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Demonstrationen in New York : Die Besetzung der Wall Street

  • -Aktualisiert am
Zombies an der Wall Street

Zombies an der Wall Street Bild: DAMON WINTER/The New York Times/Laif

Im New Yorker Finanzviertel gibt es seit Wochen Proteste gegen Banken. Die Bewegung scheint an Fahrt zu gewinnen.

          3 Min.

          An der Wall Street ist es enger als sonst. Angestellte mit Anzug und Schlips drängen sich am späten Nachmittag zwischen Absperrgittern an Touristen vorbei Richtung U-Bahn. Es geht nicht so schnell voran wie an normalen Tagen. Die Gitter halten die Leute auf den Bürgersteigen. Auf der Straße, die dort eine Fußgängerzone ist, läuft niemand. Das Börsengebäude ist weiträumig abgesperrt, und vor dem Eingang stehen keine Händler mit grünen Jacken, sondern New Yorker Polizisten mit blauen Uniformen. "Das ist seit ein paar Wochen so wegen der Proteste", sagt ein junger Wertpapierhändler, der vor dem Eingang eines Hochhauses eine Zigarette raucht. Von Demonstranten ist an diesem Nachmittag dort aber nichts zu sehen.

          Norbert Kuls
          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Nur zwei Straßen weiter, im Zuccotti Park zwischen Broadway und der Baustelle des neuen World Trade Center, ist das anders. Dort campieren und protestieren seit mehr als zwei Wochen Hunderte von Demonstranten gegen die Macht der Finanzbranche. Ihr Motto: "Occupy Wall Street - Besetzt die Wall Street".

          In der Tradition der Proteste

          Die Proteste hatten Mitte September mit einer Demonstration von mehreren hundert Leuten begonnen. Zunächst wurden die Demonstranten von den amerikanischen Medien nicht sonderlich ernst genommen. Die "New York Times" bezeichnete sie als "zersplitterte und luftige" Bewegung zu Recht frustierter junger Leute, die fehlerhaft auf die Wall Street ziele. Nachdem am vergangenen Samstag allerdings 700 Demonstranten kurzzeitig festgenommen wurden, weil sie über die Brooklyn-Brücke marschierten und den Verkehr stundenlang lahmlegten, waren die Proteste auf einen Schlag ein nationales Thema.

          Im Zuccotti Park zwischen Broadway und der Baustelle des neuen World Trade Center campieren seit mehr als zwei Wochen Hunderte von Demonstranten Bilderstrecke
          Im Zuccotti Park zwischen Broadway und der Baustelle des neuen World Trade Center campieren seit mehr als zwei Wochen Hunderte von Demonstranten :

          Die Proteste weiten sich mittlerweile auf andere Städte aus. Gewerkschaften bekunden ihre Solidarität. Prominente Kapitalismus-Kritiker wie der Filmemacher Michael Moore und die Schauspielerin Susan Sarandon statteten dem Zuccotti Park einen Besuch ab. Und die Demonstranten, die sich über das soziale Netzwerk Facebook organisieren und Nachrichten über Blogs und Twitter kommunizieren, geben mittlerweile auch eine vierseitige gedruckte Zeitung heraus: "The Occupied Wall Street Journal". Die Autoren der Zeitung sehen sich in der Tradition der jüngsten Proteste in Tunesien, Ägypten, Spanien und Griechenland. "Die Revolution beginnt zu Hause" lautet eine Schlagzeile.

          Die meisten Schilder, die die Demonstranten vom Zuccotti Park in die Kameras der Fotografen halten, sind allerdings nicht in professioneller Manier gedruckt, sondern selbst gemalt. "Jesus ist nicht für die Gier von Unternehmen" oder "Bank of America: Gib mein Haus zurück" - Kritik an den Gewinnen von Unternehmen und Banken sowie an den zahlreichen Zwangsvollstreckungen von Hypotheken als Folge der Finanzkrise. Die 28 Jahre alte selbständige Silberschmiedin Andrea Cobb macht mit ihrem Pappschild darauf aufmerksam, dass 20 Prozent amerikanischer Kinder in Armut leben, dem reichsten Prozent der Amerikaner aber mehr als ein Drittel des Volksvermögens gehört. "Die Ungleichheit der Vermögen wächst weiter. Kümmert dich das?" hat sie mit blauem Filzstift auf das weiße Schild geschrieben. "Ich habe die Nase voll", sagt Cobb, die einräumt, dass sie noch keine klare Richtung oder einen einzelnen Schwerpunkt für ihren Protest hat. "Es ist mehr eine allgemeine Wut", sagt sie. Wut über die Armut im Land, darüber, dass selbst Leute mit Jobs am Ende des Monats nicht genügend Geld übrig haben.

          Darüber, dass Studenten am Ende ihrer Ausbildung 80.000 Dollar Schulden haben und derzeit wenig Chancen auf einen ausreichend bezahlten Job. Darüber, dass sie sich selber keine Krankenversicherung leisten kann. "Es gibt so viele Probleme, ich kann nicht nur eins nennen", sagt Cobb, die von den Protesten über Freunde erfahren hat und nur tagsüber demonstriert. Dagegen richtet sich die 27 Jahre alte Britt Farbo mit einer blauen Plastikplane und einem Schlafsack trotz Nieselregens darauf ein, die Nacht im Park zu verbringen. Farbo ist erst vor ein paar Stunden aus Washington angekommen. "Ich bin neugierig, ob das eine gesellschaftliche Bewegung der Linken wird, wie es die Tea-Party-Bewegung bei den Rechten wurde", sagt sie. Farbo macht das Finanzsystem für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Ungleichheit in den Vereinigten Staaten verantwortlich. Sie habe in den vergangenen zwei Jahren in Afghanistan für eine Nichtregierungsorganisation gearbeitet. Zurück in Washington müsse sie sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen.

          „Der Kapitalismus ist gescheitert“

          Asa Lowe, ein 39 Jahre alter Afroamerikaner aus Brooklyn, hat sich weiß geschminkt und protestiert als Zombie gegen die Banken. "Ich habe vor vier Wochen meinen Job als Koch bei McDonald's verloren, weil die Filiale zugemacht wurde", sagt er. Die Banken an der Wall Street seien alle korrupt. "Wir marschieren später zur Börse", kündigt er an. Hinter ihm trägt ein Demonstrant eine Fahne auf der "Generation Revolution - Schulden sind Sklaverei" steht. Richard Collins, ein 43 Jahre alter Mann aus der Bronx, der sich als Motivationsredner bezeichnet, bemängelt, dass Banker nicht genug Geld für die ärmeren Gegenden der Großstädte spenden. Charles Barron, ein New Yorker Stadtrat aus Brooklyn, hat sich ebenfalls unter die Demonstranten gemischt. "Der Kapitalismus ist gescheitert. Die Wall Street muss ihren fairen Anteil zahlen", sagt der ehemalige Bürgerrechtler.

          Auf den jungen Broker, der an der Wall Street seine Zigarettenpause macht, machen solche Parolen allerdings keinen Eindruck. "Schauen Sie, ich habe hier erst angefangen. Ich versuche, geradeaus zu schauen und meine Arbeit zu machen." Ein Thema im Handelssaal seien die Proteste nicht.

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