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Demografischer Wandel : Die Pflege-Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

Häusliche Pflege: Noch werden die Alten von ihren Töchtern gepflegt Bild: ZB

Im Jahr 2030 gibt es eine Million mehr Pflegebedürftige in Deutschland. Sie leben im Heim oder brauchen Unterstützung zu Hause. Der Markt für professionelle Pflege wächst - doch keiner weiß, wer das am Ende alles bezahlen soll.

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          Charlotte Umlauf ist fidel. Morgens Gehirnjogging und Gymnastik, später Billard, vielleicht noch eine Runde Rommé Cup, abends mit dem Rollator ins gemütliche „Restaurant“. Nächsten Monat wird sie 90 Jahre alt, doch ihre Tage sind beinahe so abwechslungsreich wie die ihrer „Jugendgruppe“, ihrer Freundinnen um die 70 Jahre. Und das, obwohl sie sich ohne Begleitung nicht mehr aus dem Haus traut.

          Sie muss aber auch gar nicht mehr raus, findet sie. Umlauf wohnt im Pflegeheim. Jedoch nicht in einem der herkömmlichen mit Linoleumboden, Plastikstühlen und Neonlicht. Sondern in der „Villa Kursana“ in Frankfurt, die zur Berliner Dussmann-Gruppe gehört. Die Villen sind die Nobelhäuser in Dussmanns Pflegekette: mit rotem Teppichboden, großem Entrée samt Scarlett-O’Hara-Treppe, plüschigen Stühlen, mit mehr Pflegern als üblich, einem Therapie-Hund, einer Bar – und Unterhaltungsprogramm. „Es ist schön, hier seinen Lebensabend zu verbringen“, sagt Umlauf. „Nur der Lebensabend an sich ist nicht schön.“

          Jeder dritte Pflegeplatz befindet sich in einem privaten Heim

          Charlotte Umlauf gehört zu einer Gruppe von Deutschen, die kontinuierlich wächst: den Pflegebedürftigen. Waren es 2007 noch rund 2,4 Millionen, so werden es 2030 nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts schon 3,4 Millionen sein, also fünfzig Prozent mehr. Dazu kommt: ein immer größerer Anteil der Alten wird professionelle Pflege benötigen. Das sagt zumindest der Ökonom Boris Augurzky, der sich am RWI Essen mit dem Pflegemarkt beschäftigt. Heute werden die Alten noch häufig daheim gepflegt, überwiegend von ihren Töchtern. Die Menschen, die bald alt sind, haben aber erstens weniger Kinder. Zweitens sind die Töchter, die sie haben, häufiger berufstätig als bisher. „Es rechnet sich immer weniger, wenn sie die Pflege übernehmen“, sagt Augurzky.

          Bild: F.A.Z.

          Für die Pflegeheime und -dienste bedeutet das vor allem eines: sie werden viele neue Kunden gewinnen. Ihr Markt ist ein Wachstumsmarkt, auch wenn sie ihn ungern so nennen, schließlich tummeln sich hier viele kirchliche und sonstige gemeinnützige Betreiber wie Caritas, Diakonie & Co., die ungern darüber sprechen, dass sie auch Geld verdienen. Doch längst haben auch die privaten Firmen den Markt entdeckt. Seit klar ist, dass die Deutschen immer mehr Pflege benötigen werden, mischen sie mit.

          Mittlerweile befindet sich jeder dritte Pflegeplatz in einem privaten Heim. Kommunale und gemeinnützige Betreiber wachsen kaum, die privaten hingegen deutlich. Erste Ketten sind entstanden. Sie heißen Kursana, Curanum, Pro Seniore oder Marseille Kliniken und haben bisher noch selten Marktanteile über einem Prozent. Die meisten betreiben gewöhnliche Altenheime oder Wohnanlagen. Einige wie der Rosenhof oder die Kursana Villen richten sich auch gezielt an die wohlhabende Klientel.

          Der Markt für die Villen ist klein

          So etwas kennen die Deutschen bisher nur aus amerikanischen Filmen, in denen fröhliche Rentner-Gruppen in Florida im Pool paddeln. Da ist es wenig überraschend, dass die noble Villa Kursana in Frankfurt bis vor kurzem einer amerikanischen Gruppe gehörte. Sunrise hieß der Besitzer, eine Kette, die in Amerika groß und bekannt ist – und das auch in Deutschland werden wollte. Doch so einfach war das nicht. Denn hier ist es extrem ungewöhnlich, in einem Nobel-Pflegeheim zu wohnen. Da heuert man lieber zu Hause ein paar Pfleger an - wenn man es sich leisten kann. Jahrelang machte Sunrise deshalb in Deutschland Verluste. 2010 verkauften die Amerikaner an Kursana.

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