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Das duale System : Berufsausbildung für die Welt

Mischung aus Theorie und Praxis: Die duale Ausbildung avanciert zum großen Hoffnungsträger Bild: dpa

Das duale Ausbildungssystem hat sich in Deutschland über Jahrzehnte bewährt. Viele andere Länder wollen es kopieren - obwohl auch das die teils gigantische Jugendarbeitslosigkeit nicht schnell hinwegfegen wird.

          Viele Industrienationen spüren die Folgen der Wirtschaftskrise an den Arbeitsmärkten mit besonderer Brutalität. Es sind vor allem die jungen Menschen, die es trifft, wenn Unternehmen keine neuen Arbeitsplätze mehr schaffen und freiwerdende Stellen nicht wieder besetzen. Griechenland und Spanien marschieren stramm auf eine Jugendarbeitslosenquote von 60 Prozent zu.

          Für die Gesellschaft sind die Folgen verheerend, wenn sich die Heranwachsenden ihrer Beschäftigungs- und damit Zukunftsperspektiven beraubt fühlen. Deshalb suchen viele Regierungen fieberhaft nach „der“ Wunderwaffe im Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit. Ihr Blick fällt fast zwangsläufig auf Deutschland, den - laut Statistik - amtierenden Europameister.

          Ausgerechnet jenes Land, welches vor rund einem Jahrzehnt als „kranker Mann Europas“ verspottet wurde, dient nun als Vorbild. Auf der Suche nach dem Geheimnis des deutschen Erfolgs landet man schnell beim dualen Berufsausbildungssystem. Sogar der amerikanische Präsident Barack Obama hofft, auf diesem Weg Generationen junger Leute weg von der Straße und hinein in die Unternehmen zu bringen.

          Befähigung galt nichts

          Das ist die zweite Ironie der Geschichte: Die international lange geschmähte duale Ausbildung avanciert zum großen Hoffnungsträger. Vor allem die OECD in Paris kannte viele Jahre lang nur die eine Leier, dass Deutschland mehr Studenten brauche und weniger Azubis. In ihrer Globalbetrachtung zählte jeder „Dottore“ aus Italien mehr als der Facharbeiter aus dem Schwäbischen.

          Der Titel war alles, Befähigung galt nichts. Solche Töne hört man von der Seine schon lange nicht mehr. Das wäre auch absurd, pilgern doch mittlerweile Delegationen aus halb Europa nach Berlin, um sich Anschauungsunterricht in Sachen Berufsausbildung geben zu lassen.

          Spötter sprechen schon vom „Ausbildungstourismus“. Die Handelsnation Deutschland ist drauf und dran, einen neuen Exportschlager zu schaffen. Dass dieses Prinzip auch in anderen Ländern wie der Schweiz und Österreich sowie regional etwa in Südtirol schon lange erfolgreich angewendet wird, soll aber nicht verschwiegen werden.

          Nicht alle Probleme sind gelöst

          Doch so einfach wird die Sache nicht werden. Per „copy and paste“ wird Obama die duale Ausbildung ebenso wenig ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten übertragen können wie seine Kollegen in Südeuropa in ihre Heimat. Deshalb tut Deutschland schon im eigenen Interesse gut daran, die teilweise überschießenden Erwartungen in anderen Hauptstädten in Grenzen zu halten.

          Zur Wahrheit gehört zunächst, dass die Statistik jene 200.000 bis 300.000 Jugendlichen verschweigt, die sich in Deutschland im sogenannten Übergangssystem befinden: einem schulischen Dickicht aus Förderprogrammen auf Länderebene für alle, die bei der Lehrstellensuche leer ausgegangen waren.

          Allerdings schrumpft angesichts des florierenden Arbeitsmarktes mittlerweile auch die Zahl der Altbewerber in diesem Auffangbecken. Es zeigt aber, dass die duale Ausbildung in Deutschland auch nicht alle Probleme zu lösen vermochte.

          Kooperation zwischen Schule und Betrieb

          Viel wichtiger ist jedoch der wohlmeinende Hinweis an alle Interessierten auf die notwendigen Strukturen für ein solches System. In vielen Ländern erfolgt Berufsausbildung bislang zentralisiert in Schulen und Lehrwerkstätten, die in der Regel hintereinander besucht werden. Zunächst wird Theorie gepaukt, anschließend wird geübt, Produkte für die Mülltonne zu produzieren.

          Berufserfahrung sammelt sich dabei nicht an, und deshalb ist der Schock nach Eintritt in die reale Arbeitswelt oft groß. Genau hier liegt der Vorteil des deutschen Dualismus zwischen Schul- und Werkbank. Die Lehrlinge werden schon nach kurzer Zeit in ihren Unternehmen mit „echten“ Bedingungen des Berufsalltages konfrontiert.

          Einen besseren Lehrer gibt es nicht, denn Theorie und Praxis gehen Hand in Hand. Doch die Anforderungen sind hoch. Es braucht eine Kooperationskultur in Berufsschulen wie in den Unternehmen, die sich nicht aus dem Boden stampfen lässt.

          Außerdem sind qualifizierte Ausbilder und einheitliche Standards erforderlich, welche die Qualität der Lehre garantieren. Nicht zuletzt daran sind bislang die seit Jahrzehnten währenden Versuche gescheitert, eine duale Ausbildung in China einzuführen.

          In Deutschland spielen auf diesem Feld die Handwerks-, Ärzte-, Industrie- und Handelskammern eine tragende Rolle. Aber sind solche Akteure auf Basis eines Regimes der Zwangsmitgliedschaft etwa in den Vereinigten Staaten denkbar? Die duale Ausbildung hat sich im deutschsprachigen Raum über Jahrzehnte bewährt, sie sichert den Fachkräftenachschub der Unternehmen.

          Sie kann aber keine Arbeitsplätze schaffen, schon gar nicht für jene jungen Menschen, die in diesen Tagen auf Europas Straßen verzweifelt Antworten von der Politik einfordern. Einen Beitrag zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit wird die duale Ausbildung in anderen Ländern nur leisten, wenn sie dort sorgfältig an örtliche Besonderheiten angepasst wird. Dafür braucht es jedoch Ausdauer und Geduld.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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