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Grönland : Imaqa - vielleicht sind wir glücklich

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Der Klimawandel sorgt dafür, dass die Fischer länger im Winter aufs eisfreie Meer fahren können. Bild: Jan Grossarth

„Vielleicht“ heißt in Grönland „Imaqa“: Vielleicht arbeite ich oder nicht. Heute oder morgen. Die Lethargie kommt vom Meer, denn es schenkt endlos Fisch und will dafür nichts haben. Doch jetzt kommt das Öl.

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          Seitdem die Menschen auf Grönland Christen sind, werden die Toten mit dem Gesicht zum Himmel hin bestattet. Denn seither sitzt ihr Schöpfer und Erlöser hoch oben. Früher war das anders. Der Blick der Toten ging zum Meer, weil alles Leben vom Meer kam, ganz aus der Nähe. Der Himmel ist hier unfreundlich. Er bringt meist Kälte und Schnee und Dunkelheit. Das Land ist mit Eis bedeckt. Aber im Wasser wimmelt das Lebendige: Wale, Robben, Fische.

          Die Nahrung und das Licht kommen seit jeher vom Fisch. Ihn konnten die alten Jäger essen, im Fett der Walfische brennende Dochte tränken. So wie seit Jahrtausenden ist es heute: Alles Leben kommt vom Fisch. Aber heute kommt mehr Leben vom Fisch als früher. Fast sechzigtausend Menschen bevölkern Grönland, das allerdings eine Größe hat wie Westeuropa. Ein großer Teil arbeitet in Fischfabriken oder fängt Dorsch, Heilbutt und Krabben nicht mehr nur für sich selbst, sondern für den Weltmarkt.

          Selbst die Hunde fressen Fisch

          Ilulissat ist eine bunte Stadt in einem Land, das sonst aus Moosgrün, Wasserblau und Eisweiß besteht. Lila, beige, pink, türkis, gelb sind die Holzhäuser. Am Rand der drittgrößten Stadt des Landes mit weniger als sechstausend Einwohnern heulen Schlittenhunde an Eisenketten, auf dem staubigen Bolzplatz spielen Kinder Fußball. Die Stadt lebt im Sommer auch von Touristen, die den Eisfjord besichtigen. Vor allem aber lebt sie vom Fisch. Hier gibt es eine große Shrimpsfabrik und Hunderte Fischer von Shrimps und Heilbutt. Selbst die Hunde gäbe es nicht ohne Fisch. An jedem zweiten Tag bekommen sie einen frischen Heilbutt zum Fressen.

          In der Fabrik unten am Hafen arbeiten einhundertzehn Menschen. Und auch in Qasigiannguit - tausend Einwohner, zwei Stunden entfernt, nur mit dem Boot zu erreichen - gibt es eine ähnlich große Fabrik für Heilbutt. Shrimps und Butt werden über die Hauptstadt Nuuk nach Dänemark geschickt und von da aus als Filet oder Sushifleisch nach Japan, Deutschland und Amerika. Der Export brachte den Rhythmus der Globalisierung ans Nordmeer. Auch wenn die Fabrik des Unternehmens „Royal Greenland“, das uns Journalisten hierher mit dem Ökozertifizierer MSC einlud, heimelig aussieht wie in den sechziger Jahren - beige Flure, karge Kantine, schmucklose Büros -, so hat sich doch vieles geändert. Die Fabrik arbeitet aber länger als früher. Weil der Klimawandel dafür sorgt, dass die Fischer länger im Winter aufs eisfreie Meer fahren können, läuft die Produktion elf Monate im Jahr, früher waren es acht.

          Geringere Fangquote aber steigende Umsätze

          Das heißt aber nicht, dass es immer mehr Fische gibt. Lange war es so gewesen. „Von 1960 bis 2010 haben wir immer mehr produziert“, erzählt der Fabrikleiter Hans Lars Olsen, ein wortkarger Einheimischer mit norwegischem Einschlag. „Dann ist die Fangquote von 105 000 auf 88 000 Tonnen gesenkt worden.“ Es gab Entlassungen und Kurzarbeit. Trotzdem aber steigen die Umsätze mit dem arktischen Fisch. Die Asiaten zahlen dafür mittlerweile mehr als die Briten und Europäer. Also wird weniger nach Schweden geliefert.

          Es gibt so viel Fisch, dass er hier günstiger ist als das Gemüse. Ein Kilo Shrimps kostet für Mitarbeiter der Fischfabrik 35 dänische Kronen, knapp fünf Euro, eine Gurke im Supermarkt 20 Kronen. Importware aus Holland - am Eismeer wächst kein Gemüse, kein Getreide, kein Schwein. Shrimps sind aufs Kilo gerechnet günstiger. Der Fisch bietet gute Stundenlöhne. Juaansi Mølgaard ist der technische Direktor der Fabrik. Er stieg vom ungelernten Arbeiter auf. „Meine Eltern und Großeltern waren Fischer, ein viel gefährlicherer Beruf“, sagt er, „in der Fabrik ist es sicher.“

          Der härteste Job der Welt

          Die Eismeerfischer sterben beim ersten Fehltritt. In jedem Jahr gibt es mehrere solcher Unfälle: Stürzt ein Fischer ins höchstens vier Grad kalte Eismeer, erfriert er schnell und sinkt Hunderte Meter auf den Grund. Die meisten können nicht schwimmen. Denn im Eiswasser kann man nicht üben, und Schwimmbäder gibt es nicht. Schon den alten Jägern hat das Meer so nicht nur Leben gebracht, sondern auch den Tod.

          Man kennt die Geschichten von Ländern, die reich an Rohstoffen sind. Das Erdöl in Saudi-Arabien, das Gas in Russland, die Diamanten in Kongo. Vom Fluch der Rohstoffe ist die Rede, weil man sagt, sie brächten Korruption, Umweltzerstörung, Anspruchsdenken und Aggressivität. Grönland ist abhängig vom Fisch, der anders als Öl und Kohle allerdings immer wieder nachwächst. Kann auch der Fisch ein Fluch sein?

          Wir suchen eine Antwort draußen im Meer, zwei Bootsstunden jenseits der Küste. Ein rostiger Kutter macht Jagd auf Shrimps. Einer von der Mannschaft, in blauem Arbeitsanzug, trinkt Kaffee und guckt aufs Eismeer. Er ist dreißig und verbringt die Hälfte des Jahres auf dem Boot. Hier vertreiben sie sich die Zeit mit Videospielen, Kung-Fu-Filmen und Schnaps. Der Kapitän trägt eine lange Unterhose, er ist gerade vom Mittagsschlaf erwacht. Die Männer sind immer vier Tage am Stück draußen, zwei Kapitäne, vier Fischer, ein Maschinist. Sie sehen so aus, als sei der Beruf des Garnelenfischers der freundlichste lebensgefährliche Beruf der Welt. „Ich fische, seit ich ein Kind bin“, sagt der Mann in Blau in gutem Englisch. „Ich liebe es, Fischer zu sein, ich kann mir nichts anderes vorstellen, ich will bald meinen Führerschein machen und ein eigenes Boot kaufen.“ Die Fischer sehen so aus, als seien sie ganz bei sich. Das kann kein Fluch sein.

          Viele sind arbeitslos, niemand bewirbt sich

          Junge Leute können in Grönland am besten Fischer werden, Arbeiter in der Fischfabrik, Ingenieur in der Fischfabrik, ansonsten Pfarrer, Helikopter-Pilot, Arzt oder Fremdenführer in den kurzen Sommern und - natürlich auch: Alkoholiker, Arbeitsloser. Auch davon gibt es viele.

          Die Fischer arbeiten hart, andere sind vom Fisch faul geworden. Das sieht man in der Fischfabrik von Qasigiannguit. Kim Larsen, ein Däne, technischer Leiter der Fabrik, ist nicht sehr zufrieden mit seinen Leuten. Er findet hier kaum Arbeiter, obwohl mehr als hundert im Ort als arbeitslos gemeldet sind. „Niemand bewirbt sich, wir müssen ins Dorf rausgehen und Arbeiter jagen.“ Manche Jugendliche besuchen lieber das Gymnasium und studieren dann in Grönlands einziger Universität in Nuuk. Andere gehen lieber aufs Meer zum Fischen und abends in die Dorf-Disco, wo es drei Bier in der Happy Hour für umgerechnet 15 Euro gibt, für grönländische Verhältnisse ein Schnäppchen. Andere gehen einfach nur raus.

          „Sie spazieren dreißig Kilometer, sie sind freiheitsliebend“, sagt Larsen.

          Jeden Tag fehlten ihm im Schnitt 15 Prozent der Mitarbeiter, an Montagen ist die Fehlquote stets viel höher infolge der Partys am Wochenende. Auch in der Fischfangsaison im Sommer sind die Fehlquoten sehr hoch. Dann seien pro Schicht oft nur zwanzig von fünfunddreißig Arbeitern da, sagt Larsen. Er zahlt Boni für Anwesenheit. Aber auch das bringt nichts. „Sie wollen immer nur zum Meer.“ Manche Arbeiter kündigen nach einem Tag, wenn sie genügend Geld für eine Kiste Bier verdient haben. Sie verdienen 140 Kronen pro Stunde, rund 20 Euro.

          Verdienst: Pro Nacht bis zu 10000 Kronen

          Noch besser geht es den Heilbutt-Fischern, und sie haben noch mehr frei. Tausend solcher Fischer gibt es auf der Insel, jeder fischt mit etwa zweitausend Metern Angelschnur etwa eine halbe Tonne pro Nacht. Das erzählt ein Fischer, den wir zufällig auf dem Eismeer treffen. Für ein Kilo Fisch zahlt ihm die Fabrik 20 Kronen, das heißt, für einen Angelausflug bekommt er ungefähr so viel Geld wie ein Fabrikarbeiter in zwei Wochen.

          Nicht alles steht zum Guten. Es gibt viele Teenagerschwangerschaften, Gewalt im Suff, auch die Selbstmordrate ist die höchste auf der Welt und steigt merkwürdigerweise gerade im Frühling, wenn die Sonne erstmals wieder über den Horizont steigt. Die Leute sind so an die Dunkelheit und das Warten gewöhnt, dass der Einbruch des Lichts ein Schock ist.

          Probiers mal mit Gemütlichkeit

          Der Fisch brachte nur deshalb Wohlstand, weil anderswo Rohstoffe ausgebeutet wurden. Jetzt exportieren die Grönländer mehr und können dafür Öl zum Heizen und Holz und Bier und Kapuzenpullover und Kung-Fu-DVDs importieren. Für die Arbeiter machte er das Leben schneller, für die Arbeitslosen langsamer. Während Erdöl anderen Ländern Krieg gebracht hat und Aggression, hat der Fisch Grönland Gelassenheit gebracht. Ein grönländisches Wort beschreibt das Gefühl des Lebens auf der Insel, das von den kargen Gaben der Natur, vom Abwarten, geprägt ist: Imaqa. Es bedeutet: vielleicht. Gehst du morgen fischen? Imaqa. Arbeiten? Mal sehen. Jagen, tanzen, sterben? Imaqa. Die staatliche Fluggesellschaft, Air Greenland, nennen sie Air Imaqa. Weil es nie sicher ist, ob sie fliegt und mit wie vielen Stunden Verspätung.

          Die Melancholie wurde schon in die karge, gleichförmige Landschaft gezeichnet. Im Sommer sind die Eisflächen Pfützen, Pilze und essbare Schwarzbeeren wachsen. Die Dörfer sind wie Inseln. Es gibt keine Straßenverbindungen. In Qasigiannguit, dem Ort mit der Heilbuttfabrik, gibt es keinen Flughafen. Es ist per Boot zu erreichen. Im Winter fahren nicht mal die. Im Januar kommt das letzte Schiff mit Essenslieferungen an, dann müssen die Vorräte bis zum Frühling reichen. Frisch gibt es dann nur noch Heilbutt, den die Eislochfischer fangen. Er muss mit Hundeschlitten ins Dorf gebracht werden, eine Tagesfahrt, auf der er sofort gefriert. Bricht sich ein Jäger unterwegs ein Bein, ist auch er selbst in wenigen Stunden tiefgefroren und wird meist nie mehr gefunden. Die Jäger laufen derweil Kilometer ins eisige Land, schießen Moschusochsen oder Rentier und müssen das Getier über das Eis zurückziehen. Wenn im Winter eine Frau in den Wehen liegt - die Geburtenrate ist hoch auf Grönland -, muss sie mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden. Das kostet tausend Euro, die Kasse zahlt.

          Der Export bracht den Wohlstand

          Der Export ist hier noch ziemlich neu. Der Staatskonzern Royal Greenland wurde 1774 als Importunternehmen für Kolonialwaren gegründet und exportierte zunehmend Waltran. Erst vor hundert Jahren gab es die ersten Versuche, Fisch zu exportieren. Noch aus den zwanziger Jahren gibt es aus Ilulissat Fotos, die Einheimische zeigen vor ihren Torfhütten, deren Dächer mit Treibholz gedeckt sind. Wohlstand kam erst im Zweiten Weltkrieg mit dem Fischexport, zunächst nach Amerika. In den sechziger Jahren, als die Kühl- und Transporttechnik entwickelt waren, investierte Dänemark in Fischfabriken, Häfen, Kühlhallen und Schiffe.

          Der auf Grönland geborene Ingenieur Jens Lyberth, Jahrgang 1956, hat die späte Reise in den Wohlstand in der eigenen Familie mitgemacht. „Der Export hat unser Leben sehr verändert“, sagt er. „Erst dadurch wurde aus einer Naturalien- und Tauschwirtschaft eine Geldwirtschaft. Jetzt konnten wir Holz importieren. Als ich ein Kind war, gab es Armut und viele Krankheiten, die Wohnverhältnisse waren schlecht. Heute sind wir zu 95 Prozent vom Fischexport abhängig.“

          Das hält Lyberth, der früher im Ministerium für Fischerei arbeitete und jetzt als Manager für Royal Greenland, durchaus auch für ein Hindernis für weitere Entwicklung. Denn weil bis heute in der einfachen Fischverarbeitung so gut verdient werde, hätten die meisten keine gute Schulbildung. „Das Geld liegt im Wasser, das ist eine Gefahr. Die Leute glauben, sie brauchen das nicht um an Geld zu kommen.“ Er selbst ging in Dänemark aufs Gymnasium, studierte und arbeitete im Ausland als Ingenieur. Heute gibt es immerhin vier Gymnasien und eine Universität auf Grönland.

          Birgt die Ölförderung Gefahren für die Fischerei?

          Imaqa, vielleicht, ist die beste Zeit vorbei. Der Diesel wird teurer, seit Jahrzehnten fahren die Fischer nicht mehr zur Ostküste, weil sich der weite Weg nicht mehr lohnt. Vielleicht, und wahrscheinlich, hat das fette Öl-Zeitalter im Eismeer aber gerade begonnen. Große Vorkommen lagern unter dem Eis und dem Eiswasser. Öl, Erz, wertvolle Seltenerden. In den Hotels liegen Prospekte für Investoren. Alle Konzerne waren hier und Staatsdelegationen aus Korea, China, Amerika. Es gibt Probebohrungen. Wegen des Klimawandels wird die Ausbeutung von Rohstoffen einfacher. Es ist hier seit einigen Jahren sogar möglich, Kartoffeln im Gewächshaus anzubauen und Schafe zu halten, ganz im Süden, weit südlich von Ilulissat.

          Die Fischer fragen sich, ob die Ölförderung eine Gefahr sein werde. Jens Lyberth erinnert sich an das Ölunglück mit der Exxon Valdez. Seit dem Schneekrabbenschock sind die Fischer hier durchaus ökologisch bewegt: Wegen Überfischung brachen in den Achtzigern die Fänge der Krabben ein. Seither sind die Fischer bereit, nachhaltig zu fischen, und haben jetzt für ihre Krabben das Verbrauchern wichtige MSC-Siegel, das viel Bürokratie und Kosten mit sich bringt, erhalten. Es gab in den Genossenschaften großen Streit darüber, ob man sich dem unterwerfen solle, am Ende stimmten die Fischer zu, weil sie wissen, dass auch der Fisch nicht endlos wächst.

          Und nun bald die Ölförderung. Jens Lyberth will am liebsten, dass das Öl im Boden bleibt, doch weiß er, dass es anders kommen wird. Glücklicher würden seine Landsleute dadurch sicher nicht, sagt er: „Wir wissen, was in Alaska mit den Inuit passiert ist durch die Ölförderung. Da zirkuliert jetzt eine ganze Menge Geld, aber es hat die Leute irgendwie unzufrieden gemacht.“ Tausende Arbeitsplätze sollen bald im Bergbau entstehen. Weil es nicht genügend geeignete Arbeiter gibt, wird erwartet, dass die Bergbau- und Ölkonzerne ihre eigenen Leute mitbringen, vor allem die Chinesen, die fleißigen. Sie waren im vergangenen Sommer schon in der Fischfabrik von Qasigiannguit. Zwanzig Saisonarbeiter halfen aus. „Das hat das Arbeitstempo sehr beschleunigt“, sagt Technikchef Kim Larsen. Vielleicht hat der Fluch der Rohstoffe gerade erst begonnen.

          Grönland, Fischland: Jens Lyberth, oben links, daneben Fabrikchef Kim Larsen - und Szenen von Fischerbooten und aus der Shrimpsfabrik. Fotos Jan Grossarth (3), Jesper Frank (3)

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