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Dax-Konzern K+S : Preiskrieg am Kali-Markt

  • -Aktualisiert am

Das Kali-Werk Werra der K+S AG im osthessischen Philippsthal Bild: dpa

Seit das russische Unternehmen Uralkali die Kooperation mit seinem Konkurrenten Belaruskali aufgekündigt hat, ist die Kali-Branche in heller Aufregung. Nach dem Kurssturz von K+S ist die Zukunft des Konzerns im Dax ungewiss.

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          Um zu verstehen, wie ein einziges Unternehmen durch die Ankündigung von Preissenkungen eine ganze Branche in Aufruhr versetzt, 15 Milliarden Euro Börsenwert zermalmt und das Geschäftsmodell des Dax-Konzerns K+S ins Wanken bringt, muss man verstehen, wie dieser besondere Markt funktioniert. Der Markt für Kalisalz folgt nämlich ähnlichen Gesetzen wie der des Öls. Kali ist ein wichtiger Pflanzendünger, der Bedarf wächst mit der Weltbevölkerung, Kali wird also gebraucht. Auf der anderen Seite gibt es genug davon, Kali ist nicht knapp. Die Förderung aber ist teuer: Wenn aus einer neuen Mine endlich Kali geholt wird, erhöht sich sprunghaft das Angebot.

          Manchmal fällt der Weltmarktpreis dann so stark, dass den Unternehmen sogar Verluste drohen. Deshalb halten die Anbieter Kali künstlich knapp. Schon der Beginn des Kalibergbaus war mit dem Versuch von Monopolisierungen verknüpft. Bis nach dem Ersten Weltkrieg hatte Deutschland sogar ein Weltmonopol für Kali. Mit staatlichen Kalisyndikaten wurde später versucht, Preise und Mengen zu kontrollieren, genutzt hat es nichts. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion trieben russische Exporte die ostdeutschen Kaligruben in den Ruin.

          Branche in heller Aufregung

          Am Ende wurde die deutsche Kaliindustrie in der ehemaligen BASF-Tochtergesellschaft Kali+Salz zusammengeführt und mühselig wieder wettbewerbsfähig gemacht. Bis heute hat sich ein globales Oligopol herausgebildet, das auch ohne staatliche Regulierung funktionierte. Ein russisches und ein weißrussisches Unternehmen verkaufen ihr Kali zusammen und decken damit 30 Prozent des Weltmarktes ab. Drei kanadische Förderer haben ihren Vertrieb ebenfalls gebündelt, sie verkaufen nur unwesentlich weniger. K+S als eigenständige Nummer drei kommt auf etwa 10 Prozent Marktanteil.

          Seit der Vorstand der russischen Uralkali die Kooperation mit dem weißrussischen Konkurrenten Belaruskali aufgekündigt hat, ist es vorbei mit der Ruhe. Die Branche ist in heller Aufregung, und wenn Norbert Steiner aus dem K+S-Vorstand nach dem historischen Kurssturz von 40 Prozent sagen muss, er sei weit weg von Panik, bekommt man eine Ahnung davon, wie groß die Unsicherheit ist. Sollte Uralkali tatsächlich die Produktion ausweiten, könnte der Kalipreis deutlich fallen. Alleine die Ankündigung hat den Markt durchgeschüttelt: Die staatlichen Einkäufer aus Indien haben schon signalisiert, dass sie nun Preiszugeständnisse erwarten.

          Über die Motive der Russen kann man nur spekulieren. Klar ist: Dank niedriger Produktionskosten und freien Kapazitäten ist Uralkali für einen Kampf gewappnet. K+S produziert im Vergleich teuer und an der Kapazitätsgrenze. Der Angriff kommt überdies zu einer sensiblen Zeit. Der australische Bergbauriese BHP Billiton drängt in den Markt und will 14 Milliarden Dollar in den kanadischen Kaliabbau investieren. Ebenfalls in Kanada baut K+S gerade für mehr als 3 Milliarden Euro eine neue Mine - die bis dato größte Einzelinvestition des Unternehmens. Allein die Ankündigung des „Preiskrieges“ könnte die Milliardenvorhaben zum Kippen bringen.

          Ohne Frage zielt die Attacke von Uralkali auch auf den Kooperationspartner Belaruskali. Der Staatskonzern ist für das autokratische Weißrussland einer der wichtigsten Devisenbringer. Präsident Lukaschenka hat deshalb Übernahmeavancen durch Uralkali abgewiesen. Manch einer geht deshalb davon aus, dass Belaruskali nun weichgekocht werden soll, um doch noch einer Übernahme zuzustimmen. Für Uralkali selbst ist diese Strategie mit großen Risiken verbunden, das Unternehmen hat ebenfalls 20 Prozent an Wert verloren. Ob das in diesem Maße auch für den Unternehmenseigentümer Suleiman Kerimow, einer der reichsten Männer der Welt, im gleichen Maße gilt, kann man aber bezweifeln.

          Er wird von dem Vorstoß seines Vorstands kaum überrascht worden sein. Wer rechtzeitig vor der Ankündigung auf fallende Kurse setzte, konnte viel Geld verdienen. Man kann dem K+S-Management nicht mal vorwerfen, tatenlos gewesen zu sein. Das Ausbauprojekt in Kanada ist langfristig ohne Alternative, denn die deutschen Minen sind in 40 Jahren erschöpft. Zudem hat K+S die amerikanische Morton Salt übernommen und ist damit zum weltgrößten Salzhersteller aufgestiegen. Und doch könnte es sein, dass dies auf Dauer nicht reicht. Denn K+S ist eine Wette auf den Kalipreis geblieben. Selbst in guten Jahren liefert Salz nur ein Fünftel der Konzerngewinne.

          Wenn Uralkali seinen Plan in die Tat umsetzt, wird die Konsolidierung in der Branche Fahrt aufnehmen, und diesmal könnte K+S zu geschwächt sein, um auf der Käuferseite zu stehen. Der Verlust der Eigenständigkeit wäre dann nur noch eine Frage der Zeit. Es sei denn, der Konzern und seine Aktionäre nähmen viel Geld in die Hand. Oder sie verabschiedeten sich freiwillig vom Kaligeschäft. Das kann man sich heute schwer vorstellen. Aber auch Preussag hatte einst Kali produziert. Heute heißt das Unternehmen TUI und organisiert Urlaubsreisen. Wie gesagt, Kali ist nicht knapp. Es wird nur knapp gehalten.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

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