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Grönland : Imaqa - vielleicht sind wir glücklich

  • -Aktualisiert am

Verdienst: Pro Nacht bis zu 10000 Kronen

Noch besser geht es den Heilbutt-Fischern, und sie haben noch mehr frei. Tausend solcher Fischer gibt es auf der Insel, jeder fischt mit etwa zweitausend Metern Angelschnur etwa eine halbe Tonne pro Nacht. Das erzählt ein Fischer, den wir zufällig auf dem Eismeer treffen. Für ein Kilo Fisch zahlt ihm die Fabrik 20 Kronen, das heißt, für einen Angelausflug bekommt er ungefähr so viel Geld wie ein Fabrikarbeiter in zwei Wochen.

Nicht alles steht zum Guten. Es gibt viele Teenagerschwangerschaften, Gewalt im Suff, auch die Selbstmordrate ist die höchste auf der Welt und steigt merkwürdigerweise gerade im Frühling, wenn die Sonne erstmals wieder über den Horizont steigt. Die Leute sind so an die Dunkelheit und das Warten gewöhnt, dass der Einbruch des Lichts ein Schock ist.

Probiers mal mit Gemütlichkeit

Der Fisch brachte nur deshalb Wohlstand, weil anderswo Rohstoffe ausgebeutet wurden. Jetzt exportieren die Grönländer mehr und können dafür Öl zum Heizen und Holz und Bier und Kapuzenpullover und Kung-Fu-DVDs importieren. Für die Arbeiter machte er das Leben schneller, für die Arbeitslosen langsamer. Während Erdöl anderen Ländern Krieg gebracht hat und Aggression, hat der Fisch Grönland Gelassenheit gebracht. Ein grönländisches Wort beschreibt das Gefühl des Lebens auf der Insel, das von den kargen Gaben der Natur, vom Abwarten, geprägt ist: Imaqa. Es bedeutet: vielleicht. Gehst du morgen fischen? Imaqa. Arbeiten? Mal sehen. Jagen, tanzen, sterben? Imaqa. Die staatliche Fluggesellschaft, Air Greenland, nennen sie Air Imaqa. Weil es nie sicher ist, ob sie fliegt und mit wie vielen Stunden Verspätung.

Die Melancholie wurde schon in die karge, gleichförmige Landschaft gezeichnet. Im Sommer sind die Eisflächen Pfützen, Pilze und essbare Schwarzbeeren wachsen. Die Dörfer sind wie Inseln. Es gibt keine Straßenverbindungen. In Qasigiannguit, dem Ort mit der Heilbuttfabrik, gibt es keinen Flughafen. Es ist per Boot zu erreichen. Im Winter fahren nicht mal die. Im Januar kommt das letzte Schiff mit Essenslieferungen an, dann müssen die Vorräte bis zum Frühling reichen. Frisch gibt es dann nur noch Heilbutt, den die Eislochfischer fangen. Er muss mit Hundeschlitten ins Dorf gebracht werden, eine Tagesfahrt, auf der er sofort gefriert. Bricht sich ein Jäger unterwegs ein Bein, ist auch er selbst in wenigen Stunden tiefgefroren und wird meist nie mehr gefunden. Die Jäger laufen derweil Kilometer ins eisige Land, schießen Moschusochsen oder Rentier und müssen das Getier über das Eis zurückziehen. Wenn im Winter eine Frau in den Wehen liegt - die Geburtenrate ist hoch auf Grönland -, muss sie mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden. Das kostet tausend Euro, die Kasse zahlt.

Der Export bracht den Wohlstand

Der Export ist hier noch ziemlich neu. Der Staatskonzern Royal Greenland wurde 1774 als Importunternehmen für Kolonialwaren gegründet und exportierte zunehmend Waltran. Erst vor hundert Jahren gab es die ersten Versuche, Fisch zu exportieren. Noch aus den zwanziger Jahren gibt es aus Ilulissat Fotos, die Einheimische zeigen vor ihren Torfhütten, deren Dächer mit Treibholz gedeckt sind. Wohlstand kam erst im Zweiten Weltkrieg mit dem Fischexport, zunächst nach Amerika. In den sechziger Jahren, als die Kühl- und Transporttechnik entwickelt waren, investierte Dänemark in Fischfabriken, Häfen, Kühlhallen und Schiffe.

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