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Felbermayr zu Mercosur-Deal : „Das Abkommen bringt jedem Deutschen 60 Euro pro Kopf“

Gabriel Felbermayr, Chef des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) Bild: dpa

IfW-Präsident Gabriel Felbermayr hält das Abkommen der EU mit dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur für historisch. Die EU beweise damit Gestaltungsmacht – und breche einen großen Klimaskeptiker aus der gemeinsamen Front mit Trump.

          Herr Felbermayr, sehen Sie nach diesem Wochenende mit der Einigung der EU und den Mercosur-Staaten und der Annäherung der Präsidenten Xi und Trump endlich wieder Lichtblicke für den gebeutelten Welthandel?

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Der G-20-Gipfel verlief erfolgreicher als erwartet. Aber er hat auch gezeigt: die G-20-Treffen sind keine Workshops für die Erarbeitung multilateraler Ansätze zur Lösung globaler Probleme, sondern Jahrmärkte für bilaterale Tauschgeschäfte. Das kann man bedauern, aber der Burgfrieden zwischen Trump und Xi, sowie die historische Vereinbarung der EU mit den Mercosur-Staaten sind bilaterale Deals mit hoher ökonomischer Bedeutung.

          Welche Auswirkungen wird die Einigung der EU mit den Mercosur-Ländern für die deutsche Wirtschaft haben?

          Das Mercosur-Abkommen ist extrem wichtig. Es bringt Rechtssicherheit mit Ländern, die traditionell eher risikoreich sind, und die für populistische Ausschläge empfänglich sind. Die Mercosur-Staaten gehören zu den Ländern mit den höchsten Außenzöllen. Dazu kommt, dass Südamerika enormes Wachstumspotential aufweist. Langfristig könnte das Abkommen den Handel um 50 Prozent steigen lassen; vor allem die Autobranche und der Maschinenbau sollten profitieren. Ich rechne mit einem BIP-Effekt in Deutschland von circa 0,15 Prozent in der langen Frist. Das sind immerhin 5 Milliarden Euro oder 60 Euro pro Kopf. Frankreich hingegen profitiert deutlich weniger, weil es den zunehmenden Wettbewerb im Agrarbereich zu spüren bekommen wird.

          Bricht nach diesem Erfolg womöglich sogar eine neue, positivere Episode für den Welthandel an?

          Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Der Handelsstreit zwischen China und den USA ähnelt einer Achterbahnfahrt. Es gibt keine Garantie, dass die nun hoffentlich ernsthaft stattfindenden Gespräche zu dauerhaften Lösungen führen. Zunächst bleiben ja die Zölle, und die Drohung, weiter zu eskalieren steht nach wie vor im Raum. Auch die geopolitische Rivalität zwischen der alten Ordnungsmacht der Welt, den USA, und dem chinesischen Herausforderer verschwindet nicht. Sie ist der Hintergrund der handelspolitischen Spannungen und wird die nächsten Jahrzehnte kennzeichnen. Und auch Richtung Brasilien muss man sagen: Ob der populistische Trump-Fan Bolsonaro einhält, was er der EU in Osaka versprochen hat, wird man erst sehen müssen.

          Es heißt immer, die EU könnte keine eigenen Interessen formulieren und diese schon gar nicht international durchsetzen. Hat die EU an diesem Wochenende mit Mercosur und der klaren Haltung zum Klimaschutz beim G-20-Treffen das Gegenteil bewiesen?

          Dass es zum politischen Abschluss des EU-Mercosur Abkommens kam, trotz der starken Bedenken Frankreichs, ist ein Beweis für die Gestaltungsmacht der EU. Die europäischen Mechanismen funktionieren: Im Hintergrund muss ein Interessensabgleich zwischen Frankreich und Deutschland stattgefunden haben. Und das vielleicht Beste: Die Aussicht auf Handelserleichterungen hat den Klimaskeptiker Bolsonaro aus der gemeinsamen Front mit Trump herausgebrochen und ihn dazu gebracht, das Pariser Abkommen zu unterstützen. Das ist wahnsinnig wichtig. Ohne die Mitarbeit Brasiliens hat der globale Klimaschutz keine Chance. Jetzt wird spannend, ob das Abkommen im ergrünten, freihandelsskeptischen EU Parlament auch ratifiziert wird.

          Gabriel Felbermayr ist der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). 

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