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Stromausfälle : Das Stromnetz im Hitzetest

In Deutschland müssen wir bei der Hitze vorerst nicht mit Stromausfällen rechnen. Bild: dpa

Amerika kämpft im heißen Sommer mit Stromausfällen. In Deutschland müssen wir vorerst nicht damit rechnen – doch gegen manche Einflüsse ist auch das beste Netz nicht gewappnet.

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          Mitte Juli herrschte in New York Dunkelheit. Die Leuchttafeln auf dem New Yorker Times Square erloschen. Kinos unterbrachen ihre Aufführungen. Und noch schlimmer: Tausende Haushalte waren stundenlang ohne Strom. Wenige Wochen zuvor ereignete sich in Südamerika das gleiche Schauspiel: In Argentinien, Uruguay, Teilen Brasiliens und Chiles fiel der Strom aus. Droht uns im heißen Sommer ein solcher Blackout auch in Deutschland?

          Anna Steiner

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Die möglichen Gründe für einen Stromausfall sind vielfältig. Defekte Haushaltsgeräte können die Stromzufuhr unterbrechen und die Leitungen schädigen. Bauarbeiten, bei denen Leitungen beschädigt werden, sind ebenfalls ein häufiger Grund für Stromausfälle. Zudem können Ungleichgewichte in der Elektrizitätsproduktion und -nachfrage zu Ausfällen führen. Wenn die Netzauslastung stark schwankt, ist die Zuverlässigkeit des Stromnetzes gefährdet.

          Das spielt eine Rolle in der Debatte um den Umstieg vom Verbrennungsmotor auf den Elektroantrieb. Wenn nach Feierabend alle ihr E-Auto an die Steckdose hängen, werde es zu Ausfällen kommen, heißt es. Auch um darauf vorbereitet zu sein, investieren die Netzbetreiber jedes Jahr viele Millionen Euro in die Erneuerung ihrer Netze. „Durch die Energiewende, die zunehmende Anzahl dezentraler Erzeugungsanlagen und den Ausbau der Elektromobilität steigen die Anforderungen an die Energienetze“, fasst Thomas Breuer vom Versorger Innogy die Lage zusammen.

          Deutsches Stromnetz eines der sichersten weltweit

          Vor eine besonders große Herausforderung stellt der nahezu gleichzeitige Ausstieg aus dem Atom- und dem Kohlestrom die Netzbetreiber. „Wir haben ein erhöhtes Risiko“, sagt Annett Urbaczka vom Übertragungsnetzbetreiber Transnet BW dazu. „Das ist so, wie wenn ich mit einem modernen Auto auf der Autobahn fahre und bei 200 Stundenkilometern den Sicherheitsabstand zum Vordermann von 100 auf 20 Meter verringere.“ Dank Assistenzsystem könne man zwar im Prinzip recht gut reagieren. „Eine Vollbremsung sollte der Vordermann aber nicht machen.“

          Das Assistenzsystem aus dem Auto steht in diesem Vergleich für besonders geschulte Ingenieure, die in den Schaltzentralen der Netzbetreiber versuchen, die Systembilanz im Gleichgewicht zu halten. Bislang mit Erfolg. „Das deutsche Stromnetz zählt seit Jahrzehnten zu den sichersten und zuverlässigsten der Welt“, versichert Thomas Breuer von Innogy.

          Die Statistik dazu ist eindeutig. Verglichen wird, wie viele Minuten im Jahr jeder Verbraucher, statistisch gesehen, wegen Ausfällen ohne Strom auskommen musste. Ein Jahr hat mehr als 525 000 Minuten. Im Durchschnitt hatten die Deutschen davon zuletzt gerade mal 15 Minuten lang keinen Strom. In Kroatien, Irland und Polen blieb der Strom je Verbraucher durchschnittlich mehr als 100 Minuten im Jahr weg. In Malta waren es sogar gut 500 und in den Vereinigten Staaten 114 Minuten.

          Gegenüber dem Netz in Nordamerika hat das deutsche Stromnetz einen bedeutenden Vorteil. Es wurde nach dem sogenannten N-1-Prinzip konzipiert. „Das heißt, es muss immer einen zweiten Weg geben, über den der Strom fließen kann, wenn ein Weg verstellt sein sollte“, erläutert Annett Urbaczka von Transnet BW. Die Netzbetreiber sprechen von einer „Vermaschung“ des Netzes. Störungen können so in den meisten Fällen umgangen werden, und die Versorgung wird nicht unterbrochen.                                             

          Hitze kann zum Problem werden

          Davon abgesehen, lässt sich das deutsche Stromnetz in drei Bereiche aufteilen: Das Übertragungsnetz überträgt die Elektrizität von den Kraftwerken in das Verteilnetz. Dieses wiederum versorgt das Mittelspannungsnetz und große Industriebetriebe über Umspannwerke mit Strom. Von dort gelangt die Energie über das Niederspannungsnetz in die Haushalte. Je höher die Ebene, auf der sich eine Störung ereignet, desto größer die Auswirkungen. Die letzte Störung im deutschen Übertragungsnetz, also auf der höchsten Netzebene, ereignete sich im November 2006.

          Gegen manche Einflüsse ist jedoch auch das beste Netz nicht gewappnet. Das Wetter zum Beispiel. Blitzeinschläge und Stürme können die Stromversorgung beeinträchtigen. Auch die anhaltende Hitze kann zu einem echten Problem für die Stromversorgung werden. So heiß wie in Lingen im Emsland, wo am Donnerstag 42,6 Grad Celsius gemessen wurden, war es in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen noch nie. Dürre und Hitze wirken sich auf die Stromproduktion in den Kraftwerken aus, und zwar auf vielfältige Weise.

          Im vergangenen Sommer etwa konnten einige Kohlekraftwerke nicht mehr per Schiff mit dem Brennstoff versorgt werden, weil der Rhein zu wenig Wasser führte. Und in der vergangenen Woche war das Wasser in der Weser so warm, dass die Betreibergesellschaft Preußen-Elektra entschied, das Atomkraftwerk im niedersächsischen Grohnde vorübergehend vom Netz zu nehmen. Ein weiteres Aufheizen des Wassers hätte das ökologische Gleichgewicht des Flusses gefährden können.

          Mehrheit der Menschen entspannt

          In Frankreich sind die Stromlieferungen aus den Atomreaktoren wegen der Hitze um acht Prozent zurückgegangen, wie Daten des Netzbetreibers RTE zeigen. Das ist in Frankreich besonders von Gewicht, weil dort üblicherweise mehr als drei Viertel des Stroms aus Atomkraftwerken kommen. Dennoch sei die Versorgungssicherheit gewährleistet, heißt es vom Netzbetreiber RTE.

          Auch die Stromkabel leiden übrigens unter der Hitze. Wenn sich der Boden aufheizt, verstärkt das die Zug- und Druckkräfte auf die im Boden verlegten Kabel. Mit der Zeit wird die Isolierung porös. Dadurch kann Feuchtigkeit eindringen, die zu einer Unterbrechung in der Stromleitung führt. Es kommt – wie in der vergangenen Woche in Hamburg – zu Stromausfällen.

          Gefährden solche Einzelfälle aber auch schon die „Versorgungssicherheit“, wie es in der Debatte um die Zuverlässigkeit der deutschen Stromnetze manchmal heißt? Die Zahlen sprechen dagegen. Und die Mehrheit der Bevölkerung ist entspannt: Einer Umfrage zufolge, die von Eon in Auftrag gegeben wurde, halten 63 Prozent die Versorgungssicherheit für „hoch“ oder „sehr hoch“.

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