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Künstliche Befruchtung : Das Geschäft mit dem Kinderwunsch

Oft dauert es länger als neun Monate, bis es soweit ist Bild: dpa

Für eine Reihe von Arzneimittelherstellern hat sich der Trend zur späten Familiengründung zu einem lukrativen Geschäftsfeld entwickelt. Denn immer öfter ist medizinische Hilfe nötig. Auch Samenbanken registrieren steigende Nachfrage.

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          Lange Ausbildungszeiten, späte Partnerfindung, erst einmal einige Jahre Berufserfahrung sammeln oder eine finanziell unsichere Lebenssituation überwinden: Es gibt viele Gründe und Motive dafür, dass Frauen heute ihr erstes Kind später zur Welt bringen als früher - wenn überhaupt. Für eine Reihe von Arzneimittelherstellern hat sich der Trend zur späten Familiengründung, für die immer öfter medizinische Hilfe nötig ist, inzwischen zu einem lukrativen Geschäftsfeld ausgewachsen. Sie bieten Hormonpräparate an, mit denen sich der weibliche Zyklus anregen und steuern lässt. Denn nur mit genug Eizellen, die zum vorausberechneten Zeitpunkt reif werden, lässt sich eine künstliche Befruchtung erfolgversprechend planen.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Weltmarktführer in diesem Segment ist der Chemie- und Pharmakonzern Merck KGaA aus Darmstadt, der in dieser Sparte zuletzt rund 700 Millionen Euro umgesetzt hat; schärfster Konkurrent ist der amerikanische Anbieter MSD. Die beiden Konzerne stellen ihre Produkte mit biotechnologischen Verfahren her.

          An die aus dem Urin von Frauen jenseits der Menopause gewonnenen Hormone, mit denen vor einem halben Jahrhundert die ersten Versuche zur Behandlung von Unfruchtbarkeit gemacht wurden, erinnern genormte Produkte wie etwa Gonal-f, mit dem Merck allein rund 525 Millionen Euro im Jahr erlöst, kaum mehr. Die jüngste Neuerung sind Injektionshilfen, die nach demselben Prinzip wie die weitverbreiteten Diabetiker-Pens funktionieren und die Therapie erleichtern sollen.

          Zwei Drittel des Weltmarkts entfallen inzwischen auf neuartige Mittel wie Gonal-f, der Rest auf Präparate herkömmlicher Art, überschlägt François Feig. Er leitet für Merck das Geschäftsfeld „Fertility“, das sich in den vergangenen Jahren zu einer der Stützen der Arzneimittelsparte entwickelt hat: Insgesamt verbuchte diese zuletzt nur ein Wachstum von 3 Prozent auf knapp 6 Milliarden Euro, Feig dagegen konnte für seine Sparte ein Umsatzplus von 6 Prozent ausweisen. „Der Markt wächst vor allem in den Schwellenländern“, berichtet er. Ein Viertel der Erlöse wird inzwischen dort erzielt, drei Viertel in Europa und Nordamerika. „Hier hat sich zuletzt die Wirtschaftskrise deutlich ausgewirkt, die Nachfrage stagniert.“

          Drei Versuche sind zur Hälfte frei

          In Deutschland entfällt etwa die Hälfte der Behandlungskosten von rund 3200 Euro für eine künstliche Befruchtung auf Medikamente. Von den gesetzlichen Krankenkassen werden bis zu drei Versuche zur Hälfte erstattet. Den Rest tragen die Paare selbst, deren Kinderwunsch sich anders nicht erfüllt hat. Eine Reform dieser Regelung etwa nach dem französischen Vorbild, wo fünf Versuche komplett von der Kasse gezahlt werden, würde die Geschäfte von Anbietern wie Merck zusätzlich ankurbeln. Deshalb verfolgt man in Darmstadt gespannt, wie der jüngste Vorschlag der Bundesregierung diskutiert wird, gemeinsam mit den Ländern einen Zuschuss zur Behandlung etwa von sogenannten In-vitro-Fertilisationen (IVF) zu übernehmen. „Noch stockt das Verfahren, die Bezuschussung für IVF-Behandlungen neu zu strukturieren“, sagt der Reproduktionsmediziner Andreas Tandler-Schneider vom Fertility Center Berlin. Zudem ist es schwierig, die genauen Effekte der anvisierten Zuzahlungen abzuschätzen. „Wahrscheinlich wird die Anzahl der Kinderwunschbehandlungen und damit auch die Zahl der Geburten in Deutschland um 10 bis 25 Prozent steigen, sollte Familienministerin Schröder ihr Vorhaben endlich umsetzen“, prognostiziert Tandler-Schneider. Mit 50 Millionen Euro, so hat es ein unternehmensnahes Forschungsinstitut berechnet, seien bis zu 10 000 zusätzliche Geburten im Jahr zu erreichen.

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