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Deng Xiaoping : Der Mann, der 500 Millionen Arme rettete

Propagandaplakat von Deng: anders als Mao keine schillernde Persönlichkeit Bild: Reza/Webistan/Corbis

Deng Xiaoping hat China den Kapitalismus gebracht, doch die Diktatur verteidigte er hart. Eine neue Biographie erzählt vom Leben eines rücksichtslosen Technokraten.

          Als der Sohn im Juni 1971 nach Jahren endlich zu den Eltern reisen darf, bekommt er ein Zimmer im Parterre. So kann ihn der Vater im Rollstuhl ins Freie schieben. Von der Brust abwärts ist der Sohn gelähmt. Damit er nicht wundliegt, dreht der Vater nachts alle zwei Stunden seinen Jungen herum.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          27 Jahre ist er alt, sein Name lautet Deng Pufang, Student der Physik. Auf der Flucht vor Maos „Roten Garden“ ist er in Peking aus dem vierten Stock seines Strahlenlabors gesprungen, vielleicht wurde er auch gestoßen, das bleibt unklar. Klar ist: Sein Rückgrat bricht.

          Millionen Menschen wurden in der Kulturrevolution von radikalen Mao-treuen Rotgardisten getötet, noch mehr wurden verfolgt, gefoltert, verschleppt, es ist das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Volksrepublik China. Weshalb der Rollstuhlfahrer Deng Pufang heute, fast ein halbes Jahrhundert später, wie kaum ein Zweiter für die Schrecken jener Jahre steht, deren Bedeutung für China Historiker mit dem Zweiten Weltkrieg für Europa vergleichen, das liegt am Vater. Dem Sohn widerfuhr Sippenhaft für Deng Xiaoping, 63 Jahre alt und beim Ausbruch des roten Terrors der meistgehasste Politiker im Land.

          In der Kulturrevolution in Ungnade gefallen

          Die Familie hatte einst ein angenehmes Leben. Sie lebte im abgeriegelten Pekinger Regierungsviertel Zhongnanhai westlich der Verbotenen Stadt, in dem breite Straßen voller grauer mehrstöckiger Bungalows zwei künstliche Seen umschließen. Deng galt als einer von zwei Kandidaten für die Nachfolge Maos. Doch mit Beginn der Kulturrevolution 1966 war der Pragmatiker Deng bei Mao in Ungnade gefallen, er galt als Kapitalist, was so viel hieß wie: Einer, der eigenständig denkt und handelt. Die Folge war erst Hausarrest, dann Strafarbeit in der Provinz. Später, nach seiner Rehabilitierung, baute Deng Xiaoping wie einst die Trümmerfrauen in Deutschland auf den Ruinen des roten Terrors mit marktwirtschaftlichen Reformen die Basis für ein Wirtschaftswunder, das bis heute weit über eine halbe Milliarde Chinesen aus der Armut befreit hat - das ist in Ausmaß und Tempo in der Menschheitsgeschichte ohne Beispiel.

          Kämpften um den wirtschaftspolitischen Kurs Chinas: Mao (links) und Deng

          Gegen Ende der 70er Jahre wirkte China wie ausgebombt. Heute beknien die Schuldenminister Europas das Land, die nun zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt möge mit ihrer Dollar-Billion ihren Kontinent retten. Doch auch wenn in China die Ungleichheit riesig ist, die Bauern auf dem Land immer mehr von den reichen Städtern abgehängt werden: Die größte Veränderung ist den Chinesen selbst widerfahren. Zum ersten Mal hat die junge Generation eine Zukunft, die besser zu werden verspricht als die Gegenwart.

          Die neue Macht und der relative Wohlstand sind zweifellos das Werk von Deng Xiaoping, auch wenn dieser, anders als bisher oft dargestellt, nicht der Initiator der Wirtschaftsreformen war (das war Xiaopings Vorgänger, der blasse Hua Guofeng). Ebenfalls war Chinas Aufstieg zur Wirtschaftssupermacht, entgegen einem weiteren Mythos, nicht Folge visionärer Blaupausen, sondern vielmehr das Ergebnis einer Reihe von vielen kleinen Einzelschritten in Fünfjahresplänen, glücklich gewonnenen Machtkämpfen und unbedingtem Willen. In der Summe ist diese Deutung neu, sie bildet das Fazit einer monumentalen 900-Seiten-Biographie, der bisher umfassendsten über Deng, die nun auf Englisch erscheint und einen faszinierenden Blick auf die erbitterten Richtungskämpfe hinter den politischen Kulissen der Blackbox China zulässt.

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