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Niedrigwasser am Rhein : Regentänze werden das Problem nicht lösen

  • -Aktualisiert am

Ein Mann geht bei Niedrigwasser am Rhein entlang (15.10.2018). Bild: Rolf Vennenbernd/dpa

Der Rhein ist als Transportweg alternativlos: Vom Schicksalsstrom der Deutschen hängen viele Betriebe ab. Durch den Klimawandel wird die Wassernot zur Bedrohung – doch die Politik reagiert schleppend.

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          Der Rhein ist weg. Wer den Mäuseturm auf der Rheininsel bei Bingen besuchen will, und das wollen in diesen Tagen ganze Heerscharen, kann einfach hinüberlaufen. Das gab es noch nie. Aus dem Schicksalsstrom der Deutschen ist an manchen Orten eine traurige Wattlandschaft geworden. Daran werden auch die Regenschauer dieser Tage so schnell nichts ändern. Mit dem Wasser schwindet das Leben im Rhein, auf dem Rhein und an seinen Ufern.

          Der Güter- und Personenverkehr zwischen Rotterdam und Basel steht zu großen Teilen still. Fähren haben ihre Arbeit eingestellt. Im Mittelrheintal, wo es keine Rheinbrücke gibt, rufen Schulen schon niedrigwasserfrei aus.

          Nur noch wenige spärlich beladene Schiffe kommen durch bis zu den Industriezentren am Oberrhein. An manchen Tankstellen links und rechts des Stromes wird das Benzin knapp. Kohle, Erz, Chemikalien – nichts läuft mehr, wie es soll, auf Europas wichtigster Wasserstraße.

          Das erste Niedrigwasser von vielen?

          Die Folgen für die Industrie sind erheblich. Binnenschiffer bangen um ihre Existenz, Kraftwerke um Rohstoffnachschub. Der Energiekonzern ENBW hat das Atomkraftwerk Philippsburg gedrosselt und umgestellt, weil Kühlwasser fehlt. Bei der BASF, auf dem größten Chemieareal der Welt, hakt es an allen Ecken und Enden. Der Konzern hat erhebliche Probleme in der Produktion.

          Man überlege schon, einen Regentanz aufzuführen, heißt es. Andere Gedankenspiele des Vorstandes, wie eine eigene Flotte aus Tragflügelbooten oder eine Pipeline im Flussbett, werden durchaus mit Ernst verfolgt, um beim nächsten Mal gewappnet zu sein. Denn darüber, dass die Wetterextreme zunehmen werden, herrscht Einigkeit am Rhein.

          Zu einer ehrlichen Analyse freilich gehört auch dies: „Die Wahrnehmung, dass Niedrigwasser häufiger auftritt als in der Vergangenheit, trifft nicht zu.“ Das ist eine Kernaussage der im Sommer veröffentlichten Studie der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins, in der alle Anrainerstaaten vertreten sind. Als Beleg für Skeptiker der Klimawandel-These taugt die Aussage trotzdem nicht. Denn nicht die Natur, sondern vor allem der Bau großer Speicherseen in den Alpen in den sechziger und siebziger Jahren hat die Schwankungen der Pegel gedämpft.

          Handfeste Hilfe anstatt warmer Worte

          Zudem wird es nicht so bleiben, auch darin sind sich die meisten Studien einig. Anders als heute müssen Anrainer im Sommer häufiger mit Niedrigwasser rechnen, weil es heißer wird und mehr Wasser verdunstet und weil Gletscher verschwinden und damit das Schmelzwasser. Um mit Adenauer zu sprechen: Die Situation ist da. Eine Lösung muss her.

          Heute sind mehr Menschen und Betriebe vom Rheinpegel abhängig als in früheren Niedrigwasserperioden. Energieversorger, Industriebetriebe, Schiffer, Landwirte – alle brauchen den Fluss. Das hat handfeste Folgen. Hochwasser gibt es zwar häufiger, die finanziellen Schäden durch Niedrigwasser sind aber größer. Schon deshalb ist es alle Anstrengung wert, sich zu wappnen, auch wenn das teuer wird. Eine wirtschaftlich sinnvolle Alternative gibt es nicht. Güterverkehr vom Fluss auf Straße und Schiene zu verlagern ist ökologisch und ökonomisch schlechter.

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          Wenn Verantwortliche in Politik und Wirtschaft an einem Strang ziehen, können sie zumindest die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels kleinhalten. Was möglich ist, zeigt das Umdenken nach der Chemiekatastrophe von Sandoz vor gut 30 Jahren. Damals floss nach einem Hallenbrand in Basel mit Pflanzenschutzmitteln belastetes Löschwasser in den Rhein. Die Folgen waren verheerend. Eine rote Giftwelle schob sich rheinabwärts, Fische verendeten, Wasserwerke durften kein Trinkwasser mehr entnehmen. Danach war Schluss. Mit einem „Aktionsplan Rhein“ der Anrainerstaaten wurden Dauereinleitungen von Chemikalien stark verringert, Anlagen zum Gewässerschutz errichtet, Messsysteme gebaut und Alarmpläne geschaffen. Heute ist der Rhein viel sauberer.

          Wenn sie muss, dann ist die deutsche Industrie überaus leistungsfähig. Das sollte den Anrainern Hoffnung geben. Die Betriebe reagieren schon aus Eigennutz. Um weniger auf Kühlwasser aus dem Rhein angewiesen zu sein, hat sich BASF gegen den Bau eines weiteren Wasserwerkes entschieden und kühlt stattdessen „benutztes“ Kühlwasser abermals herunter. Zugleich muss auch die Politik ihre Aufgaben erledigen.

          Im Fall des Rheins heißt das: sich konkret um das Nadelöhr kümmern. Seit Jahren tritt das Projekt „Abladeoptimierung Mittelrhein“ auf der Stelle. Was sich sperrig anhört, ist wichtig für die Wirtschaft am Fluss. Auf einer Strecke zwischen Oestrich und St. Goar soll die Schifffahrtsrinne an einigen Stellen um 30 Zentimeter vertieft werden. Das Projekt unter der Ägide von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) wurde im Bundesverkehrswegeplan als vordringlich eingestuft, trotzdem dümpelt es vor sich hin, angeblich fehlt es an Personal.

          Warme Worte gegen den Klimawandel sind das eine, handfeste Hilfe für die Betroffenen wäre besser. Bis 2030 werde es dauern, das Projekt zu verwirklichen, befürchtet ein Vertreter des Wasser- und Schifffahrtsamtes. Das wären weitere zwölf vertane Jahre. Jetzt ist die Zeit zu handeln. Regentänze werden das Problem nicht lösen.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

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