https://www.faz.net/-gqe-9ug3z

Debatte um Inflationsziel : Was die EZB wirklich antreibt

Die Ziele der EZB sind umstritten. Bild: dpa

Ist die Inflationsbekämpfung das einzig wahre Ziel der EZB oder gibt es noch andere implizite Absichten, die in Entscheidungen einfließen? Eine neue Studie stellt ein interessantes Experiment an.

          3 Min.

          Als der Euro erfunden wurde, wollte man der Europäischen Zentralbank (EZB) als Hüterin der neuen gemeinsamen Währung Europas die Arbeit möglichst einfach machen: Sie bekam nur ein Ziel, um Zielkonflikte von vornherein zu vermeiden – sie sollte über die Preisstabilität wachen. Andere gute Taten, wie ein Niedrighalten der Arbeitslosigkeit, das beispielsweise der amerikanischen Notenbank Fed gleichfalls ans Herz gelegt ist, wurden ihr zwar nicht verboten. Die Priorität aber sollte klar sein: „Unter, aber nahe 2 Prozent“ soll die Inflation liegen – so definiert man seit 2003 den Begriff der Preisstabilität.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Kein Wunder, dass jetzt um dieses Ziel der Notenbank heftig gerungen wird. Kein EZB-Präsident lag während seiner Amtszeit im Schnitt so weit davon entfernt wie Mario Draghi, der gerade von Christine Lagarde an der Spitze der Notenbank abgelöst wurde. Noch unklar ist: Soll die Notenbank das Ziel senken, wenn sie es sowieso nicht erreicht, oder lieber anheben in der Hoffnung, dass eine Bewegung in diese Richtung die Inflation nach oben mitreißt – oder doch ein „Inflationsband“ einführen, das ihr Spielraum lässt? Lagarde wirkte am Donnerstag nach ihrer ersten Zinssitzung noch unentschlossen – kündigte aber eine intensive gesellschaftliche Debatte dazu an.

          In dieser Situation präsentieren nun der Versicherungskonzern Allianz und der Kreditversicherer Euler Hermes eine Studie, die ein interessantes Experiment anstellt. Was passiert, wenn man im Nachhinein die geldpolitischen Entscheidungen der Notenbank über die Jahre daraufhin abklopft, wie stark die EZB wirklich dem Ziel der Inflationsbekämpfung gefolgt ist – oder inwieweit es womöglich noch andere implizite, also unausgesprochene Ziele geben könnte, die für die Entscheidungsträger im EZB-Rat ebenfalls eine Rolle gespielt haben mögen?

          Wirtschaftspolitische Unsicherheit und Kursentwicklung

          Jetzt wird es etwas kompliziert: Um das mathematisch zu untersuchen, setzen die Studienautoren auf eine Art „Formel-Ergänzungs-Spiel“: Sie ergänzen immer neue Variablen zu einer bekannten Regel für Leitzinsänderungen – die Taylor-Regel, benannt nach dem amerikanischen Ökonomen John B. Taylor (geboren 1946). Sie besagt, zusammengefasst, dass Notenbanken bei der Leitzinsfestlegung drei Dinge berücksichtigen sollen: Basis ist der langfristig gleichgewichtige Realzins, den Taylor bei 2 Prozent ansetzte. Der Leitzins soll dann höher sein, wenn die laufende Inflation über dem Inflationsziel der Notenbank liegt und die Wirtschaftsleistung über dem Potential. Wenn die Inflation unter dem Zielwert liegt und die Konjunktur lahmt (positive Output-Lücke), soll der Leitzins tiefer gesetzt werden. So weit, so gut.

          Nun prüften die Studienautoren, ob sich mit dieser Regel alle Änderungen der Leitzinsen erklären ließen – oder ob man dafür weitere deutende Variablen braucht. Sie kommen zu dem Schluss: Über die vergangenen zehn Jahre erklärten Inflation und Output-Lücke ungefähr die Hälfte der geldpolitischen Interventionen der EZB. Seit 2016 aber komme diese Erklärung mit der standardmäßigen Taylor-Regel zunehmend in die Bedrouille, wenn man den immer stärker akkomodierenden, also lockeren Kurs der europäischen Geldpolitik erklären wolle.

          Nun fügten die Studienautoren der Taylor-Regel andere Variablen hinzu und kommen auf einen stärkeren statistischen Zusammenhang – ohne damit allerdings kausal beweisen zu können, dass der EZB-Rat sich wirklich von diesen Motiven treiben ließ. Als „relevant“ wirkten in diesem Zusammenhang beispielsweise die Risikoaufschläge bei den Renditen der Staatsanleihen unterschiedlicher Eurostaaten, sowie Indikatoren für Kursschwankungen und Stress an den Finanzmärkten. Auch Messgrößen für die wirtschaftspolitische Unsicherheit und vor allem die Kursentwicklung von Bankaktien könnten den Untersuchungen zufolge bei der Entscheidungsfindung der Notenbank eine Rolle gespielt haben.

          „Comeback“ als erklärende Variable

          Der Zusammenhang zwischen diesen möglichen unausgesprochenen Notenbank-Zielen und den tatsächlichen geldpolitischen Entscheidungen erreichte der Studie zufolge seinen Höhepunkt in der Zeit der europäischen Staatsschuldenkrise, also der Eurokrise. Das gelte insbesondere für zwei Kriterien: Die Risikoaufschläge auf die Rendite der Staatsanleihen von Peripherieländern wie Griechenland oder Portugal – und für die Indikatoren, die Stress an den Finanzmärkten abbilden. Das legt nahe, dass zumindest in der Eurokrise diese beiden Themen neben dem offiziellen Ziel der Inflationsbekämpfung eine Rolle für die Entscheidungen der EZB gespielt haben.

          Für die Zeit vom Jahr 2018 an, so die Studie weiter, habe die Inflation dann aber wieder ein „Comeback“ erlebt als erklärende Variable für das geldpolitische Handeln der EZB. Allerdings legten die Ergebnisse der statistischen Untersuchung ebenfalls nahe, dass die Entwicklung der Kurse der Bankaktien auch in den letzten Jahren weiter einen hohen Einfluss auf den Einsatz des Instrumentenkastens der EZB hatte – besonders im Vergleich zu anderen Stress-Indikatoren.

          Weitere Themen

          Viel Lärm um Tesla Video-Seite öffnen

          Protest in Grünheide : Viel Lärm um Tesla

          Der Autobauer und das Land Brandenburg haben sich auf den Kauf der Landfläche geeinigt, auf der der Konzern seine Fabrik für Elektroautos errichten will. Ein Gutachten soll nun den Kaufpreis ermitteln. Gegner des Vorhabens fordern mehr Transparenz und fürchten Umweltschäden.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.