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Das IOC in der Krise : Olympia ist am Boden

Der Lack ist ab: Handwerker versuchen die Olympischen Ringe am Strand von Rio de Janeiro noch etwas herauszuputzen. Bild: dpa

Zu teuer, zu intransparent, ohne moralische Kraft: Die Reputation Olympias könnte derzeit schlechter nicht sein. Die Milliarden sprudeln zwar wie eh und je – aber das Geschäftsmodell des IOC gerät an seine Grenzen.

          Seit Mittwoch befindet sich Thomas Bach in Rio de Janeiro. Für seine PR-Abteilung ist es stets ein wichtiger Ortstermin, wenn der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in der Stadt der Spiele eintrifft. Am Flughafen wird er von lächelnden Olympiahelfern empfangen, dann checkt der oberste Chef im Athletendorf ein und bezieht in den Wohntürmen sein karges Zimmer. Fotografen sind selbstverständlich wie immer zu solchen Anlässen dabei. „Die steigende Spannung ist hier vor dem Start förmlich zu spüren“, teilte der lächelnde Bach dann noch mit, salopp gekleidet in einer hellblauen Trainingsjacke. Seine Botschaft: Alles gut – die Spiele können beginnen. Bach setzt darauf, dass – wie immer –, wenn erst die olympische Flamme brennt, die vielen attraktiven Wettkämpfe beginnen und von nächstem Freitag an Bilder von Rio mit Copacabana, Zuckerhut und ChristusStatue auf dem Corcovado täglich um die Welt gehen, der gute Geist zurück ist.

          Zeitplan & Termine für Olympia 2016 in Rio de Janeiro

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dass der Präsident als Topfunktionär nicht, wie üblich, in einem Luxushotel logiert, sondern die Nähe zur Basis sucht, gehört zu den olympischen Ritualen. Doch den Druck auf das IOC, die massive Kritik an ihm und an der fragwürdigen Politik mit dem Chaos um den russischen Staats-Doping-Skandal wird der oberste Repräsentant mit solchen Auftritten im Athletendorf nicht wegbekommen. Vielmehr zeigt die IOC-Führung, wie entrückt sie von der Realität und den vielen Problemen ist.

          4,1 Milliarden Dollar für Fernsehrechte

          Noch nie waren Olympische Spiele so brisant. Noch nie sind die Schwachstellen der Veranstaltung und die Defizite der Sportorganisation so deutlich hervorgetreten wie dieses Mal. Mit voller Wucht getroffen durch die Enthüllungen um staatlich gelenktes Doping der Sportnation Russland, aber auch belastet durch eigene strategische Fehlentscheidungen, gefangen in alten Verhaltensmustern und einer anachronistischen Führungsstruktur, kämpft Olympia gerade um eine Zukunftsperspektive. Hierbei steht auch das eigene Geschäftsmodell auf dem Spiel.

          Von Bachs Agenda 2020, mit welcher der 62 Jahre alte ehemalige Fecht-Olympiasieger und Wirtschaftsanwalt aus Tauberbischofsheim seit seiner Wahl zum Präsidenten vor drei Jahren das IOC eigentlich tiefgreifend reformieren will, ist längst nicht mehr die Rede. Einen Tag nach Bachs Ankunft in Brasilien geriet der Fackellauf, der sich Rio nun von Westen her nähert, in einen Tumult. Das olympische Feuer erlosch für einen Moment, protestierende Menschen am Straßenrand jubelten. So weit ist es gekommen.

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          Zwar sprudeln die Einnahmen aus dem olympischen Unterhaltungsprodukt. In der üblichen Vier-Jahres-Periode zwischen 2013 und 2016 mit Winter- und Sommerspielen wird das IOC diesmal Erlöse in Höhe von 5,5 Milliarden Euro verbuchen können – eine Steigerung zum Zeitraum zuvor von 5,8 Prozent. Zwischen 2001 bis 2004 lag der Umsatz noch bei drei Milliarden Dollar. Allein 4,1 Milliarden Dollar bringt die Vermarktung der Fernsehrechte ein. Mehr als eine Milliarde Dollar kassiert das IOC im Olympiazyklus von seinen zehn Topsponsoren. Die eine Hälfte fließt auf die Konten des Komitees, die andere Hälfte wird von den Werbepartnern in Sachleistungen aufgebracht. Als eingetragener Verein nach Schweizer Recht ist das in Lausanne ansässige IOC steuerbefreit. Ohnehin betrachten sich die Olympier als Wohlfahrtsorganisation. Sie behaupten, dass 90 Prozent der Einnahmen an den Sport und seine Organisationen fließen, wodurch das IOC die „Vielfalt und die Universalität des Sports“ sichere.

          Doch die Reputation von Olympia könnte nicht schlechter sein. Der Verzicht des IOC auf einen Ausschluss der russischen Olympiamannschaft sorgt seit Tagen für Wellen der Empörung. Der ehemalige Automobilmanager und Sporthilfe-Vorsitzende Hans Wilhelm Gäb kritisierte den ehemaligen Funktionärskollegen Bach scharf und gab seinen Olympischen Orden zurück. „Wenn der oberste Hüter der olympischen Prinzipien die Prinzipien verrät, dann spricht das eine deutliche Sprache“, sagte Gäb. Doping sei Betrug und ein Verbrechen an anderen Menschen. Die Olympiasponsoren reagieren nicht und bleiben stumm – wie nicht anders zu erwarten.

          Überfordert, schlecht geführt oder korrupt

          Derweil schiebt das IOC seine Verantwortung beiseite. Zwar ist die Organisation Veranstalter der Spiele, doch auf einmal sollen nun die einzelnen Sportfachverbände dafür sorgen, dass in den unterschiedlichen Sportarten und Disziplinen nur „saubere“ russische Athleten an den Start gehen und somit auch die vom Staatspräsidenten Wladimir Putin mit Vehemenz geforderte Teilhabe Russlands in Rio gesichert ist. Viele Verbände sind hierbei überfordert, schlecht geführt oder korrupt – weshalb sich die Frage aufdrängt, ob die Auswahl überhaupt seriös umgesetzt werden kann. Es ist zu bezweifeln.

          Einerseits glorifiziert das IOC den Olympismus, beruft sich auf Werte wie Höchstleistung, Fairplay oder Völkerverständigung. Im eigenen Handeln aber kann es diesen hoch angesetzten Idealen nicht gerecht werden. Olympia ist heute ein Riesenbusiness mit unterschiedlichsten Interessengruppen, mächtigen politischen Einflüssen, starken globalen Einwirkungen. Das Geschäftsmodell des IOC gerät an seine Grenzen. Statt Sonntagsreden über Werte braucht es mehr Kontrolle, Überwachungsmechanismen und ein hohes Maß an Verantwortungsgefühl der Entscheider. „Es ist hochgradig problematisch, dass es entweder Diktaturen braucht oder korrupte Länder, damit Olympia heute überhaupt durchgeführt werden kann“, sagt der Anti-Korruptions-Experte Mark Pieth vom Basel Institute on Governance. Der Rechtswissenschaftler hat jahrelang die Arbeitsgruppe der OECD gegen Korruption geleitet und beim Fußball-Weltverband Fifa zwischen 2011 und 2013 wichtige Reformschritte implementiert. Pieth hält alle großen Sportverbände für zu unreguliert und stark reformbedürftig.

          Das IOC befindet sich in einer schweren Vertrauenskrise. Was kann der Verbandsapparatschik Bach hier noch bewirken? Sein geplantes Reformpaket hatte Mut gemacht, ist aber längst nicht in die Praxis umgesetzt. Eine Stadt nach der anderen springt als Olympia-Kandidat ab. Meist Städte aus westlichen Ländern, denen die Dominanz der Sportorganisation, die vielen finanziellen Forderungen und das wirtschaftliche Risiko nicht mehr passen. Den Menschen an betroffenen Orten ist die überbordende, Ressourcen verschlingende Olympiamaschinerie unheimlich geworden. Hinzu kommt das Integritätsproblem mit dem Doping. Die Spiele sind inzwischen wesentlich schwerer zu vermitteln als in der Vergangenheit. Im vergangenen Herbst zog Hamburg seine Bewerbung für die Sommerspiele 2024 nach einem gescheiterten Bürgerreferendum zurück. Danach stieg Boston aus. Anlässlich der Winterspiele 2022 stieg erst Oslo aus, dann Stockholm, es folgten Krakau, München und Davos.

          Von insgesamt neun Kandidaten blieben am Ende nur zwei Bewerber aus diktatorischen Regimen übrig: Almaty in Kasachstan und die chinesische Hauptstadt Peking, die 2008 Sommerspiele ausgerichtet hatte. In den internen IOC-Beurteilungen zu Schnee- und Winterbedingungen sowie zum Naturschutz schnitten beide Städte wenig überzeugend ab. Am Ende gewann Peking. Für die Sommerspiele 2024 gibt es weit vor den IOC-Prüfungen auch nur noch vier Kandidaten: Los Angeles, das auf Druck der amerikanischen Politik notdürftig für Boston einsprang, Rom, Paris und Budapest. In Ungarn blockiert der Oberste Gerichtshof allerdings einen von Bürgergruppen beabsichtigten Volksentscheid. Und in Rom hat die jüngst gewählte Bürgermeisterin Virginia Raggi von der Protestpartei „Fünf Sterne“ mehrfach ihren Unwillen zur Olympiabewerbung kundgetan. Der Widerstand gegen Olympia ist nicht mehr eine Sache kleiner Grüppchen, sondern gehört jetzt zum Mainstream.

          Mit Hilfe einer Agenda 2020 wollte IOC-Präsident Thomas Bach nach seiner Wahl für bessere Zeiten bei den Olympiern sorgen – eine Ankündigung, von der kaum etwas übrig geblieben ist.

          Olympia wird derzeit mit Zutun des IOC als Stadtentwicklungsprogramm missbraucht. Das führt zu den Kostenexplosionen. Es überfordert alle Beteiligten“, sagt Wolfgang Maennig, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hamburg. Er gewann als Ruderer im Achter 1988 olympisches Gold und hat schon mehrere deutsche Olympiabewerbungen kritisch begleitet. Als Konsequenz aus den überbordenden Kosten schlägt er vor, Olympia nur an Städte zu vergeben, die für ihre Bürger bereits bei Verkehr, Sportstätten und Wohnungsbau eine funktionierende Infrastruktur geschaffen haben. „Olympia sollte nicht mehr als Königsweg der Stadtentwicklung, sondern als Krönung begriffen werden“, sagt Maennig. Er plädiert für festgeschriebene Bürgerreferenden in den Bewerberstädten und fordert, dass das IOC die Bewerbungsbücher der Kandidaten von einer externen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft als Olympia-TÜV prüfen lässt. „Die Finanz-Evaluierungskommissionen des IOC, die das bisher getan haben, stehen bei den immer wieder zu beobachtenden Kostenerhöhungen nicht hinreichend in der Verantwortung.“ Zudem sollten der Job des Organisations-Chefs und sein Gehalt an die Einhaltung des Budgets geknüpft sein.

          In Brasilien gehen viele Menschen wegen Rio auf die Barrikaden. Auch hier sind die Kosten explodiert, während das Land in einer tiefen Rezession steckt. Bei der olympischen Infrastruktur gab es ständig Verzögerungen und Baustopps. Der Platz fürs Golfturnier wurde mitten in ein Naturgebiet designt – vermutlich damit umliegende Appartementhäuser für die Investoren im Wert steigen. Kritiker bemängeln, dass das IOC generell mehr Verantwortung für die sozialen, ökologischen und ökonomischen Konsequenzen seiner Veranstaltungen tragen müsste.

          Eine aktuelle Studie der Universität Oxford zu den Budgetüberschreitungen zeigt das ganze Dilemma. Rio wird demnach mit 4,6 Milliarden Dollar um 51 Prozent überziehen. Außen vor gelassen wurden Aufwendungen für die meist noch viel teurere, nicht sportbezogene Infrastruktur. Die teuersten Sommerspiele fanden demnach 2012 in London mit 15 Milliarden Dollar und 76 Prozent Kostensteigerung statt. Bei den Winterspielen übertraf Sotschi 2014 mit 22 Milliarden Dollar und 289 Prozent Budgetüberschreitung alles. Im Schnitt überschreiten laut Oxford-Studie die olympischen Projekte die Anfangskalkulation seit 1960 im Schnitt um 156 Prozent.

          Die Autoren bemängeln den intransparenten Umgang olympischer Funktionäre und der jeweiligen Politik mit den Zahlen sowie das schlechte Kostenmanagement zwischen IOC und Ausrichterstadt. In den Bewerberbüchern würden unrealistische Größen genannt, um den Zuschlag zu erhalten. Und es geht immer weiter: Diese Woche mussten die Organisatoren der Sommerspiele in Tokio 2020 eingestehen, dass der Bau von sieben temporären Sportstätten statt 690 Millionen Dollar nun zwei Milliarden Dollar kosten würde. Und das ist bestimmt nicht das Ende.

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