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Konjunktur : Das große Öl-Rätsel

Ölpumpe fördert Öl: Pro Barrel gibt es nur noch unter 40 Dollar. Bild: Reuters

Erstmals scheint es Konjunkturprobleme durch zu billiges Öl zu geben. Die These, Ölpreisschocks hätten große Wirkungen für Verbraucher und geringe für Produzenten, verliert ihr Fundament.

          Vor zwei Jahren, im Juni 2014, kostete das Fass Rohöl 115 Dollar. Jetzt schwankt der Preis in der 30-Dollar-Zone. Ein größeres Programm zur Befeuerung der globalen Konjunktur hätte man sich kaum ausdenken können. Es hätte wirken müssen wie eine große Steuersenkung in den Ölabnehmerländern. Schon als der Preis Ende 2014 auf 80 Dollar gerutscht war, bezifferten jubelnde Citigroup-Ökonomen den Wachstumsstimulus auf mehr als eine Billion Dollar. Das schien höchst plausibel: Die Großmächte der Weltkonjunktur China, Indien, der Eurozone und selbst die Vereinigten Staaten waren schließlich Netto-Ölimporteure. Sie hätten durch den billigeren Rohstoff einen konjunkturellen Schub bekommen müssen, der im besten Fall die gesamte Weltwirtschaft mitgezogen hätte. Stattdessen regiert aber die Stagnation. „Eine der größten Überraschungen des Jahres 2015 ist, dass der erstaunliche Verfall des Ölpreises nicht das Wachstum der Weltwirtschaft stärker befeuert hat“, sagt Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Irgendetwas ist falsch am alten Kalkül, das so lautete: Wenn der Ölpreis fällt, dann gewinnen die Verbraucher und es verlieren die Produzenten. Was zunächst wie ein Null-Summen-Spiel aussieht, wirkt beflügelnd auf die Konjunktur, weil die Volkswirte dachten, dass die Verbraucher wie früher schon das zusätzliche Geld für den Konsum und für Investitionen nutzen würden, während die Produzenten, die Öl-Scheichs, auf ihre Ersparnisse zurückgreifen, um die Einnahmeausfälle zu kompensieren, ohne damit die Konjunktur nennenswerte zu trüben. Anders gesagt: Konsumenten würden viel von zusätzlich verfügbarem Geld verjubeln, Produzenten greifen auf Reserven zurück. Deshalb, so die Theorie, ist es für die Welt besser, wenn das Geld beim Verbraucher sitzt.

          Allen war allerdings klar, dass nicht jeder Preiseinbruch unmittelbar stimulierend wirkt, schon gar nicht, wenn er die Folge einer großen Depression ist. Das ist wie bei einem Kranken: Wenn er Gewicht verliert, wird das nicht als Ergebnis eines erfolgreichen Fitnessprogramms gedeutet, sondern als Begleiterscheinung. Nach der Finanzkrise brachen die Bestellungen für den Rohstoff ein. Das drückte den Preis Ende 2008 schon einmal auf den Tiefststand von 30 Dollar. Damals hat der Ölpreis die Konjunktur höchstens vor einem weiteren Abrutschen bewahrt. Einen spürbar positiven Effekt erwarten die Ökonomen dagegen von sogenannten Angebots-Schocks wie jenem zwischen 1985 und 1986. Damals brachen die Ölpreise ein, weil Saudi-Arabien die Produktion hochfuhr, um verlorengegangene Marktanteile zurückzuerobern. Danach wuchs die Weltwirtschaft 1987 um 3,8 Prozent, immerhin um einen halben Prozentpunkt mehr als im Vorjahr.

          Blanker Interventionismus

          Das Problem mit dem aktuellen Ölpreisschock ist nach Rogoffs Analyse, dass er weder ein eindeutiger Angebots- noch ein klarer Nachfrageschock ist. Chinas Umstrukturierung der Volkswirtschaft kostet Wachstum. Das hat zur Folge, dass das Land weniger Öl und andere Rohstoffe bestellt als erwartet. Deren Preise sind 2015 ebenfalls stark gefallen.

          Mindestens ebenso wichtig ist aber die Schieferöl-Revolution in den Vereinigten Staaten: Dank neuer Bergbaumethoden wie Fracking, horizontalem Bohren und 3D-Seismik haben die Amerikaner ihre Ölförderung seit 2008 fast verdoppelt von 5 auf 9,3 Millionen Fass am Tag. Aktuell liegt die Produktion bei 8,7 Millionen Fass. Amerikas Fracker erweisen sich als zäh, zumindest was die Fördermenge betrifft. Das ist aus der Perspektive der Verbraucher prima, theoretisch zumindest.

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