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Ambassador : Das Ende einer indischen Autolegende

Bequem, auch auf holprigen Straßen: der Ambassador Bild: AFP

Der Ambassador beherrschte jahrzehntelang das Straßenbild in Indien. Jetzt wird die Fertigung des knubbeligen Wagens eingestellt. Dabei gibt es keinen bequemeren Ort, um Indien an sich vorbeiziehen zu lassen.

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          Die deutsche Botschaft in Delhi hat sich noch schnell einen in Feuerrot gesichert. Die Bürokraten fahren sie mancherorts noch in weiß, mit einem Rotlicht auf dem Dach. Als Taxi-Version ist der Ambassador schwarz-gelb lackiert. Und wer es sich leisten konnte, fuhr den Ambassador auch schon mal hellblau, mit Ledersitzen. Nun aber ist Schluss mit der Legende unter den indischen Automobilen. Passend zur Aufbruchstimmung unter dem neuen indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi stellt Hindustan Motors die Fertigung der indischen Automobilikone nach mehr als einem halben Jahrhundert ein.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die buckelige Limousine basiert auf der Basis des britischen Morris Oxford aus den frühen fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. 1957 erlebte er sein Produktionsende. Gut ein halbes Jahrhundert später wirkt der „Amby“ wie ein zurückgelassenes Erbe der Kolonialherren. Und doch steht er für das Gegenteil: Für den starken Willen der Nation, eine eigenständige Industrie aufzubauen, unabhängig von Lieferungen aus dem Ausland – auch wenn es nur zur Produktion reichte, und die Erfindung und das Design alles andere als indisch waren. Die Zeiten änderten sich, auch in Indien. Der Ambassador aber blieb immer derselbe. Am Aussehen ihres Wagens haben die Inder in all den Jahrzehnten wenig geändert – zu bequem, zu verlässlich und zu gewichtig brummte der Wagen auch über holperige Straßen. Die durchgehende Bank für den Fahrer und Beifahrer macht es möglich, auch schon mal vier Inder auf den Vordersitzen zu transportieren – und hinten gerne fünf. In der Luxusvariante schützen Gardinen den Passagier im Fonds vor der stechenden Sonne, getönte Scheiben sind unbekannt. Dafür aber gibt es viel Chrom, und auf Wunsch eine Halterung vorn links für die Standarte – der deutsche Botschafter kann sie nutzen, wenn er vom Siebener BMW in den Ambassador umsteigt.

          Allgegenwärtig auf Indiens Straßen: der „Amby“ in der schwarz-gelben Taxi-Version Bilderstrecke
          Allgegenwärtig auf Indiens Straßen: der „Amby“ in der schwarz-gelben Taxi-Version :

          Nun aber hat Hindustan Motors erklärt, eine niedrige Produktivität, Knappheit an Kapital und ein Mangel an Nachfrage für das Hauptprodukt, den Ambassador, führten dazu, die Fabrik bei Kalkutta schließen zu müssen. Angesichts der Luxusfahrzeuge aus Japan, Korea und Deutschland auf dem indischen Markt wurde der gute alte Ambassador nur noch in homöopathischen Dosen verteilt: Während die Inder im vergangenen Jahr rund 2,5 Millionen neuer Fahrzeuge kauften, wurden vom Ambassador im vergangenen Fiskaljahr (31. März) nur noch 2214 Stück ausgeliefert. Noch Anfang der achtziger Jahre hielt der knubbelige Riese einen Marktanteil von gut 70 Prozent. Inzwischen aber berichtet Hindustan Motors seit Jahren von Verlusten. Die Westbengalen stellen auch Automobile in Lizenz für Mitsubishi Motors und Isuzu Motors her. Hindustan Motors gehört zur CK Birla Group, einem 150 Jahre alten Konglomerat, das im Automobilbau, in der Gesundheitsversorgung und im Immobilienbereich arbeitet.

          Andere Kleinwagen sind mittlerweile billiger

          Die Öffnung des Automarktes in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ließ den Ambassador-Absatz schon bröckeln. Empfindlich getroffen wurde er, als es BMW 2003 gelang, Limousinen als Flottenfahrzeuge an den Ministerpräsidenten zu liefern. Endgültig brach der Verkauf weg, nachdem die indische Regierung 2010 neue Umweltrichtlinien einführte. Zwar brachte Hindustan im vergangenen Jahr nochmal ein neues Modell hervor, das diesen entspricht. Doch half das nichts mehr. Denn der guten alte Ambassador konnte auch preislich nicht mehr mit den Eindringlingen aus dem Ausland mithalten: Sein Neupreis liegt bei rund 500.000 Rupien (knapp 6300 Euro). Den Maruti Suzuki Wagon R, den Taxifahrer lieben, gibt es aber schon für gut 350.000 Rupien. Und bei ihm sind die Schrauben nicht aus Plastik, die Bodenbleche wippen nicht.

          „Hätte Hindustan Motors den Amby in den vergangenen 60 Jahren kontinuierlich weiterentwickelt, ohne seine DNA zu ändern, wäre er zum Rolls Royce Indiens geworden“, kartet der indische Automobildesigner Dilip Chhabria nun nach. Und doch werden Touristen auf dem Weg zu den Festungen Rajasthans wohl weiter darauf bestehen, auf der weichen, ungeteilten Rückbank des Ambassador durchs Land zu gleiten. Es gibt keinen bequemeren Ort, um Indien an sich vorbeiziehen zu lassen: die Kinder im Straßendreck, die Kühe in den Müllhaufen, staubige Hochhäuser, Garküchen am Bordstein, Krüppel, die an die Wagenscheibe klopfen.

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