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Große Werbekampagne geplant : Niemand soll sich für das Fliegen schämen

Ein Passagierflugzeug im Anflug auf den Flughafen Hannover. Bild: dpa

Die Luftfahrtbranche antwortet auf Greta Thunberg – und bereitet eine große Werbekampagne für das Fliegen vor. Die Unternehmen hätten Schadstoffe erheblich verringert und würden weitere Einsparungen vorbereiten. Airbus hat zudem noch größere Pläne.

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          Die internationale Luftfahrtbranche wird in wenigen Tagen eine Werbekampagne zugunsten des Fliegens starten. Ohne, dass die Aktivistin Greta Thunberg ausdrücklich genannt wird, gilt die Kampagne als Antwort auf die von der Schwedin losgetretene Bewegung. Der Präsident der weltweiten Vereinigung der Fluggesellschaften IATA, Alexandre de Juniac, sagte am Freitag auf einer Veranstaltung des französischen Technologiekonzerns Thales, dass seine Branche zum Teil aus eigenem Verschulden in die Defensive geraten sei. „Wir haben spät begonnen, unsere täglichen Leistungen in den Vordergrund zu rücken. Wir bringen jeden Tag Millionen von Menschen zusammen. Wir sorgen massenhaft für menschliche Kontakte und wirtschaftlichen Austausch. Darauf können wir stolz sein“, sagte de Juniac. Und er fügte hinzu: „Was für eine Welt wollen diejenigen, die für ein Ende des Fliegens sind? Dass jeder zuhause in seiner kleinen Welt, in seinem kleinen Dorf bleibt? Die Vorstellung ist absurd“.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die Kampagne von IATA soll den Namen „Fly aware“ tragen („Bewusst Fliegen“) und von einem Millionen-Budget gestützt werden, dessen genaue Höhe de Juniac nicht beziffern will. Zusätzlich zu den IATA-Mitteln werden sich einzelne Fluggesellschaften finanziell beteiligen. „Am Ende kann es ein sehr hohes Budget sein“. Die Lobby-Organisation will für die Kampagne soziale Netzwerke, Flugblätter, die Unterhaltungssysteme an Bord und Fernsehspots einsetzen.

          Ein „hoffnungsloses Bild der Zukunft“

          Dabei wollen die Unternehmen, darunter Fluggesellschaften, Hersteller und Flughäfen, die erreichten Fortschritte und ihre Verpflichtungen für die Zukunft unterstreichen. Der französische IATA-Chef, der früher die Fluggesellschaft Air France-KLM als Vorstandsvorsitzender leitete, wirft den Fluggegnern besonders vor, dass sie ein „hoffnungsloses Bild der Zukunft zeichnen“. Denn sie glaubten nicht an die „Kreativität und den Ideenreichtum der Menschen“. Mit technologischen Lösungen sei der Klimawandel in den Griff zu bekommen. Vieles sei schon erreicht, und weitere Verbesserungen seien auf dem Weg. So seien die Emissionen pro Passagier seit 1990 um 40 Prozent gesunken. Die heutigen Maschinen seien im Schnitt 20 Prozent treibstoffsparender als vor 15 Jahren, sagte de Juniac.

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          Die wachsende Zahl der Maschinen und Flüge hat diese Ersparnisse bisher freilich mehr als zunichte gemacht und damit für einen insgesamt steigenden Schadstoffausstoß gesorgt. Der französische IATA-Chef ist aber überzeugt, dass sich das ändern werde. Auf Ebene der UN-Luftfahrtorganisation ICAO haben sich Dutzende Länder zum Abbau von Emissionen und zu Kompensationsmaßnahmen wie dem Anpflanzen von Bäumen verpflichtet. Danach soll das Verkehrswachstum von 2020 an nur noch klimaneutral erfolgen; bis 2050 soll sich das Emissionsvolumen beim Kohlendioxid gegenüber dem Niveau von 2005 halbieren. In einer freiwilligen Pilotphase von 2021 bis 2026 nehmen an dem System Länder mit Fluggesellschaften teil, die etwa 50 Prozent des weltweiten Luftverkehrs abdecken, berichtete de Juniac. Von 2027 an erwartet er auch die Selbstverpflichtung von Ländern wie China und Russland, denn sie hätten diese verbindlich zugesagt.

          Große Stück hält die Branche dabei auf biologische und synthetische Kraftstoffe, die aber nicht wie bei Palmöl große landwirtschaftliche Flächen brauchen und die Biodiversität reduzieren, sondern beispielsweise aus Abfällen hergestellt werden. „80 Prozent der geplanten Einsparungen könnten durch Biokraftstoffe erreicht werden. Wir arbeiten seit zehn Jahren daran, Millionen von Flugstunden wurden damit zurückgelegt“, sagte de Juniac. Doch es fehle an verfügbaren Biokraftstoffen, weshalb die Regierungen die Massenproduktion fördern sollten. Zudem könnten durch Effizienzsteigerungen beim Fluglotsensystem, beim Rollen der Flugzeuge auf dem Boden und durch eine Optimierung der Flugstrecken und Flugbahnen weitere 10 bis 15 Prozent an Emissionen eingespart werden.

          Unterdessen arbeiten die Hersteller an neuen Antriebskonzepten. Airbus will bis 2035 ein Flugzeug mit hybrid-elektrischem Antrieb in die Luft bringen. „Unser Ziel ist es, das erste emissionsarme Passagierflugzeug der Welt zu bauen", sagte der Vorstandsvorsitzende Guillaume Faury am Donnerstagabend beim Club der Hamburger Wirtschaftsjournalisten und des Luftfahrt-Presse-Clubs. Bei der Realisierung solle das norddeutsche Entwicklungsnetzwerk des europäischen Flugzeugbauers eine wichtige Rolle spielen. IATA-Chef de Juniac zeigte sich in Paris dagegen vorsichtig. „Es wäre ein Wunder, wenn es in 15 Jahren ein vollelektrisches Flugzeug für 40 Passagiere gibt. Das Problem ist, dass die Batterie sehr schwer sein und viel Raum einnehmen müsste“.

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