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Grönland : Imaqa - vielleicht sind wir glücklich

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Der härteste Job der Welt

Die Eismeerfischer sterben beim ersten Fehltritt. In jedem Jahr gibt es mehrere solcher Unfälle: Stürzt ein Fischer ins höchstens vier Grad kalte Eismeer, erfriert er schnell und sinkt Hunderte Meter auf den Grund. Die meisten können nicht schwimmen. Denn im Eiswasser kann man nicht üben, und Schwimmbäder gibt es nicht. Schon den alten Jägern hat das Meer so nicht nur Leben gebracht, sondern auch den Tod.

Man kennt die Geschichten von Ländern, die reich an Rohstoffen sind. Das Erdöl in Saudi-Arabien, das Gas in Russland, die Diamanten in Kongo. Vom Fluch der Rohstoffe ist die Rede, weil man sagt, sie brächten Korruption, Umweltzerstörung, Anspruchsdenken und Aggressivität. Grönland ist abhängig vom Fisch, der anders als Öl und Kohle allerdings immer wieder nachwächst. Kann auch der Fisch ein Fluch sein?

Wir suchen eine Antwort draußen im Meer, zwei Bootsstunden jenseits der Küste. Ein rostiger Kutter macht Jagd auf Shrimps. Einer von der Mannschaft, in blauem Arbeitsanzug, trinkt Kaffee und guckt aufs Eismeer. Er ist dreißig und verbringt die Hälfte des Jahres auf dem Boot. Hier vertreiben sie sich die Zeit mit Videospielen, Kung-Fu-Filmen und Schnaps. Der Kapitän trägt eine lange Unterhose, er ist gerade vom Mittagsschlaf erwacht. Die Männer sind immer vier Tage am Stück draußen, zwei Kapitäne, vier Fischer, ein Maschinist. Sie sehen so aus, als sei der Beruf des Garnelenfischers der freundlichste lebensgefährliche Beruf der Welt. „Ich fische, seit ich ein Kind bin“, sagt der Mann in Blau in gutem Englisch. „Ich liebe es, Fischer zu sein, ich kann mir nichts anderes vorstellen, ich will bald meinen Führerschein machen und ein eigenes Boot kaufen.“ Die Fischer sehen so aus, als seien sie ganz bei sich. Das kann kein Fluch sein.

Viele sind arbeitslos, niemand bewirbt sich

Junge Leute können in Grönland am besten Fischer werden, Arbeiter in der Fischfabrik, Ingenieur in der Fischfabrik, ansonsten Pfarrer, Helikopter-Pilot, Arzt oder Fremdenführer in den kurzen Sommern und - natürlich auch: Alkoholiker, Arbeitsloser. Auch davon gibt es viele.

Die Fischer arbeiten hart, andere sind vom Fisch faul geworden. Das sieht man in der Fischfabrik von Qasigiannguit. Kim Larsen, ein Däne, technischer Leiter der Fabrik, ist nicht sehr zufrieden mit seinen Leuten. Er findet hier kaum Arbeiter, obwohl mehr als hundert im Ort als arbeitslos gemeldet sind. „Niemand bewirbt sich, wir müssen ins Dorf rausgehen und Arbeiter jagen.“ Manche Jugendliche besuchen lieber das Gymnasium und studieren dann in Grönlands einziger Universität in Nuuk. Andere gehen lieber aufs Meer zum Fischen und abends in die Dorf-Disco, wo es drei Bier in der Happy Hour für umgerechnet 15 Euro gibt, für grönländische Verhältnisse ein Schnäppchen. Andere gehen einfach nur raus.

„Sie spazieren dreißig Kilometer, sie sind freiheitsliebend“, sagt Larsen.

Jeden Tag fehlten ihm im Schnitt 15 Prozent der Mitarbeiter, an Montagen ist die Fehlquote stets viel höher infolge der Partys am Wochenende. Auch in der Fischfangsaison im Sommer sind die Fehlquoten sehr hoch. Dann seien pro Schicht oft nur zwanzig von fünfunddreißig Arbeitern da, sagt Larsen. Er zahlt Boni für Anwesenheit. Aber auch das bringt nichts. „Sie wollen immer nur zum Meer.“ Manche Arbeiter kündigen nach einem Tag, wenn sie genügend Geld für eine Kiste Bier verdient haben. Sie verdienen 140 Kronen pro Stunde, rund 20 Euro.

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