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Das schöne neue Geld : Wie war das damals?

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Die Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld war am 9. November aus dem Exil in die DDR zurückgekehrt. Viel Geld blieb ihr nicht, dafür die Freude über die neue Freiheit: „Mit der Währungsunion feiert eine Erfolgsgeschichte ihren 20. Geburtstag, die bis heute nicht als solche wahrgenommen wird. Als ich am 1. Juli die Schlangen beobachtete, die sich vor den Sparkassen bildeten, sah ich so glückliche Gesichter, wie man sie heute nach einem gewonnenem WM-Spiel sieht. Die Bürger der DDR hatten bekommen, was sie wollten: freie Wahlen und eine schnelle Vereinigung, davor noch die Währungsunion. Die Politik hatte sich dem Druck der Demonstranten beugen müssen. Mit ihrem neuen Geld waren die Menschen der DDR nun nicht mehr Bürger zweiter Klasse.

Mir hatten das DDR-Berufsverbot seit 1983 und die Zeit im Exil nach meiner Verhaftung und Ausbürgerung 1988 nicht genug Geld auf dem Konto übrig gelassen, um den günstigen Umtausch in D-Mark auszunutzen. An solche wie mich gingen dann Anfragen von Bessergestellten DDR-Bürgern, ihnen mein frei bleibendes Kontingent zu verkaufen. Ich machte davon keinen Gebrauch. Es gab auch jede Menge Ängste und Warnungen vor einer einheitlichen Währung im noch geteilten Deutschland. Doch die Horrorszenarien sind nicht Realität geworden, obwohl der Umtauschkurs durchaus problematisch war. Er führte zu einer Vervierfachung des durchschnittlichen DDR-Industriearbeiterlohns im Vergleich zum Westniveau. Keine Volkswirtschaft der Welt hätte diesen plötzlichen Anstieg des Lohnniveaus verkraftet. Die maroden Betriebe brachen zusammen – das wurde zum Thema in den Medien und ließ viel Raum für die Negativ-Polemik der ehemaligen DDR-Machthaber.“ ***

Mein Fahrer hat mich zur Sparkasse gefahren

Gregor Gysi, seit Dezember 1989 Vorsitzender der SED, die sich im Frühjahr 1990 in PDS umbenannte, hatte die Währungsunion politisch bekämpft – und dann den Umtausch fast vergessen, hätte ihn sein Fahrer nicht erinnert: „Die Einführung der D-Mark ohne flankierende Maßnahmen hatte den Zusammenbruch der Wirtschaft der DDR zur Folge. Die damalige PDS, deren Vorsitz ich innehatte, warnte vor den Folgen dieser Schocktherapie.

Bis heute sind die Spuren sichtbar. Ich persönlich hätte die Währungsunion am 1. Juli fast vergessen. Mein Fahrer aber wies mich darauf hin, dass ich etwas ausfüllen und unterschreiben muss, damit meine Konten mitgetauscht werden. Zum Glück wurde ich vormittags zur Sparkasse gefahren und musste nur drei Leute abwarten, bis ich dran war. Es war zwar nicht viel Geld, aber besser als keines.“ ***

Ein Daimler für den Trabi

Gojko Mitic, die Antwort der DDR auf Pierre Brice und Winnetou, beobachtete „die Vollkommenheit der Freiheit“, ehe er sich im Baumarkt eindeckte: „Mit dem Mauerfall hatte niemand gerechnet. Gerade erst waren uns noch 100 Jahre Mauer versprochen worden. Wir wurden betrogen. Am 1. Juli 1990 gab es endlich etwas Konkretes: das Geld zum Einkaufen. Am Intershop hatten sich die Leute die Nasen an der Scheibe platt gedrückt, sie konnten sich die Dinge dort nicht leisten. Nun hielten sie harte Währung in der Hand, sie konnten endlich überall einkaufen. Das Geld war die Vollkommenheit der Freiheit. Sie haben sich natürlich mehr Hoffnungen gemacht, als später wirklich eintrafen. Sie haben gedacht, dass sie ihren Trabi gegen einen Daimler tauschen, und alles ist gut. Ich war am 1. Juli 1990 zu Hause in Berlin.

Ich hatte mir ein Jahr vorher ein kleines Häuschen im Ostteil von Köpenick gekauft. Es war wunderbar, plötzlich konnte man im Baumarkt einkaufen. Das war eine Riesenfreude. Vor den Banken hatten sich überall lange Schlangen gebildet, deshalb habe ich mir beim Tauschen Zeit gelassen. Ich habe mir gedacht, das erledigt sich von selbst, das Geld auf dem Konto wurde ja automatisch getauscht. Den Kurs von 1:2 fand ich okay.“

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