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Das schöne neue Geld : Wie war das damals?

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Bild: F.A.Z.

Eine Bankerin, eine Oppositionelle, der PDS-Chef und zwei Schauspieler erinnern sich.

          4 Min.

          Als Abteilungsleiterin der Reichsbahn-Sparkasse saß Jutta Schulz vor 20 Jahren professionell an der Geldquelle, die auf einmal ganz anders sprudelte als bisher. Jahrelang war ihr Arbeitsmittel die „Mark der Deutschen Demokratischen Republik“ gewesen, jetzt auf einmal hieß das Ganze „Deutsche Mark“. Eine finanzielle Revolution nach der politischen? Nicht wirklich. „Ich kann nicht sagen, dass ich so übermannt war von der Währungsunion.“ Schulz‘ Schilderungen des damaligen Geschehens in der Bank wirken ähnlich unaufgeregt wie der Eintrag in ihrem Sparkassenbuch, der das „Umstellungsguthaben“ von 10 813,31 DM in ordentlicher Handschrift vermerkt. „Die Währungsumstellung ist bei uns ziemlich unspektakulär über die Bühne gegangen.“ Das hatte auch damit zu tun, dass die Reichsbahn-Sparkasse, Vorgängerin der heutigen Sparda-Bank Berlin, mit 54 000 Mitgliedern eine überschaubare Bank war. Und ohnehin der „VEB Datenverarbeitung für die Finanzorgane“ für die Umstellung der Konten zuständig war.

          Aber die D-Mark, wie roch sie, wie fühlte sie sich an? Jutta Schulz lässt sich nicht aus der Reserve locken. „Die D-Mark war ja in Berlin schon im Umlauf. Am Bahnhof Friedrichstraße gab es einen Friseur, der hatte dauernd das Westgeld in der Hand, weil die West-Berliner zum Haareschneiden kamen. Und ich hatte in West-Berlin meine ganze Verwandtschaft. Meine Schwester ist 1963 rübergegangen.“ In Dresden, im „Tal der Ahnungslosen“, sei das alles wohl etwas aufregender gewesen. Aber ein bisschen revolutionär ging es schon zu – bei den anderen, wie die inzwischen pensionierte Bankerin zu berichten weiß: „Viele haben nur gewartet auf diesen Augenblick. Der Trabi wurde umgetauscht in ein altes West-Fahrzeug, das eigentlich zum Abwracken vorgesehen war. Und viele sagten sich: Lieber in einer Mülltonne im Westen wohnen als in einer Mietskaserne im Osten. Viele dachten, das Geld fließt nur so auf sie zu.“ Für Schulz kam mit der D-Mark zumindest mehr Komfort. Sie zieht ihre DDR-Geldkarte aus der Tasche. „Mit der konnte man früher in Berlin an einem Automaten abheben, und der stand am Bahnhof Friedrichstraße.“ Heute hat alleine die Sparda-Bank in der Hauptstadt 220 Terminals. ***

          Die erste Westmark für eine Banane

          Der Schauspieler Peter Sodann hätte am liebsten gar nicht getauscht, und dann kaufte er sich doch seine erste Banane: „Was ich am 1. Juli 1990 gemacht habe, ist schwer zu sagen. Man bringt die Tage in dieser Zeit durcheinander. Ich weiß, dass ich gerade am Skatspielen war, als die Mauer fiel. Ich habe mich gefreut, dass sie endlich weg war und wir von vorne anfangen konnten. Aber 1990 habe ich mich geschämt, dass die Menschen nach dem Geld gerannt sind. Ich habe mich gewundert, dass Helmut Kohl einen Umtauschkurs von 1:2 festsetzte – das fand ich sehr kulant. Ich hätte auch für 1:3 oder 1:4 getauscht. Im Nachhinein denkt man darüber natürlich anders. Ich habe erst ein paar Tage später mein Geld getauscht, nicht gleich am 1. Juli.

          Der Schauspieler und spätere Politiker Peter Sodann schämte sich zunächst für den Rausch ums Geld.

          Eigentlich wollte ich erst gar nicht umtauschen – allerdings nicht aus Protest. Es war einfach so, dass mir das Zusammenwachsen Deutschlands wichtiger war als irgendein Umtausch. Die Diskussionen, die wir damals geführt haben, gingen nicht ums Geld. Uns waren ideologische, politische Dinge wichtig. Das Thema Geld empfand ich als eine kleine Diskreditierung meiner Person. Aber dann war ich in Berlin unterwegs und hatte eigentlich kein Geld mehr. Also habe ich eben getauscht. Von dem ersten neuen Geld habe ich mir das Glücksideal eines Ossis gekauft: eine Banane. ***

          Kaum Geld nach Jahren des DDR-Berufsverbots

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