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Wirtschaftsgeschichte : Die „goldenen Jahre“

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Massenware am Bau: Im Wirtschaftswunder-Deutschland entsteht eine Wohnsiedlung, hier im Saarland 1960. Bild: J.H. Darchinger/darchinger.com

In den fünfziger Jahren war das Kapital noch gezähmt. Das brachte Wohlstand und sozialen Fortschritt. Wer sich daran noch erinnert, ist kein Nostalgiker.

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          Nostalgie bedeutet Sehnsucht nach Heimkehr. Wortschöpfer war ein Schweizer Arzt, der sich 1688 in seiner Dissertation mit den seelischen Erkrankungen von Schweizer Söldnern befasste, die ans Ausland vermietet wurden. Heute, so das Internet-Lexikon Wikipedia, „versteht man unter Nostalgie im Deutschen eine wehmütige Hinwendung zu vergangenen Zeiten, die in der Erinnerung oftmals stark idealisiert und verklärt reflektiert werden“. Nostalgie äußere sich „in einem Hinterhertrauern der guten alten Zeit, in der angeblich alles viel schöner und besser war als in der Gegenwart“.

          Ist derjenige ein Geisteskranker, der in drei Jahrzehnten neoliberalen „Fortschritts“ einen Rückschritt sieht? Ist einer, der Verluste kennt und nicht nur Gewinne oder auch Profite, deshalb schon jemand, für den „früher alles viel schöner und besser“ war, einschließlich der „Ära Adenauer“? So der Historiker Andreas Rödder vor zwei Wochen in der F.A.S. – unter Einsatz von Nostalgie als Kampfbegriff eines neuen Konservatismus, der um keinen Preis in den Verdacht geraten will, mit dem rapide fortschreitenden Bestehenden nicht im Reinen zu sein.

          Wer den real existierenden Fortschritt nicht will, muss nach dieser Logik den Rückschritt wollen. Es gibt keinen anderen Fortschritt als den, den es gibt: Die Gegenwart war schon alternativlos, als sie noch Zukunft war. Denn alles steht zum Besten in dieser besten aller Welten. Sie muss schon deshalb die beste sein, weil sie die einzige ist, wie es in Voltaires „Candide“ heißt. Oder weil Gott (oder das Kapital?) sie besser eingerichtet hätte, wenn sie nicht die beste wäre, wie der Philosoph Leibniz meinte. Für verpasste Möglichkeiten bleibt da kein Platz. Sich an sie zu erinnern ist eine alteuropäische Gemütskrankheit. Man denkt an Margaret Thatchers Mädchen für alles, TINA: There Is No Alternative.

          Erinnerungen an Adenauer: Minister mit brauner Vergangenheit

          „Die Linke“, so heißt es, verherrlicht die Ära Adenauer, um den Fortschritt als Rückschritt zu brandmarken, und will ihn irrerweise auch noch rückgängig machen. In ihrer Geistesverwirrung macht sie vor nichts halt. Nun ist „die Linke“ eine große Kirche. Da aber in diesem Zusammenhang auch mein Name gefallen ist, mag mir erlaubt sein, meine eigene Erinnerung an die Ära Adenauer kurz zur Sprache zu bringen.

          Ich kann es nicht ändern: Mir fiel schon als Gymnasiast in einer westdeutschen Kleinstadt bei Adenauer immer wieder Hans Globke ein – seine rechte Hand, Spinne im Netz des neuen deutschen Staatsapparats, davor erstaunlicherweise unter dem „Führer“ rechtstechnischer Oberingenieur bei der gerichtsfesten Ausgestaltung der „Nürnberger Rassengesetze“.

          Ferner fielen und fallen mir bei Adenauer, ich bitte um Nachsicht, seine Minister mit brauner Vergangenheit ein. Ich habe auch noch lebhafte Erinnerungen an den „Abjrund von Landesverrat“, den Adenauer in der „Spiegel“-Affäre vor Augen zu haben behauptete. Und dann weiß ich noch, wie ich in einer Kneipe einen mir damals sehr alt erscheinenden Mann kennenlernte, der gerade aus dem Gefängnis entlassen worden war – als Mitglied der verbotenen KPD. Er kam aus demselben Gefängnis, in dem er schon unter dem „Führer“ gesessen hatte. Auch das kam mir ziemlich gruselig vor.

          SS-Offizier organisierte den Kampf gegen Arbeiter

          Gab es denn gar nichts Positives? Doch, schon: Otto Brenner etwa, auch „eiserner Otto“ genannt, ehemaliger Arbeiter und Rüstungs-Saboteur bei der Waffenschmiede Hanomag. Nach dem Krieg war er Vorsitzender der IG Metall, ein kleingewachsener großer Mann – von dem man sich sicher war, dass er „alle Räder stillstehen“ lassen würde, falls BND, Technischer Hilfsdienst und Bundeswehr versuchen sollten, Globke, Adenauer, Strauss und ihren Kumpels Franco und Salazar einen Gefallen zu tun (in einem Anfall von Nostalgie?).

          Wenn ich also in meinem Buch „Gekaufte Zeit“, auf das Rödder sich anscheinend bezieht, gute Worte über die knapp drei Jahrzehnte verliere, die bei den Angelsachsen das „Golden Age“ heißen: Dann muss mir wahrhaftig nicht gesagt werden, was da noch alles unterwegs war. Auch muss man mich nicht daran erinnern, dass es ein ehemaliger SS-Offizier war, der als einer der obersten Wirtschaftsführer der Adenauer-Republik die Aussperrung der Metallarbeiter 1962 organisieren durfte.

          Früher fand Umverteilung von oben nach unten statt

          Das Schöne aber war (Nostalgie!), dass er die Gewerkschaft eben nicht zu brechen vermochte. Mit dem Gewerkschafter Brenner, mit dem er ein paar Jahre vorher wer weiß was angestellt hätte, musste er in langen Verhandlungsnächten regelmäßige Lohnerhöhungen für die Malocher aushandeln.

          Ja, es war auch für „die Linke“ etwas dran an der „Ära Adenauer“. Aber das war ziemlich genau das, was gegen deren restaurativen Strich ging: beispielsweise die gesicherte Existenz einer organisierten Arbeitnehmerschaft als konstruktives Widerlager des wiedererstandenen deutschen Kapitalismus – potentieller Ort von Projekten eines Fortschritts, der mehr sein wollte als kapitalistischer Fortschritt.

          Aber es geht ja, wenn es um die politische Ökonomie der Nachkriegszeit geht, gar nicht in erster Linie um Deutschland mit seinen Spezialpathologien. Die Erneuerung des kapitalistischen Jagdscheins nach Weltwirtschaftskrise und Weltkrieg fand im gesamten „Westen“ ähnlich statt: Wiederaufnahme der „schöpferischen Zerstörung“ nur bei ebenso schöpferischer sozialer Einhegung. Es begann das Zeitalter der „Großen Kompression“, eines demokratisch domestizierten Kapitalismus, von starken Gegenmächten in Zaum gehalten, in dem Wachstum durch Umverteilung von oben nach unten stattzufinden hatte (nicht wie heute umgekehrt).

          Eine Zeit des sozialen und kapitalistischen Fortschritts

          Für seine Wiederzulassung musste der Kapitalismus lernen, mit freien Gewerkschaften auszukommen, mit geteilten Produktivitätszuwächsen und regelmäßig steigenden Masseneinkommen, mit Vollbeschäftigung als Bürgerrecht und Staatsaufgabe. Außerdem mit Kapitalverkehrskontrollen, einem umfangreichen öffentlichen Sektor, ausgebautem Beschäftigungsschutz, staatlich organisierter sozialer Sicherung und vielem mehr.

          Nicht alles auf einmal, aber doch Schritt für Schritt, Jahr für Jahr mehr, bei festen Versprechen aller Seiten, einschließlich des eingeschüchterten Kapitals und der politischen Fürsprecher der alten Mächte, dass kapitalistischer Fortschritt immer auch sozialer Fortschritt sein würde.

          Grunderhalt mit 15 Stunden Arbeitszeit

          Das hatte Folgen. Die 1960er und 1970er Jahre waren weltweit eine Ära vielfältiger Projekte der schöpferischen Zerstörung, diesmal nicht sozialer Lebenswelten, sondern angeblicher kapitalistischer Systemzwänge. Nach drei Jahrzehnten wirtschaftlichen Wachstums und des Ausbaus sozialer Bürgerrechte kamen im Zentrum der westlichen Gesellschaften Ideen auf, die dem Rödderschen Common Sense von heute völlig überdreht erscheinen mögen: dass die Diktatur der Ökonomie über die Menschen mit fortschreitender industrieller Entwicklung ein Ende haben könnte; dass Krisen wie die der 1930er Jahre für immer der Vergangenheit angehören sollten; dass die steigende Produktivität der Industriegesellschaft zur Verkürzung der Arbeitszeit genutzt werden könnte statt zur Steigerung des Konsums.

          Was sich immerhin der Ökonom John Maynard Keynes für seine Enkel vorgestellt hatte, schien greifbar geworden zu sein: die Abdeckung aller menschlichen Grundbedürfnisse bei 15 Stunden Arbeitszeit pro Woche und die Ökonomie als undramatisches Spezialgebiet für langweilige Techniker, die wie Zahnärzte ab und zu kleine Reparaturen durchführen.

          Deutschland steht aktuell vor großen Problemen

          Wir wissen: Dazu ist es nicht gekommen. In den 1970er Jahren begann, wiederum weltweit, der lange Abschied von der Stallhaltung des Kapitals. Die Melkkühe ließen ihre Masken fallen und gaben sich wieder als die Raubtiere zu erkennen, als die sie sich nach dem Krieg für kurze Zeit verstecken mussten. Über die Ursachen ist zu forschen und zu streiten, aber eben über Ursachen – und damit über Prozesse, die bei anderen Ursachen auch anders hätten ausgehen können.

          Seit dem „Ende der Nachkriegszeit“ ist die ökonomische Zwangsgewalt zurück, nicht für die ganz oben, dafür umso mehr für die weiter unten. Die Ungleichheit der Einkommen in den Ländern des entwickelten Kapitalismus wächst seit Jahrzehnten. Arbeitslosigkeit zwischen sechs und zehn Prozent ist das neue Normalmaß, Beschäftigung wird immer prekärer.

          In Deutschland müssen auf dem Höhepunkt des hiesigen Eurobooms noch immer acht Prozent des Bundeshaushalts für den Unterhalt einer abgehängten Überschussbevölkerung aufgewendet werden. Die Löhne hinken hinter der Produktivität nach, die Arbeitszeit nimmt zu statt ab. Die Erwerbsarbeit dringt tief in das Alltagsleben ein, „Humankapitalaufbau“ und Karriereplanung beginnen im Kindergarten. Die Schuldenwirtschaft ist außer Rand und Band, und die nächste Krise à la 2008 ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

          Ist der heutige Mensch zur Gemeinschaft fähig?

          Begünstigt durch den Generationenwechsel und den mit ihm verbundenen Gedächtnisverlust, haben sich neue Selbstverständlichkeiten ausgebreitet: die Durchökonomisierung aller Lebensbereiche; dass jeder für sich selbst fechten muss und kollektive Solidarität von gestern ist, mega-out wie Latz- und Schlaghosen; dass das Individuum, in seiner höchsten Form als Ich-AG, sich in grenzenlosem Konsum verwirklicht – angeleitet von einer globalen Bedürfnisindustrie, wie sie sich selbst ein Adorno in seinen schlimmsten Albträumen nicht vorgestellt hätte.

          Der Mensch als autistischer Konsument wird zur moralischen Letztinstanz von Wirtschaft und Politik: als räuberisches Wesen, als „homo rapax“ (Meinhard Miegel in, immerhin, der F.A.Z.!). Ist, wer das nicht für Fortschritt halten will, ein in die Adenauer-Welt zurück-strebender Nostalgiker?

          Glücklicherweise sind nicht alle Historiker wie Rödder Fortschrittspositivisten, in deren Welt es für Verlustgeschichten keinen Platz gibt. Tony Judt, Autor eines großen Buchs über das Europa der Nachkriegszeit, beendete einen seiner letzten Vorträge im Oktober 2009 mit einer Mahnung: „Die wichtigste Aufgabe einer radikalen Opposition heute ist, diejenigen, die ihr zuhören, an die Errungenschaften des 20. Jahrhunderts zu erinnern.“

          „Das sollte uns viel ärgerlicher machen, als wir sind.“

          Die Linke habe etwas zu bewahren, so Judt. „Der Aufstieg des Sozialstaats, der Aufbau eines öffentlichen Sektors, die Durchsetzung von Wohlfahrt als Recht und ihrer Gewährleistung als soziale Pflicht: Das waren keine Kleinigkeiten.“ Andere hätten drei Jahrzehnte darauf verwendet, diese Fortschritte rückgängig zu machen. „Das sollte uns viel ärgerlicher machen, als wir sind.“

          Heute ist die Krise des Kapitalismus offenkundig: immer weniger Wachstum, trotz oder wegen immer höherer Belohnungen für die „Leistungsträger“ und immer schärferer Bestrafungen für die Verlierer, trotz entfesselter Geld- und Schuldenproduktion.

          Vielleicht ist es doch nicht völlig verrückt, sich unter Missachtung der psychiatrischen Diagnosen von Rödder und anderen daran zu erinnern, dass die Welt nicht unvermeidlich so geworden ist, wie sie ist – und dass sie selbst schon einmal etwas anderes werden wollte als eine globale Maschine zur Verwertung von Kapital. Wenn das „Nostalgie“ ist: Nichts würde dringender gebraucht.

          Wolfgang Streeck ist Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Sein Beitrag ist der Abschluss einer F.A.S.-Debatte zur Frage: „War früher alles besser?“

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