https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/das-impfen-und-der-abschied-von-der-idee-des-fortschritts-17473486.html

Kommentar : Das Impfen und der Fortschritt

Nach der Impfung: ein Pflaster auf dem Oberarm Bild: dpa

Früher wurde zwangsgeimpft, heute will jeder seine Freiheit behaupten. Das ist keine gute Entwicklung. Es scheint, als hätten wir es mit der Abkehr von der technokratischen Vernunft zu weit getrieben.

          2 Min.

          Der Fehler wurde gleich am Anfang gemacht. Die Impfungen gegen das Coronavirus hatten damals noch gar nicht begonnen, aber nahezu alle deutschen Politiker beeilten sich zu versprechen, dass das Verabreichen des Impfstoffs nie und nimmer verpflichtend sein werde. Seither drehen die Sprachakrobaten immer weitere Pirouetten, die das Publikum stets aufs Neue verwirren. Es wird deshalb nicht mehr einfach nur „geimpft“, sondern „ein Impfangebot unterbreitet“ – was dann wiederum bei den Impfwilligen den Eindruck erweckte, der Staat drücke sich seinerseits um jede Form von Verbindlichkeit herum: Ein bloßes „Angebot“ für eine Impfung ist schließlich noch nicht die Impfung selbst.

          Dabei könnte alles so einfach sein. Nehmen wir die Pocken, jahrhundertelang eine Geißel der Menschheit. Im Jahr 1967 beschloss die damals noch mächtige Weltgesundheitsorganisation eine weltweite Impfpflicht, bei der Seuchenbekämpfung waren sich kapitalistische und kommunistische Welthälfte einig. Während der Siebzigerjahre waren letzte Ausbrüche zu verzeichnen, im Jahr 1980 wurde die Welt für pockenfrei erklärt. Insgesamt wurden 2,8 Milliarden Menschen geimpft, bei einer Weltbevölkerung, die auf dem Höhepunkt der Kampagne rund vier Milliarden Menschen umfasste. Von einer solchen Quote ist die Weltgemeinschaft heute bei Corona weit entfernt.

          Testen Sie unser Angebot.
          Jetzt weiterlesen.
          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+
          Reger Handel: Containerhafen St. Petersburg

          Folgen des Ukrainekriegs : Warum Russland nicht zusammenbricht

          Niemand weiß, wie hart die Wirtschaftssanktionen Russland treffen. Doch versucht das Land auf vielen Wegen, Blockaden zu unterlaufen. Die Türkei hilft dabei.

          Gendern von oben : Öffentlich-rechtliche Umerziehung

          Rundfunk und Fernsehen maßen sich eine sprachliche Erziehung an, die ihnen nicht zusteht. Sie verhalten sich dabei nicht nur zutiefst undemokratisch, es widerspricht auch dem Auftrag der öffentlich-rechtlichen Medien.
          Patricia Schlesinger bei einem Fototermin im Dezember 2020

          Abfindung für Schlesinger? : Schampus für alle und Boni satt

          Zur Amtsführung der zurückgetretenen RBB-Intendantin Patricia Schlesinger dringen weitere, pikante Details ans Licht. Die Frage ist, ob sie auch noch eine Abfindung erhält. Die ersten Köpfe rollen.