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Debatte um Tamponsteuer : Die Periode ist (k)ein Luxus

  • -Aktualisiert am

In Drogerien und Supermärkten kann man zwischen Tampons, Binden und Menstruationstassen wählen. Alle drei Produkte werden mit 19 Prozent besteuert. Bild: Picture-Alliance

Seit Monaten kritisieren Aktivistinnen die Besteuerung von Menstruationsprodukten. Eine entsprechende Petition ebnet in dieser Woche den Weg in den Bundestag. Ein Unternehmen aus Stuttgart macht vor, dass es auch anders geht.

          Tampons, Binden und andere Hygieneprodukte werden in Deutschland mit 19 Prozent besteuert. Während die Steuer auf Menstruationsprodukte in Ländern wie Australien, Irland, Kanada und Kenia schon ganz abgeschafft wurde, kämpfen Aktivistinnen hierzulande zumindest für eine Senkung der Steuer auf 7 Prozent. Zum Vergleich: Trüffel, Kaviar oder Schnittblumen fallen unter den ermäßigten Steuersatz. Seit dieser Woche steht fest, dass sich nun auch der Bundestag mit dieser Forderung auseinandersetzen muss. Eine Petition des Kondom-Herstellers „Einhorn“ in Kooperation mit dem „Neon“-Magazin sammelte unter Mitarbeit zahlreicher Prominenter und Influencer die benötigten 50.000 Unterschriften.

          Die Studentinnen Nanna-Josephine Roloff und Yasemin Kotra aus Hamburg initiierten bereits 2018 eine Petition gegen die hohe Besteuerung von Hygieneprodukten. Auch diese Petition unter dem Motto „Die Periode ist kein Luxus“ fand bis dato mehr als 170.000 Unterstützer. Adressiert ist sie unter anderem an Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und Familienministerin Franziska Giffey (SPD). Roloff und Kotra sehen in der hohen Besteuerung „eine fiskalische Diskriminierung“ von Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Aus dem Finanzministerium heißt es dazu, der ermäßigte Steuersatz sei ohnehin „kein geeignetes Mittel, eine dauerhafte Entlastung der Betroffenen zu erreichen.“ Es könne nicht sichergestellt werden, dass Unternehmen den geringeren Steuersatz auch wirklich weitergäben.

          Dass manche dazu durchaus bereit sein könnten, zeigt „The Female Company“ aus Stuttgart. Das Unternehmen vertreibt fair gehandelte Bio-Tampons. Gemeinsam mit der Werbeagentur „Scholz & Friends“ verkaufen sie seit April in Buchform getarnte Tampons. Da Bücher in Deutschland nur mit sieben Prozent besteuert werden, umgehen sie den Regelsteuersatz. „The Tampon Book“ enthält 15 Bio-Tampons für circa drei Euro. Dazu gibt es bunte Illustrationen und Wissenswertes rund um das Thema Menstruation.

          Dass diese immer noch zu den Tabuthemen zählt, zeigt eine repräsentative Umfrage, die Petition-Initiatorin Roloff gemeinsam mit dem Forschungsinstitut „Appinio“ in Auftrag gegeben hat. Die allermeisten der 500 Befragten zwischen 16 und 60 Jahren assoziieren etwas Negatives mit der Periode. Nur fünf Prozent geben an, nach Einsetzen ihrer ersten Regel Freude oder Stolz empfunden zu haben. Der Großteil empfand diese Zäsur als „unangenehm“ (34 Prozent), war „verunsichert“ (29 Prozent) oder „verängstigt“ (21 Prozent). 19 Prozent der Befragten empfanden Scham. Diese Scham im Umgang mit dem weiblichen Zyklus ist es auch, die viele davon abhält, darüber zu sprechen, nicht mal im engeren Familien- oder Freundeskreis. Dies bestätigen auch die befragten Frauen: Jede Dritte redet demnach nicht über ihre Periode. Das könnte auch an dummen Sprüchen liegen, die sich 38 Prozent der Frauen schon anhören mussten – übrigens nicht nur von Männern.

          Beim Thema Periodensteuer sind sich die Befragten jedoch weitgehend einig: 89 Prozent finden den aktuellen Steuersatz zu hoch. Ob und wie Menstruationsprodukte zukünftig besteuert werden, damit muss sich nun bald der Bundestag beschäftigen. „Es liegt noch viel Arbeit vor uns“ sagt Roloff im Gespräch mit der F.A.Z. „Wir bekommen nur wenig Unterstützung aus unserer Partei, der SPD, und haben uns nun mit „Welobby“ einen professionellen Partner an die Seite geholt. Auch wenn es ein frauenpolitisches Thema ist, müssen wir im nächsten Schritt vor allem die Finanzexperten überzeugen.“

          Anmerkung der Redaktion: In einer frühen Version dieses Artikels hieß es, Champagner falle unter den ermäßigten Steuersatz. Das ist nicht korrekt. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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