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Datenbrille Glass : Googles gefährliche Wunderwaffe

Google hat Benimmregeln für die Nutzer seiner Datenbrille Google Glass formuliert. Bild: AP

Vor der Markteinführung der Datenbrille regt sich Widerstand. Viele fürchten, unbeobachtet gefilmt oder fotografiert zu werden. Der Konzern reagiert mit Benimmregeln. Aber reicht das?

          In diesem Jahr könnte Google seine Datenbrille Glass auf den Markt bringen – auch, wenn sich gegen die neue Technologie allerorten Widerstand regt. Studien beweisen, dass viele Menschen Sorge umtreibt, was mit dem Minicomputer auf der Nase alles möglich ist. Schließlich lassen sich mit ihm nicht nur Nachrichten, Filme oder Mails vor das Auge projizieren. Mit dem Gerät, das sich derzeit noch in der Testphase befindet, können auch nahezu unbemerkt Filmaufnahmen und Fotos gemacht werden.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Im vergangenen Jahr fragte das Beratungsunternehmen Fittkau & Maaß mehr als 5000 deutsche Internetnutzer, wie sie zur Datenbrille stehen. Für Google fiel das Ergebnis ernüchternd aus. Knapp 50 Prozent fanden das Gerät „nicht besonders interessant“ oder „überhaupt nicht interessant“. Rund ein Drittel äußerten Datenschutzbedenken und Sorge, dass „Google-Glass-Träger mich unbeobachtet filmen oder fotografieren“.

          Tatsächlich gilt auch bei Google Glass grundsätzlich nichts anderes als bei jedem anderen Fotografieren in der Öffentlichkeit. Für den privaten Gebrauch dürfen Fotos von anderen Menschen nur dann gemacht werden, wenn man sie vorher gefragt hat. Besonders heikel wird es, wenn man diese Bilder auch noch gegen ihren Willen veröffentlicht – und sei es nur auf dem eigenen Profil in sozialen Netzwerken. Denn jeder Mensch hat ein Recht am eigenen Bild und darf frei entscheiden, was damit passiert.

          Ob sich daran aber jeder Brillenträger hält, steht auf einem anderen Blatt. Die Datenschutzaufsichtsbehörden auf der ganzen Welt sind besorgt. Im vergangenen Jahr forderten sie den Konzern und seinen Mitgründer Larry Page in einem Brief auf, Transparenz im Zusammenhang mit der Datenbrille zu schaffen. Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar formulierte die Bedenken so: „Die angekündigte Datenbrille stellt eine neue Qualität der Erfassung alltäglichen menschlichen Verhaltens dar.“ Auch amerikanischen Politikern bereitet das Gerät Sorge. Eine Gruppe von Kongressabgeordneten schickte im vergangenen Jahr einen Katalog mit Fragen an Page, in denen es vor allem um den Schutz der Privatsphäre ging. Hinterher beklagten sie sich, Google habe die Fragen unzureichend oder gar nicht beantwortet.

          Auch Unternehmen äußern ihre Bedenken. Jyn Schultze-Melling, zuständig für Datenschutz im Versicherungskonzern Allianz, warnte jüngst auf dem Syndikusanwaltstag in Berlin: „Unser Datenschutzrecht ist mit den Möglichkeiten dieser Technologie hoffnungslos überfordert.“ Die heutigen Regelungen seien nicht in der Lage, angemessenen Schutz zu gewährleisten, so der Jurist. Unter den Strafverfolgern andererseits stößt Google auf großes Wohlwollen: So sicherte sich die New Yorker Polizei NYPD gerade zwei Glass-Exemplare.

          Beschlagnahmt im Kino

          Generell aber muss man schon heute damit rechnen anzuecken, wenn man die Computerbrille trägt. Das hat kürzlich ein amerikanischer Kinobesucher erfahren, dessen Google-Brille mitten während eines Films von Polizisten beschlagnahmt wurde. Die Beamten meinten, der Mann zeichne illegalerweise das Geschehen auf der Leinwand mit seinem Gerät auf. Auch eine Kalifornierin geriet ins Visier der Gesetzeshüter, als sie einen Strafzettel für das Tragen der Brille während des Autofahrens bekam. Sie kam aber glimpflich davon, weil ein Richter den Strafzettel später für nichtig erklärte.

          Auch unter Mitmenschen ziehen die Glass-Träger Argwohn und Spott auf sich. Manche finden, die klobige Brille lasse ihren Besitzer lächerlich aussehen. Daher entstand in Amerika das Schmähwort „Glasshole“ für die Träger des Geräts. An einer Reihe von Orten wurde Google Glass ganz verboten, von einer Kneipe in Seattle bis hin zu Kasinos in Las Vegas.

          Einführung für breite Masse wohl in diesem Jahr

          All diese Kontroversen zieht der auf der Nase tragbare Minicomputer auf sich, obwohl er noch gar nicht richtig auf dem Markt ist. Google hat die Brille bisher nur einem kleinen Kreis von einigen Tausend Testern zur Verfügung gestellt. Die Einführung des Modells für die breite Masse wird im Laufe dieses Jahres erwartet. Um Skeptikern vorher nicht noch mehr Munition zu liefern, veröffentlichte der Internetkonzern jetzt Benimmregeln für die Träger der Brille. Wasser-Ski oder ein Bullen-Rodeo mit der Glass-Brille auf der Nase seien wahrscheinlich keine gute Idee, heißt es lapidar. Google rät auch davon ab, das Gerät allzu lange am Stück zu benutzen: „Lies ,Krieg und Frieden‘ nicht auf Glass. Für solche Dinge sind größere Bildschirme besser geeignet.“

          Vor allem aber gelte: „Sei kein Glasshole.“ Damit spricht der Konzern einige der größten Bedenken gegen die Brille an, wie die mögliche Verletzung der Privatsphäre. So heißt es zum Beispiel: „Allein in der Ecke zu stehen und die Leute anzustarren, während Du sie mit Glass aufnimmst: Damit wirst Du Dir keine Freunde machen.“ Die Eigentümer sollten Fotos oder Videos nicht ohne Erlaubnis machen; grundsätzliche Kamera-Verbote gälten auch für Glass. Und bitte: Auf Nachfragen zu dem Gerät bloß nicht rüde reagieren. Das sei keine gute Werbung.

          Solche Regeln mögen auf den ersten Blick lächerlich klingen, doch steckt dahinter ökonomisches Kalkül. Tragbare Computer wie Google Glass, sogenannte Wearables, versprechen sehr gute Geschäfte. Den ausgewählten Erstbrillenkunden berechnete der Internetkonzern 1500 Dollar pro Gerät. Mit der anstehenden Massenproduktion dürfte die Brille jedoch deutlich billiger werden und statt einigen Tausend viele Millionen Menschen ansprechen. Das dicke Geschäft ist aber nur mit einem positiven Image der Brille gewährleistet: Wer kauft sich ein Produkt, dem die Mitmenschen ablehnend gegenüberstehen?

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