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Neue Dax-Aufsichtsräte : Die deutsche Wirtschaft bedient sich im Silicon Valley

Palantir-Gründer Alex Karp sitzt jetzt im BASF-Aufsichtsrat Bild: Reuters

In den Aufsichtsräten der Dax-Unternehmen fehle es an Tech-Expertise, heißt es seit langem. Zuletzt haben gleich mehrere aber Spitzenmanager aus dem Silicon Valley in ihr Kontrollgremium geholt.

          In die Aufsichtsratsgremien der größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland ziehen immer öfter Spitzenmanager mit Erfahrungen aus dem Silicon Valley ein. Auffällig viele Dax-Unternehmen haben zuletzt Manager mit einschlägiger Erfahrung aus der amerikanischen Tech-Branche in ihre Aufsichtsräte berufen. Zu diesem Ergebnis kommt die Personalberatung Heidrick & Struggles, die sämtliche Berufungen in der diesjährigen Hauptversammlungssaison unter die Lupe genommen hat. Die Dax-Unternehmen treten damit der Kritik entgegen, in ihren Kontrollgremien fehle es an technischer Expertise. Die Unternehmen – so lautet schon länger der Vorwurf – seien für die digitale Transformation und den Wettbewerb mit mächtigen Gegnern aus der Tech-Branche wie Amazon, Google und Co. schlecht gerüstet.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es tut sich etwas: Die Aktionäre des Chemiekonzerns BASF haben nach dem Abgang des langjährigen Aufsichtsrats Michael Diekmann den Amerikaner Alexander Karp in ihren Aufsichtsrat gewählt. Karp ist Gründer und Chef des umstrittenen Technologiekonzerns Palantir. Das amerikanische Datenanalyse-Unternehmen ist mit Big-Data-Lösungen zur Terrorabwehr groß geworden, die auch von der hessischen Polizei genutzt werden. Der Automobilzulieferer Continental wiederum hat mit Satish Khatu einen ehemaligen IBM-Manager und Berater aus dem Silicon Valley berufen, die Deutsche Börse mit Charles Stonehill einen Aufseher, der mehrere Jahre als Finanzvorstand in Palo Alto gearbeitet hat. Und BMW hat mit Viskal Sikka einen früheren Spitzenmanager von Infosys und SAP in den Aufsichtsrat geholt.

          Die Personalberaterin Christine Stimpel, die seit Jahren die Veränderungen in den Aufsichtsratsgremien analysiert, beobachtet den Trend zur Berufung von Aufsichtsräten mit Silicon-Valley-Erfahrung schon länger und spricht von einer „Frischzellenkur“. SAP etwa hatte schon zuvor zwei prominente Frauen aus dem Silicon Valley in den Aufsichtsrat geholt: im vergangenen Jahr die Google-Managerin Diane Greene, ein Jahr zuvor die Chefin des kalifornischen Mobilitätsdienstleisters Zoox, Aicha Evans. Im selben Jahr hat die Deutsche Bank, deren marode IT seit Jahren für negative Schlagzeilen sorgt, den austroamerikanischen Google-Manager Gerhard Eschelbeck in ihr Kontrollgremium geholt.

          Die Google-Managerin Diana Greene sitzt im Aufsichtsrat von SAP.

          Auch deutsche Tech-Expertise ist in den Aufsichtsräten sehr gefragt: Seit Jahren sei der hohe Anteil von – meist ehemaligen – SAP-Spitzenmanagern in den Dax-Aufsichtsräten auffällig, heißt es in der Untersuchung. SAP sei in den vergangenen Jahren in eine Rolle hineingewachsen, die früher die Deutsche Bank innehatte. Bei Siemens (Jim Hagemann Snabe) und RWE (Werner Brandt) leiten zwei frühere SAP-Manager sogar das Aufsichtsratsgremium. Der frühere SAP-Chef Henning Kagermann hatte gleich mehrere Aufsichtsratsposten inne, ist in diesem Jahr aber bei der Deutschen Post und der Münchener Rück ausgeschieden, dafür zog mit Luca Mucic bei Heidelberg-Cement ein weiterer SAP-Vorstand in einen Dax-Aufsichtsrat ein.

          Zweite Frau an der Spitze

          Für viel Veränderung in den Gremien hat in den vergangenen Jahren die gesetzlich vorgeschriebene 30-Prozent-Frauenquote für Aufsichtsräte gesorgt. 80 der 244 kapitalseitigen Dax-Aufsichtsräte sind mittlerweile weiblich, das entspricht einer Quote von 33 Prozent. Nachdem als letztes der dreißig Dax-Unternehmen jetzt auch Continental die Quote erfüllt, habe „der Eifer deutlich nachgelassen“, sagt Stimpel. Immerhin verfüge nach Henkel mit Simone Bagel-Trah jetzt auch mit Thyssen-Krupp ein zweiter Aufsichtsrat über eine Frau an der Spitze. Vor wenigen Monaten wurde dort Martina Merz an die Spitze des Gremiums berufen. Grundsätzlich bleibe es in der Besetzung des Aufsichtsratsvorsitzes aber bei „traditionellen Mustern“, sagt Christine Stempel. Im Durchschnitt seien die amtierenden Vorsitzenden 67 Jahre alt, in mehr als einem Drittel der Dax-Unternehmen leite ein ehemalige Vorstand – meist der frühere Vorstandsvorsitzende – das Gremium.

          Bei der Suche nach geeigneten Aufsichtsräten lassen sich die Unternehmen oft von Headhuntern helfen. Die Personalberater präsentieren ihren Auftraggebern nach vorher festgelegten Kriterien nach wenigen Wochen Listen mit passenden Kandidaten. Auch aktivistische Investoren wollen zunehmend ein Wort mitsprechen und verlangen Sitze in wichtigen Entscheidungsgremien.

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