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Kritik an Strategie : Impfstoff für alle

Ein Klinikmitarbeiter in Kaiserslautern wird am 31.12.2020 geimpft. Bild: dpa

FDP-Chef Lindner regte an, dass der Staat freie Kapazitäten für eine schnellere Impfstoff-Produktion sucht. Linken-Politiker Kessler sprach sich für „Zwangslizenzen“ aus. Beides klingt schneidig, ist aber dumm.

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          Der Impfstoff ist da: Hurra! Aber er reicht nicht für alle: Buh! So lässt sich die Debatte dieser Tage zusammenfassen. Neben der Frage, ob von der begehrten Substanz zu wenig bestellt wurde, geht es darum, wie sich die Herstellung beschleunigen lässt. Eine gesteigerte „Krisenproduktion“ regte FDP-Chef Christian Lindner an, der Staat möge dafür freie Kapazitäten ausfindig machen; der Linken-Gesundheitspolitiker Achim Kessler forderte „Zwangslizenzen“, damit andere Hersteller als der Erfinder, die Mainzer Firma Biontech, den Impfstoff produzieren dürfen.

          Beides klingt schneidig, ist aber dumm. Zuerst zu Lindners Idee: Biontech arbeitet seit Jahren an der Technik, die zum ersten europaweit zugelassenen Corona-Impfstoff geführt hat. Es ist ein Verfahren, das nur wenige andere Firmen beherrschen, die nun allesamt selbst Impfstoffkandidaten entwickeln. Wer glaubt ernsthaft, dass so ein Unternehmen Beamte braucht, um zusätzliche Kapazitäten ausfindig zu machen? Siehe da: Die Mainzer haben schon lange, bevor sie die Zulassung bekamen, mit der Impfstoffherstellung angefangen – ein Wagnis, das Pharmakonzerne in normalen Zeiten scheuen. Sie haben sogar schon vor Monaten eine geeignete Fabrik zugekauft, die sie seither für die Ausweitung ihrer Fertigung ausrüsten. Und sie sind, ebenfalls schon vor vielen Monaten, eine Partnerschaft mit dem viel größeren amerikanischen Konzern Pfizer eingegangen, um auch dessen Werke nutzen zu können.

          Anders gesagt: Die Krisenproduktion läuft längst. Das ist wohlgemerkt nicht allein der Weisheit der beteiligten Unternehmer und Forscher zu verdanken, sondern auch staatlichem Engagement. Vorbestellungen, Kredite und Fördermittel der öffentlichen Hand haben dazu beigetragen. All das musste man allerdings schon im vergangenen Frühling auf den Weg bringen. In Amerika hat das der in vielen anderen Dingen zu recht geschmähte Präsident Donald Trump beherzt getan; in Europa waren die Regierungen vergleichsweise zögerlich. Es taugt nicht, die Versäumnisse von damals jetzt mit Aktionismus wettmachen zu wollen.

          Patente als Belohnung für den Forschungserfolg

          Mit den Zwangslizenzen, die der Linken-Politiker Kessler fordert, ist es etwas anders. Der Staat kann in Gesundheits- und Versorgungskrisen den Entwicklern von Arzneimitteln vorübergehend das exklusive Recht auf die Vermarktung ihrer Produkte entziehen. Patente sichern den Firmen üblicherweise zwanzig Jahre lang hohe Preise. Das ist die Belohnung für den Forschungserfolg und das zuvor eingegangene Risiko eines Fehlschlags.

          Wer die Pharmakonzerne prinzipiell für gierig hält, sieht darin einen Skandal. Es ist aber noch keinem anderen Mechanismus gelungen, Innovationen zu fördern und zugleich dafür zu sorgen, dass ein Mittel nach Ablauf des Patentschutzes kopiert werden darf und die Preise dann rapide sinken. In diese Kategorie gehört die weit überwiegende Zahl der in Deutschland verordneten Medikamente.

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          Es gibt nebenbei auch einige schlaue Möglichkeiten, die Kosten für neue Arzneimittel zu bremsen, ohne die Unternehmen durch Patententzug zu enteignen. Zum Beispiel Verträge, die nur den tatsächlichen Behandlungserfolg vergüten und nicht die bloße Abgabe eines Präparats. Interessanterweise tun sich damit die Krankenkassen schwerer als die Konzerne.

          Aber zurück zum Corona-Impfstoff. Mal abgesehen davon, dass nirgends Hersteller zu erkennen sind, die das Mittel mit einer Zwangslizenz günstiger und in größeren Mengen liefern könnten als Biontech, ist durchaus ein Szenario denkbar, in dem so eine Lizenz sinnvoll wäre: Wenn die Firma die Fertigung nicht von sich aus beschleunigen würde, sei es mit finsteren Absichten, sei es aus schierer Unfähigkeit. Oder wenn sie sittenwidrig viel Geld für ihr Produkt verlangen würde. Eine Dosis kostet aber, soweit bekannt, nur 12 Euro. Und Biontech hat eben erst 100 Millionen zusätzliche Dosen für die EU-Staaten versprochen.

          In Großbritannien ist gerade der nächste Corona-Impfstoff zugelassen worden, entwickelt von Astra-Zeneca. Er ist einfacher herzustellen und wird wohl günstiger sein als das Mittel von Biontech. Wer schneller zum Impfstoff kommen will, darf auf den Wettbewerb hoffen, nicht auf Staatswirtschaft.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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