemacht haben.

          Dass die berühmteste Universität der Welt ihren Ruf daraus bezieht, dass in Amerika im Gegensatz zu China die Freiheit des Denkens und Lebens die klügsten Köpfe aus aller Welt anzieht, ist heute Abend kein Thema. Vor der glitzernden Hochhauskulisse des Stadtviertels Pudong, in dem mehr Menschen wohnen als in Berlin und Hamburg zusammen, schmettert die Gastgeberin das Selbstbewusstsein einer neuen Supermacht ins Mikrofon: „Vergesst das Silicon Valley, Schanghai ist der kreativste Platz auf der ganzen Welt!“

          Entwicklung Chinas hat nicht nur Nachteile

          Auch im Blauen Saal des Außenministeriums in Peking hängt eine Karte mit China im Zentrum der Erde, vor der Chinas Diplomaten täglich der internationalen Presse die entsprechende Weltsicht verkünden: Von der „großen Verjüngung“ des Landes ist dort bei fast jedem Auftritt eines Ministers oder Sprechers die Rede, womit der Aufstieg Chinas an die Weltspitze gemeint ist – dort, wo das Land nach eigenem Selbstverständnis hingehört. Das ist „der chinesische Traum“, den Präsident und Alleinherrscher Xi Jinping zur nationalen Ideologie erklärt hat.

          In jüngster Zeit kommt vor der Weltkarte mit China im Zentrum allerdings weniger der Aufstieg des Milliardenvolks zur Sprache als vielmehr zwei Worte, mit denen die mächtigste Regierung auf dem Erdball dem Rest der Weltbevölkerung die Angst nehmen will, bald vom Riesen aus Fernost überrannt zu werden: „Win-win“ lautet die Formel, die sich Peking auf die Fahnen geschrieben hat, seit Amerika und die EU immer lauter rufen, der Aufstieg Chinas zur Wirtschaftsmacht Nummer eins gefährde den Wohlstand des Westens.

          Win-win soll heißen: Von Chinas schnellem Wachstum profitiert die ganze Welt. Dass der chinesische Technologiekonzern ZTE aus Amerika Halbleiter und Software beziehe, um damit den superschnellen Netzwerkstandard der Zukunft namens 5G zu entwickeln, sei keine Bedrohung für die technologische Vormachtstellung der Vereinigten Staaten, sondern ein gutes Geschäft für Amerika. Kaufe ein chinesisches Unternehmen wie Midea einen deutschen Roboterhersteller wie Kuka, dann sei das nicht der Ausverkauf der industriellen Zukunft Deutschlands, sondern die Chance, in China einen riesigen Absatzmarkt zu erschließen. Um solche Themen, davon ist auszugehen, wird es auch an diesem Montag gehen, wenn sich die deutsche Regierung mit der chinesischen trifft.

          Dass trotzdem in Europa und Amerika Stimmen lauter werden, die danach rufen, Investitionen chinesischer Unternehmen im Westen zu kontrollieren und gegebenenfalls zu verbieten, hat sich Chinas Führung selbst eingebrockt. Dass selbst unter deutschen Konzernchefs nicht wenige hinter vorgehaltener Hand das Ziel des Handelskriegs von Donald Trump gegen China loben, hat mit einem Papier zu tun, in dem Peking vor Jahren aufgeschrieben hat, wie es die Führung der Welt zu erobern gedenkt: Made in China 2025 heißt die Strategie, nach der die Volksrepublik in zehn Schlüsselbranchen in kurzer Zeit eine führende Rolle einnehmen soll. Wo eigene Technik dabei fehlt, wird sie eben im Ausland eingekauft, das ist der Plan.

          Eine Frage des Preises

          Das Geld dafür ist vorhanden. Zwar will der chinesische Staat die Unternehmen zwingen, ihre gefährlich hohe Verschuldung abzubauen, die 2017 bei rund 170 Prozent der Wirtschaftsleistung Chinas lag. Doch wenn es um strategisch wichtige Technik geht, gibt es genug Geld von den Staatsbanken. Ob man in Deutschland lohnende Übernahmeziele kenne, werden deutsche Besucher in den Glastürmen der Schanghaier Investmentfonds gefragt. Welche Branche? „Egal“.

          Dass die Aufkäufer Preise zu zahlen bereit sind, die kein westlicher Wettbewerber stemmen kann, weil er nicht über die großzügigen Kredite chinesischer Staatsbanken verfügt, mag der Westen als unfair kritisieren. In China selbst, in dem die Abgrenzung von Staat und Wirtschaft als politische Idee allenfalls um die Jahrtausendwende Gesprächsthema war, sehen die wenigsten in der von der Regierung gesteuerten Expansionsstrategie ein Problem. Warum auch? War es nicht die Schuld des Westens, dass die einst führende Wirtschaftsnation der Welt Ende des 19. Jahrhunderts nach den beiden Opiumkriegen einen rasanten Abstieg hinlegte und ein über 100 Jahre dauerndes „Zeitalter der Erniedrigung“ durchlitt?

          So wird es bis heute von der Parteipropaganda gelehrt. Niemals wieder soll das Land wirtschaftlich abgehängt werden, das schwört Präsident Xi Jinping seinen Landsleuten. Ob Roboterbau, Künstliche Intelligenz oder das Autonome Fahren: Zukunftstechnologien, die bald die Welt beherrschen werden, sollen aus China stammen.

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