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Dennis Meadows im Gespräch : „Wir haben die Welt nicht gerettet“

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Nun, wir konnten nur die Daten verwenden, die uns damals zur Verfügung standen. Wir haben das Modell ja im Laufe der Zeit überarbeitet und verbessert und die Ergebnisse 1992 unter dem Titel „Beyond the Limits“, deutsch „Die neuen Grenzen des Wachstums“, vorgestellt. Und 2004 haben wir ein 30-Jahre-Update aufgelegt. Aber wir mussten das Modell nicht grundlegend auf den Kopf stellen. Für den Stand der Forschung haben wir 1972 einen guten Job gemacht.

Was hatten Sie unterschätzt?

Zum Beispiel den Einfluss des Einkommens auf die Bevölkerungsentwicklung. Er war größer, als wir dachten. Außerdem gab es die Diskussion um den Klimawandel 1972 noch nicht so wie heute.

Wachstumskritik ist wieder in Mode, etwa bei der bankenkritischen Bewegung „Occupy“. Sind das Ihre Erben?

Nein, überhaupt nicht. Ich war gerade in Berlin, als die Bewegung mit ihren Aktionen für viel Aufmerksamkeit sorgte. Wenn Sie mit fünf Occupy-Leuten reden und fragen, was die überhaupt wollen, werden Sie fünf verschiedene Antworten bekommen. Mir fehlt da die Analyse. Das sind eben keine Wissenschaftler wie wir damals.

Die Wachstumsdebatte hat sich seit 1972 ständig verändert. Ist das Buch heute überholt?

Nein, es gab seither viele interessante Ideen, aber der Kern unseres Buchs wurde davon nicht berührt. Es war ja gar nicht das Ergebnis unserer Studie, dass es Grenzen des Wachstums gibt. Insofern ist der Titel eigentlich falsch. Es war unsere Voraussetzung, dass es auf einem endlichen Planeten Grenzen des physischen Wachstums geben wird. Für uns war spannend: Wann und wie werden diese Grenzen erreicht? Unser Ergebnis war, dass die Rohstoffreserven bereits vor dem Jahr 2100 erschöpft sein werden. Und dass man schon vorher, ab 2010 oder 2020, krisenhafte Veränderungen sehen wird.

Glauben Sie heute, dass es länger dauern wird, bis wir zum Kollaps kommen?

Nein. Vieles ging sogar schneller, als wir dachten. Krisenhafte Veränderungen beobachten Sie doch heute schon überall auf der Welt, nehmen Sie nur die Explosion der Rohstoffpreise und die Wirtschaftskrisen. Bei dem 30-Jahre-Update kamen wir zu dem Schluss, dass es schon 2030 zum Kollaps kommt, wenn die Menschen einfach weitermachen wie bisher.

Sind Sie denn zuversichtlich, dass die Menschen rund um den Globus ihre Gewohnheiten so ändern werden, dass die Welt gerettet wird?

Nein. Ich bin da Pessimist.

Das klingt hart.

Sie können in Ihrem persönlichen Umfeld etwas verändern. Das ist das Positive, das ich den Menschen auch hier in Amerika aus Anlass des 40-Jahr-Jubiläums unserer Studie mitgeben will - ich habe lange danach gesucht. Aber die globalen Probleme lösen Sie so nicht.

Was macht Sie so skeptisch?

Die Menschen haben einen zu kurzen Zeithorizont. Wenn Sie die globalen Probleme lösen wollen, etwa den Klimawandel, müssen Sie einen Zeithorizont von 30, 40 oder 50 Jahren haben. Politiker aber denken nur bis zur nächsten Wahl. Deshalb kommt es etwa zu keinem verbindlichen Klimaabkommen.

Aber wir trinken heute keine Cola mehr aus Blechdosen und fahren Autos, die viel weniger Sprit verbrauchen als 1972 . . .

Ja, Sie in Deutschland! Das ist ein reiches, gut verwaltetes Land. Sie dürfen daraus keine Rückschlüsse auf die ganze Welt ziehen. Und selbst in Deutschland haben Sie es seit 1972 nicht geschafft, ein Tempolimit auf ihren Autobahnen einzuführen. Obwohl das sicher helfen würde, den Verbrauch von fossilen Brennstoffen stark zu senken.

Der Apokalyptiker

Der amerikanische Ökonom Dennis Meadows, geboren 1942, hat mit seiner ersten Ehefrau Donella Meadows und dem Norweger Jörgen Randers anhand einer rechnergestützten Simulation das Systemverhalten der Erde als Wirtschaftsraum untersucht („Die Grenzen des Wachstum“, engl. „The Limits to Growth“). Die Ergebnisse wurden im März 1972 in Washington vorgestellt. Die Studie wurde 1992 und 2004 aktualisiert. Meadows, der Professuren für Ingenieurwissenschaften, Management und Sozialwissenschaften hatte, ist heute emeritiert.

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