https://www.faz.net/-gqe-9xxp7

Arzneimittelmangel : „Das Hamstern von Paracetamol nimmt langsam ab“

Friedemann Schmidt, Jahrgang 1964, ist seit 2013 Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Er betreibt eine Apotheke in seiner Heimatstadt Leipzig. Die ABDA vertritt rund 62.000 berufstätige Apotheker. Bild: obs

Der Chef des Apothekerverbands, Friedemann Schmidt, über die Gefahr von Falschmeldungen, die Lieferengpässe aus China und Indien und die Versorgung von alten Menschen in der Quarantäne.

          2 Min.

          Herr Schmidt, gibt es wegen der Corona-Krise Lieferengpässe bei Medikamenten?

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Zwischenzeitlich gab es die, vor allem beim Paracetamol. Das lag daran, dass unverantwortliche Falschmeldungen im Umlauf waren, wonach ein anderes rezeptfreies Schmerzmittel angeblich Covid-19-Symptome verschlimmere. Das ist völliger Unsinn, aber trotzdem kam es zu Hamsterkäufen von Paracetamol. 

          Was kann man dagegen tun?

          Die Kollegen halten beratend gegen. Und das Bundesgesundheitsministerium hat die Apotheken gebeten, Arzneimittel nur „situationsgerecht“ abzugeben. In dem Schreiben wurde Paracetamol namentlich erwähnt. Ein ähnlicher Brief ging über die Kassenärztlichen Vereinigungen auch an die Ärzte für verschreibungspflichtige Medikamente. Da ist von „rationaler Arzneimitteltherapie“ die Rede.

          Was bedeutet das?

          Dass die Ärzte zum Beispiel nicht Blutdrucksenker für ein ganzes Jahr im Voraus verschreiben sollen, weil ängstliche Patienten sich in der Corona-Krise damit eindecken wollen. Aber natürlich kann es sinnvoll sein, einem älteren oder gefährdeten Patienten große Packungen zu verordnen, damit er möglichst wenig zum Arzt und zur Apotheke muss. Das minimiert das Risiko, sich anzustecken.

          Aber Apotheker unterliegen doch dem so genannten Kontrahierungszwang, müssen also die Bevölkerung mit allen nötigen Medikamenten versorgen.

          Ja, aber in angemessenen Mengen. Wenn ein Missbrauchsverdacht besteht, gilt das nicht, und wenn jemand den ganzen Vorrat an Hustensaft haben will, kann der Apotheker das auch ablehnen. Es muss ja gerade gewährleistet werden, dass alle Patienten versorgt werden können.

          F.A.Z.-Newsletter „Coronavirus“

          Die ganze Welt spricht über das Coronavirus. Alle Nachrichten und Analysen über die Ausbreitung und Bekämpfung der Pandemie täglich in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Wie ging es beim Paracetamol weiter?

          Seit die Fake News vom Tisch sind und die Apotheken nur bedarfsgerechte Mengen abgeben, hat sich die Lage etwas entspannt.

          Treibt die Knappheit von Medikamenten die Preise hoch?

          Anders als für Krankenhausapotheken, die in Einkaufsgemeinschaften die Preise verhandeln, gilt in Vorort-Apotheken für verschreibungspflichtige Medikamente eine gesetzliche Preisbindung. Nur bei verschreibungsfreien Präparaten kann man mit dem Großhändler Nachlässe heraushandeln. Große Preissprünge haben wir aber nicht gesehen, auch beim Paracetamol nicht.

          Viele Medikamente kommen aus dem Ausland. China hatte seine Wirkstoffherstellung zwischenzeitlich stark reduziert, Indien ein Exportverbot erlassen. Beides gilt zwar nicht mehr, aber haben die Apotheken das gespürt?

          Noch nicht, das kommt ja, wenn überhaupt, mit einer gewissen Verzögerung bei uns an. Wir können nicht ausschließen, dass es irgendwann doch zu Corona-bedingten Engpässen kommt, da müssen wir sehr wachsam sein.

          In diesen Wochen sollen wir alle möglichst wenige Kontakte haben. Ist es da sinnvoll, dass ein Patient, der ein verschreibungspflichtiges Medikament braucht, beim Arzt ein Rezept abholen und es dann zum Apotheker bringen muss? In Österreich lassen sich diese Wege sparen, dort bittet man den Arzt telefonisch um ein Rezept, und er faxt es zur Apotheke.

          In Deutschland ist das eigentlich rechtlich untersagt, weil diese Abkürzung das Zuweisungsverbot zwischen Arzt und Apotheker unterlaufen würde. In der gegenwärtigen Krise gibt es aber Städte und Gemeinden, wo der von Ihnen beschriebene Weg gegangen wird. Dazu muss der Patient dem Arzt natürlich persönlich bekannt und gut medikamentös eingestellt sein. Das wird vor Ort pragmatisch gelöst. Wir haben aber eine Reihe weiterer Fragen, für die wir dringend Klarheit brauchen.

          Wie ist die zu erreichen?

          Der Bundesrat hat ja heute die Gesetzentwürfe von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verabschiedet. Darin ist unter anderem geregelt, dass das Ministerium in der gegenwärtigen epidemiologischen Notlage auf dem Verordnungsweg alles Nötige tun kann, um die Sicherheit und die Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten.

          Wir werden uns also den Weg zur Apotheke künftig sparen?

          Zumindest einige von uns. Es deutet sich ja an, dass das Kontaktverbot für Junge und Gesunde nach Ostern gelockert werden könnte, dass aber die vulnerablen Gruppen zuhause bleiben müssen, um sich zu schützen. Dafür brauchen wir breitgefächerte Tests und eine konsequente Nachverfolgung von Infektionsfällen. Die, die zuhause bleiben müssen, sollen dann Medikamente beziehen können, ohne die Apotheken aufsuchen zu müssen. Wir stellen uns darauf ein, unsere Botendienste stark auszuweiten.

          Weitere Themen

           Lufthansa fliegt aus dem Dax Video-Seite öffnen

          Kursabsturz in Corona-Krise : Lufthansa fliegt aus dem Dax

          Die Corona-Krise hat dem Flugunternehmen schwer zugesetzt. Nun ist die Lufthansa aus dem Kreis der 30 deutschen Aktien Index gerutscht. Mit der Deutschen Wohnen schafft es erstmals seit 14 Jahren wieder ein Unternehmen aus der Hauptstadt in den Dax.

          Topmeldungen

          Michael Zahn hat sich mit Äußerungen zur Wohnungspolitik in Berlin nicht überall beliebt gemacht.

          Deutsche-Wohnen-Chef Zahn : Der unbeliebte Vermieter

          Nach 14 Jahren hat die deutsche Hauptstadt wieder einen Dax-Konzern. Michael Zahn ist der Mann, der ihn führt. Doch viele Berliner sind auf den Immobilienmanager nicht gut zu sprechen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.