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Das IOC in der Krise : Olympia ist am Boden

Von insgesamt neun Kandidaten blieben am Ende nur zwei Bewerber aus diktatorischen Regimen übrig: Almaty in Kasachstan und die chinesische Hauptstadt Peking, die 2008 Sommerspiele ausgerichtet hatte. In den internen IOC-Beurteilungen zu Schnee- und Winterbedingungen sowie zum Naturschutz schnitten beide Städte wenig überzeugend ab. Am Ende gewann Peking. Für die Sommerspiele 2024 gibt es weit vor den IOC-Prüfungen auch nur noch vier Kandidaten: Los Angeles, das auf Druck der amerikanischen Politik notdürftig für Boston einsprang, Rom, Paris und Budapest. In Ungarn blockiert der Oberste Gerichtshof allerdings einen von Bürgergruppen beabsichtigten Volksentscheid. Und in Rom hat die jüngst gewählte Bürgermeisterin Virginia Raggi von der Protestpartei „Fünf Sterne“ mehrfach ihren Unwillen zur Olympiabewerbung kundgetan. Der Widerstand gegen Olympia ist nicht mehr eine Sache kleiner Grüppchen, sondern gehört jetzt zum Mainstream.

Mit Hilfe einer Agenda 2020 wollte IOC-Präsident Thomas Bach nach seiner Wahl für bessere Zeiten bei den Olympiern sorgen – eine Ankündigung, von der kaum etwas übrig geblieben ist.

Olympia wird derzeit mit Zutun des IOC als Stadtentwicklungsprogramm missbraucht. Das führt zu den Kostenexplosionen. Es überfordert alle Beteiligten“, sagt Wolfgang Maennig, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hamburg. Er gewann als Ruderer im Achter 1988 olympisches Gold und hat schon mehrere deutsche Olympiabewerbungen kritisch begleitet. Als Konsequenz aus den überbordenden Kosten schlägt er vor, Olympia nur an Städte zu vergeben, die für ihre Bürger bereits bei Verkehr, Sportstätten und Wohnungsbau eine funktionierende Infrastruktur geschaffen haben. „Olympia sollte nicht mehr als Königsweg der Stadtentwicklung, sondern als Krönung begriffen werden“, sagt Maennig. Er plädiert für festgeschriebene Bürgerreferenden in den Bewerberstädten und fordert, dass das IOC die Bewerbungsbücher der Kandidaten von einer externen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft als Olympia-TÜV prüfen lässt. „Die Finanz-Evaluierungskommissionen des IOC, die das bisher getan haben, stehen bei den immer wieder zu beobachtenden Kostenerhöhungen nicht hinreichend in der Verantwortung.“ Zudem sollten der Job des Organisations-Chefs und sein Gehalt an die Einhaltung des Budgets geknüpft sein.

In Brasilien gehen viele Menschen wegen Rio auf die Barrikaden. Auch hier sind die Kosten explodiert, während das Land in einer tiefen Rezession steckt. Bei der olympischen Infrastruktur gab es ständig Verzögerungen und Baustopps. Der Platz fürs Golfturnier wurde mitten in ein Naturgebiet designt – vermutlich damit umliegende Appartementhäuser für die Investoren im Wert steigen. Kritiker bemängeln, dass das IOC generell mehr Verantwortung für die sozialen, ökologischen und ökonomischen Konsequenzen seiner Veranstaltungen tragen müsste.

Eine aktuelle Studie der Universität Oxford zu den Budgetüberschreitungen zeigt das ganze Dilemma. Rio wird demnach mit 4,6 Milliarden Dollar um 51 Prozent überziehen. Außen vor gelassen wurden Aufwendungen für die meist noch viel teurere, nicht sportbezogene Infrastruktur. Die teuersten Sommerspiele fanden demnach 2012 in London mit 15 Milliarden Dollar und 76 Prozent Kostensteigerung statt. Bei den Winterspielen übertraf Sotschi 2014 mit 22 Milliarden Dollar und 289 Prozent Budgetüberschreitung alles. Im Schnitt überschreiten laut Oxford-Studie die olympischen Projekte die Anfangskalkulation seit 1960 im Schnitt um 156 Prozent.

Die Autoren bemängeln den intransparenten Umgang olympischer Funktionäre und der jeweiligen Politik mit den Zahlen sowie das schlechte Kostenmanagement zwischen IOC und Ausrichterstadt. In den Bewerberbüchern würden unrealistische Größen genannt, um den Zuschlag zu erhalten. Und es geht immer weiter: Diese Woche mussten die Organisatoren der Sommerspiele in Tokio 2020 eingestehen, dass der Bau von sieben temporären Sportstätten statt 690 Millionen Dollar nun zwei Milliarden Dollar kosten würde. Und das ist bestimmt nicht das Ende.

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