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Datenbrille : Google Glass versucht Comeback

Die Datenbrille hilft in der Logistikabteilung das richtige Fach zu finden und die Teilenummer mittels QR-Code zu scannen. Bild: dpa

Als Google vor vier Jahren die Datenbrille mit großem Rummel auf den Markt brachte, schlug die anfängliche Faszination bald in Spott über. Jetzt bringt der Internetkonzern die Brille speziell für Unternehmen auf den Markt.

          Kaum einem elektronischen Produkt dürfte in den vergangenen Jahren so viel Feindseligkeit und Spott entgegengeschlagen sein wie Google Glass. Der Internetkonzern Google hat die Datenbrille 2013 mit großem Rummel auf den Markt gebracht, aber mit der anfänglichen Faszination für den auf der Nase sitzenden Minicomputer war es schnell vorbei. Das klobige Gerät ließ seine Nutzer eher affig als cool aussehen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Viele Menschen empfanden es als einen Angriff auf ihre Privatsphäre, weil es unauffälligeres Fotografieren erlaubte als Smartphones. In manchen Kneipen und an anderen öffentlichen Orten wurde die Brille verboten. Amerikaner fingen an, Träger der Brille als „Glassholes“ zu bezeichnen. Google sah sich sogar gezwungen, Benimmregeln für die Nutzer der Brille zu veröffentlichen. Konkrete Verkaufszahlen für die Brille wurden nie bekannt, aber das Geschäft dürfte nicht allzu gut gelaufen sein. Und jenseits der negativen Reaktionen in der Öffentlichkeit kämpfte Google bei dem Gerät auch mit technischen Schwächen. Anfang 2015 zog das Unternehmen Konsequenzen und stellte den Verkauf der Brille an Endverbraucher ein. Google und seine Mutterholding Alphabet haben das Brillenprojekt aber nie ganz aufgegeben. Stattdessen wurde der Schwerpunkt verlagert. Glass wurde von einem Endverbraucherprodukt zu einem Gerät für den kommerziellen Einsatz weiterentwickelt.

          Freiheit für die Hände

          In den vergangenen Jahren hat Alphabet mit einer ganzen Reihe von Unternehmen daran gearbeitet, Anwendungen für die Brille zu finden. Jetzt hat der Konzern offiziell den Verkaufsstart der Unternehmensversion des Geräts unter dem Namen „Glass Enterprise Edition“ angekündigt. Rein äußerlich hat es große Ähnlichkeiten mit der vormaligen Variante. Alphabet hat es aber nach eigener Aussage technisch verbessert, zum Beispiel mit leistungsstärkeren Prozessoren und längerer Lebensdauer der Batterie. Der Konzern wettet mit seiner kommerziellen Variante darauf, dass es viele berufliche Szenarien gibt, in denen es vorteilhaft ist, die Hände frei zu haben. Beispielsweise kann die Brille auf ihrem Bildschirm Instruktionen für Arbeitsschritte liefern, die dann von Beschäftigten ausgeführt werden können, ohne ihren Blick abwenden zu müssen. Die Kamera kann genutzt werden, um zu übertragen, was Mitarbeiter gerade sehen, zum Beispiel damit sie sich bei Reparaturen helfen lassen können.

          In einer Mitteilung zählte Alphabet einige Erfolgsbeispiele auf: Der amerikanische Landmaschinenhersteller Agco etwa habe die Produktionszeit in einer seiner Fabriken um 25 Prozent reduziert, da Beschäftigte nun Anweisungen und andere Informationen für ihre Arbeit direkt vor ihrem Auge hätten anstatt sie anderswo nachschlagen zu müssen. Ärzte des Krankenhausbetreibers Dignity Health setzten die Brille ein, um sich während der Behandlung keine Notizen mehr machen zu müssen, weshalb sie nun weniger als 10 Prozent statt vorher ein Drittel ihrer Zeit für administrative Aufgaben aufwenden müssten. Auch deutsche Unternehmen wie der Autohersteller Volkswagen oder der Logistikkonzern Fiege hätten die Brille eingesetzt. Alphabet ist nicht das erste Unternehmen, das sein Heil mit Datenbrillen in kommerziellen Anwendungen sucht. Auch der Softwarekonzern Microsoft zielt mit seiner Computerbrille Hololens in erster Linie auf den beruflichen Einsatz ab. Alphabet will die Glass Enterprise Edition über Partner vermarkten, die sich auf kommerzielle Nutzung tragbarer elektronischer Geräte spezialisiert haben. Darunter sind die deutschen Unternehmen Picavi und Ubimax.

          Der Preis der Brille, die in der Endverbrauchervariante 1500 Dollar kostete, ist offenbar nicht einheitlich, sondern soll unter anderem davon abhängen, inwiefern die Software für das Gerät auf ein einzelnes Unternehmen abgestimmt wird. Ob Alphabet eines Tages wieder eine Datenbrille für Endverbraucher herausbringen könnte, ließ das Unternehmen offen.

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