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Grönland : Imaqa - vielleicht sind wir glücklich

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Der auf Grönland geborene Ingenieur Jens Lyberth, Jahrgang 1956, hat die späte Reise in den Wohlstand in der eigenen Familie mitgemacht. „Der Export hat unser Leben sehr verändert“, sagt er. „Erst dadurch wurde aus einer Naturalien- und Tauschwirtschaft eine Geldwirtschaft. Jetzt konnten wir Holz importieren. Als ich ein Kind war, gab es Armut und viele Krankheiten, die Wohnverhältnisse waren schlecht. Heute sind wir zu 95 Prozent vom Fischexport abhängig.“

Das hält Lyberth, der früher im Ministerium für Fischerei arbeitete und jetzt als Manager für Royal Greenland, durchaus auch für ein Hindernis für weitere Entwicklung. Denn weil bis heute in der einfachen Fischverarbeitung so gut verdient werde, hätten die meisten keine gute Schulbildung. „Das Geld liegt im Wasser, das ist eine Gefahr. Die Leute glauben, sie brauchen das nicht um an Geld zu kommen.“ Er selbst ging in Dänemark aufs Gymnasium, studierte und arbeitete im Ausland als Ingenieur. Heute gibt es immerhin vier Gymnasien und eine Universität auf Grönland.

Birgt die Ölförderung Gefahren für die Fischerei?

Imaqa, vielleicht, ist die beste Zeit vorbei. Der Diesel wird teurer, seit Jahrzehnten fahren die Fischer nicht mehr zur Ostküste, weil sich der weite Weg nicht mehr lohnt. Vielleicht, und wahrscheinlich, hat das fette Öl-Zeitalter im Eismeer aber gerade begonnen. Große Vorkommen lagern unter dem Eis und dem Eiswasser. Öl, Erz, wertvolle Seltenerden. In den Hotels liegen Prospekte für Investoren. Alle Konzerne waren hier und Staatsdelegationen aus Korea, China, Amerika. Es gibt Probebohrungen. Wegen des Klimawandels wird die Ausbeutung von Rohstoffen einfacher. Es ist hier seit einigen Jahren sogar möglich, Kartoffeln im Gewächshaus anzubauen und Schafe zu halten, ganz im Süden, weit südlich von Ilulissat.

Die Fischer fragen sich, ob die Ölförderung eine Gefahr sein werde. Jens Lyberth erinnert sich an das Ölunglück mit der Exxon Valdez. Seit dem Schneekrabbenschock sind die Fischer hier durchaus ökologisch bewegt: Wegen Überfischung brachen in den Achtzigern die Fänge der Krabben ein. Seither sind die Fischer bereit, nachhaltig zu fischen, und haben jetzt für ihre Krabben das Verbrauchern wichtige MSC-Siegel, das viel Bürokratie und Kosten mit sich bringt, erhalten. Es gab in den Genossenschaften großen Streit darüber, ob man sich dem unterwerfen solle, am Ende stimmten die Fischer zu, weil sie wissen, dass auch der Fisch nicht endlos wächst.

Und nun bald die Ölförderung. Jens Lyberth will am liebsten, dass das Öl im Boden bleibt, doch weiß er, dass es anders kommen wird. Glücklicher würden seine Landsleute dadurch sicher nicht, sagt er: „Wir wissen, was in Alaska mit den Inuit passiert ist durch die Ölförderung. Da zirkuliert jetzt eine ganze Menge Geld, aber es hat die Leute irgendwie unzufrieden gemacht.“ Tausende Arbeitsplätze sollen bald im Bergbau entstehen. Weil es nicht genügend geeignete Arbeiter gibt, wird erwartet, dass die Bergbau- und Ölkonzerne ihre eigenen Leute mitbringen, vor allem die Chinesen, die fleißigen. Sie waren im vergangenen Sommer schon in der Fischfabrik von Qasigiannguit. Zwanzig Saisonarbeiter halfen aus. „Das hat das Arbeitstempo sehr beschleunigt“, sagt Technikchef Kim Larsen. Vielleicht hat der Fluch der Rohstoffe gerade erst begonnen.

Grönland, Fischland: Jens Lyberth, oben links, daneben Fabrikchef Kim Larsen - und Szenen von Fischerbooten und aus der Shrimpsfabrik. Fotos Jan Grossarth (3), Jesper Frank (3)

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