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: Das Märchen vom guten Strom

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Es war einmal ein Volk, das wollte die Umwelt und das Klima schützen. Voller Eifer machte es sich daran, Solarzellen auf Dächer und Felder zu montieren. Und auf jeden Hügel setzte es ein Windrad. Die Regierung versprach, der so produzierte Strom werde zu einem garantierten hohen Preis abgenommen.

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          Es war einmal ein Volk, das wollte die Umwelt und das Klima schützen. Voller Eifer machte es sich daran, Solarzellen auf Dächer und Felder zu montieren. Und auf jeden Hügel setzte es ein Windrad. Die Regierung versprach, der so produzierte Strom werde zu einem garantierten hohen Preis abgenommen. Bald gab es eine Million Solaranlagen. Mehr als die Hälfte der Weltkapazität an Solaranlagen stand in dem eher sonnenarmen Land. Zwar kostete die Einspeisevergütung viel Geld, jedes Jahr 1,5 Milliarden Euro für Solar und 3,5 Milliarden für Windkraft. Doch die Deutschen zahlten gerne für den "guten" Strom. Schließlich helfe der, das Klima zu schützen, weil bei der Erzeugung kein Kohlendioxid (CO2) ausgestoßen werde.

          Allerdings gab es in dem fleißigen Volk von Umweltschützern auch einige Nörgler, sogenannte Ökonomen, die ihnen eine unangenehme Wahrheit zu erklären versuchten: Keine einzige Tonne, nicht einmal ein Gramm CO2 wird durch all die Solaranlagen oder Windräder eingespart! Auch das EU-Verbot der Glühbirne entlastet das Klima nicht um ein Gramm Treibhausgas!

          Das klingt ungeheuerlich, ist aber einfach zu erklären: Die Gesamtmenge an Emissionszertifikaten, die den CO2-Ausstoß von Stromerzeugern und Industrie in Europa begrenzt, wird politisch festgelegt. Wenn die Stromkonzerne weniger CO2 ausstoßen, weil der Anteil an Solar- und Windstrom steigt, dann sinkt der Preis für die Zertifikate. Die Folge: Andere Nachfrager aus der Industrie greifen zu und leisten sich mehr Emissionen, bis das Kontingent ausgeschöpft ist. Die Milliarden zur Förderung von Solaranlagen oder Windrädern in Deutschland sind somit ein denkbar schlechtes Investment für den Klimaschutz.

          Zu den schärfsten Kritikern der deutschen Klimapolitik gehört der renommierte Umweltökonom Joachim Weimann, der an der Universität Magdeburg lehrt. In seiner Streitschrift "Die Klimaschutzpolitik-Katastrophe" erklärt er auch für Laien gut verständlich, warum der eingeschlagene Weg ein unglaublich teurer, ineffizienter und letztlich kontraproduktiver Irrweg ist. Für eine Tonne CO2-Vermeidung durch eine Windkraftanlage zahlen wir etwa das Fünffache, mit Solaranlagen sogar mindestens das Dreißigfache dessen, was die günstigste Vermeidungsform kosten würde - nämlich die Hebung der Effizienzreserven in konventionellen Kraftwerken und Industrieanlagen.

          Die Relationen ergeben sich schlicht aus den Grenzvermeidungskosten. Damit bezeichnen Ökonomen jene Kosten, die entstehen, wenn man die Emissionen um eine Einheit senken will. Der Preis für ein Zertifikat für eine Tonne CO2 lag seit Beginn des Handels im Jahr 2005 an der Leipziger Energiebörse durchschnittlich bei 20 Euro. So viel zahlen Stromkonzerne und Industriebetriebe für das Recht, eine Tonne CO2 in die Atmosphäre zu blasen. Ihre Grenzvermeidungskosten liegen also nicht darunter, sonst könnten sie ja Geld sparen, indem sie Anlagen und Kraftwerke modernisieren und dort Emissionen vermeiden.

          Für 15 bis 20 Euro kann man an der Energiebörse eine Tonne CO2 aus dem System herauskaufen. Die in Deutschland montierten Windkraftanlagen haben deutlich höhere Grenzvermeidungskosten: in der realistischen Berechnung mehr als 100 Euro je Tonne CO2, also gut das Fünffache des Zertifikatepreises. Und für Solaranlagen ist die Kosten-Nutzen-Bilanz noch viel ungünstiger: Ihr Wirkungsgrad ist ohnehin ziemlich gering, im sonnenarmen Deutschland ist die Energieausbeute besonders schlecht. Die Grenzvermeidungskosten der derzeitigen Solaranlagen betragen zwischen 600 und 1100 Euro je Tonne CO2.

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