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Illustration: Reuters

Das Virus bedroht
unseren Wohlstand

RALPH BOLLMANN und MARCUS THEURER (Text), FELIX BROCKER und ANDRE PIRON (Infografiken)
Illustration: Reuters

3. März 2020 · Die Angst vor dem Corona-Erreger lähmt die Globalisierung. Wie kommen wir da wieder raus?

Schwäbische Maschinenbauer bangen um den Bauteile-Nachschub für ihre Produktion, der kommt nämlich aus China. Die weltgrößte Tourismusmesse ITB in Berlin ist abgesagt. Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft befürchtet eine Pleitewelle in der Branche, weil derzeit kaum noch Tickets verkauft werden. In Paris warnt Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire vor „ökonomischer Panik“, während die Bankanalysten und Konjunkturforscher bereits Parallelen zur Weltfinanzkrise nach der Pleite von Lehman Brothers im Herbst 2008 ziehen. Die globalen Aktienmärkte haben jedenfalls vergangene Woche die schwersten Verluste seit damals erlitten.

Sars-CoV-2, wie Epidemiologen das neuartige Coronavirus getauft haben, macht nicht nur vielen Menschen Angst, es trifft auch die Weltwirtschaft mit voller Wucht. Bisher war der Erreger, Verursacher der Lungenerkrankung Covid-19, in erster Linie ein chinesisches Problem. Jetzt ist er zur globalen Bedrohung geworden. Er hat Europa erreicht und Afrika, Australien und Amerika. Selbst in Island wurde inzwischen der erste Corona-Fall bestätigt.

Die Welt der Wirtschaft ist klein geworden in den vergangenen Jahrzehnten durch die immer engeren Handelsverflechtungen über Länder und Kontinente hinweg. Jetzt führt das Virus den Unternehmen und Investoren brutal vor Augen, dass diese Normalität des internationalen Handels im 21. Jahrhundert keine Selbstverständlichkeit ist – und wie abrupt das ausgetüftelte Räderwerk der Globalisierung fast über Nacht ins Stocken geraten kann. Lieferketten zwischen Ländern und Kontinenten sind unterbrochen, Verkaufszahlen in fernen Exportmärkten brechen ein, wichtige Geschäftsreisen müssen abgesagt werden.

Die Globalisierung wird quasi zum Opfer ihres eigenen Siegeszugs: Gerade weil China heute viel stärker in die Weltwirtschaft integriert ist als vor zehn oder zwanzig Jahren, sind die ökonomischen Folgen des Virus so gravierend. Und die engere Vernetzung dürfte auch dazu beigetragen haben, dass sich der Erreger schneller ausgebreitet hat als in früheren Fällen: Die Globalisierung und auch der Klimawandel, so glauben Tropenmediziner, tragen zur schnelleren Verbreitung von Infektionskrankheiten bei.

Das Virus schlägt zu einem kritischen Zeitpunkt zu: Begonnen hat die moderne Ära der Globalisierung, also das Zeitalter eines beschleunigten internationalen Austauschs von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräften, vor etwa drei Jahrzehnten. Dieser Trend war lange Zeit der wohl wichtigste Wachstumsmotor für die Weltwirtschaft. Aber die Krise der Globalisierung setzte schon mit der Lehman-Pleite ein. Spätestens seit der Protektionist Donald Trump im Weißen Haus regiert, macht das Schlagwort von der beginnenden „Deglobalisierung“ die Runde.


In China ist der Verkehr zusammengebrochen

Der amerikanisch-chinesische Handelskrieg schwelt, die Welthandelsorganisation WTO ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sogar die Mutter aller Freihandelsnationen, das Vereinigte Königreich, kehrt nach dem Brexit dem freien Warenverkehr des europäischen Binnenmarkts den Rücken. 2019 ist das Volumen des Welthandels erstmals seit der Weltfinanzkrise gesunken. Zu diesen chronischen Leiden hat sich der Patient jetzt auch noch den Coronavirus eingefangen.

Optimisten sagen: Pandemien sind zwar humanitäre Tragödien, sie verbreiten Angst und Schrecken, aber sie gehen vorüber und bleiben letztlich ein temporäres Problem. Auch die wirtschaftlichen Auswirkungen mögen groß sein, aber sie werden – anders als womöglich im Falle von Trumps Angriff auf die multilaterale Ordnung der Weltwirtschaft – nicht dauerhaft sein.


Die Produktion steht fast still

Das ist die eine Sichtweise. Aber nicht alle Fachleute stimmen ihr zu. „Es wird auch eine permanente Komponente geben“, sagt etwa der Handelsökonom Gabriel Felbermayr. Der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel zieht Parallelen zur Weltfinanzkrise: Auch die sei ein akuter wirtschaftlicher Schock gewesen, der zwar vorüberging, aber zu dauerhaften Veränderungen führte.

Im Fall der Finanzkrise betraf das vor allem die Geldbranche. Banken halten als Konsequenz aus dem Kollaps an den Finanzmärkten heute sehr viel mehr Eigenkapital vor, Geschäftsmodelle von früher funktionieren deshalb nicht mehr. Europäische Großbanken, die zuvor weltumspannende Ambitionen hatten, zogen sich stärker in ihre Heimatregionen zurück. Die krisengeschüttelte Deutsche Bank absolviert gerade ihre ganze eigene „Deglobalisierung“.

Auch auf andere Weise erinnert der Corona-Schock an die Weltfinanzkrise. Damals waren die Risiken, die sich im globalen Finanzsystem aufgebaut hatten, sträflich vernachlässigt worden. So argumentiert auch heute wieder ein Teil der Experten. Sie kritisieren die aus ihrer Sicht unzureichenden Anstrengungen im Kampf gegen Seuchen. Vor 14 Monaten bilanzierte beispielsweise das Global Health Institute der amerikanischen Harvard-Universität in einer Studie für das World Economic Forum, die Welt sei „nicht darauf vorbereitet, auf eine signifikante Bedrohungen durch eine Pandemie zu reagieren“. Zugleich wies die Untersuchung auf eine zunehmende Zahl von nationalen und regionalen Epidemien in den vergangenen Jahren hin. Auf längere Sicht könnten diese ähnlich großen wirtschaftlichen Schaden anrichten wie der Klimawandel.


Durch Corona droht eine Wachstumsdelle

Der Ökonom Felbermayr glaubt, dass Corona zum Weckruf für die Wirtschaft werden könnte. So wie die Katastrophe der Lehman-Pleite schonungslos die Gefahren einer unzureichend regulierten Finanzbranche bloßgestellt habe, so werde womöglich die Corona-Krise in der Industrie zu einer Neubewertung globaler Lieferketten führen. „Die sind letztlich eben immer inhärent fragil“, sagt er.


„Die Globalisierung so zu organisieren, dass alles dort gemacht wird, wo die Produktion am effizientesten ist – das ist vorbei.“
JÖRG WUTTKE, Vorsitzender der EU-Handelskammer in China

Eine plausible Reaktion wäre, dass die Unternehmen auf kürzere und weniger komplexe Lieferketten setzen und sich weniger abhängig machen von einem Netz internationaler Zulieferer, sagt Felbermayr. Der temporäre Schock durch das Coronavirus könnte deshalb sehr wohl zu einem dauerhaften Rückbau der Globalisierung führen. „Die Globalisierung so zu organisieren, dass alles dort gemacht wird, wo die Produktion am effizientesten ist – das ist vorbei“, sagt etwa Jörg Wuttke, Vorsitzender der EU-Handelskammer in China. Was er bedauert, das freut andere: Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht sieht sich durch die Corona-Folgen in ihrer Forderung nach „einem vernünftigen Maß an Deglobalisierung“ bestärkt.

Besonders hart träfe ein Rückschlag im Welthandel den Exportweltmeister Deutschland. Schon zuvor stagnierte die Wirtschaft hierzulande. Wenn es nicht gelinge, die Corona-Krise rasch und wirksam einzudämmen, sei in der größten europäischen Volkswirtschaft „ein massiver Wirtschaftsabschwung“ zu befürchten, sagt der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest. „Das Potential für einen ähnlich starken Rückschlag wie während der Weltfinanzkrise ist da.“ Damals, im Jahr 2009, ist die deutsche Wirtschaftsleistung um fünf Prozent gefallen, der heftigste Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg.


China wird für Deutschland immer wichtiger

Fuest empfiehlt deshalb, auch in Deutschland drastische Maßnahmen zur Seuchenprävention wie etwa eine Abriegelung von Ortschaften nicht auszuschließen. „Besser jetzt sehr konsequent handeln, bevor es später umso schlimmer kommt“, rät der Ifo-Forscher. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO vertritt die Ansicht, dass die rigorosen Maßnahmen der chinesischen Regierung zur Bekämpfung der Seuche essentiell gewesen seien.

Doch schlimmer als der Erreger selbst ist womöglich die übertriebene Furcht, die er bei vielen Menschen auslöst. Auch darin liegt eine Parallele zur Finanzkrise, als eine zu große Vertrauensseligkeit von einem Tag auf den anderen in übersteigertes Misstrauen umschlug. „Die Wirtschaft kann enormen Schaden davontragen – nicht durch das Virus selbst, aber durch unsere Angst davor“, sagt der renommierte Risikoforscher Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Er zieht sogar den Vergleich zu den Anschlägen vom 11. September 2001: Rein ökonomisch betrachtet, war nicht der Einsturz des World Trade Center das Problem, sondern die Reaktion darauf. Allein die Sicherheitsmaßnahmen kosteten rund eine halbe Billion Dollar an Wirtschaftsleistung. Es starben innerhalb eines Jahres Studien zufolge 1600 Menschen zusätzlich im Straßenverkehr – weil sie nun Angst vor dem Fliegen hatten und deshalb über lange Strecken mit dem Auto fuhren.

Folgt man Gigerenzer, so wurde auch bei früheren Pandemien viel Geld sinnlos vernichtet. Bei Vogelgrippe, Sars oder BSE habe es in Deutschland zwar große Panik, aber keinen einzigen Toten gegeben. Am Rinderwahn starben in ganz Europa 150 Menschen, so viele wie am Trinken von parfümiertem Lampenöl. „Bei der Schweinegrippe haben Experten der WHO bis zu zwei Milliarden Infizierte weltweit vorausgesagt“, sagt der Wissenschaftler. „Darauf gaben die Regierungen zum Beispiel gewaltige Summen für das Medikament Tamiflu aus, obwohl bis heute nicht nachgewiesen ist, dass es gegen die schweren Folgen der Grippe hilft.“ In Deutschland seien am Ende zwar 250 Menschen an der Schweinegrippe gestorben – aber immer noch weniger als an der normalen Grippe. Ganz zu schweigen von den geschätzt 18.000 Menschen, die hierzulande jedes Jahr vermeidbaren Behandlungsfehlern im Krankenhaus zum Opfer fallen.

Mehr noch: Es ist gar nicht auszuschließen, dass der Rückbau der Globalisierung am Ende weit mehr Menschenleben fordert, als es das Virus selbst jemals vermocht hätte. Auf direktem Weg, weil zum Beispiel Arzneimittel knapp werden und Kranke nicht mehr angemessen behandelt werden können. Auf indirektem Weg, weil die neuen Handelsbarrieren viel Wohlstand vernichten, was nach aller historischen Erfahrung nicht ohne Folgen für die Sterblichkeit bleibt. Immerhin ist die durchschnittliche Lebenserwartung auf der Welt in der Zeit der beschleunigten Globalisierung seit 1990 um mehr als sechs Jahre gestiegen – am stärksten in den ärmeren Ländern, in denen ein ökonomischer Rückschlag auch die schwerwiegendsten Folgen für die Gesundheitsversorgung hätte.

Kein Wunder, dass Ökonomen jetzt schon darüber debattieren, wie die Politik gegensteuern kann. Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, fordert ein staatliches Konjunkturprogramm. Der Konjunkturexperte Friedrich Heinemann vom ZEW-Institut in Mannheim empfiehlt, europaweit koordiniert eine „umfassende fiskalpolitische Reaktion“ vorzubereiten. Als Notmaßnahme schlägt er eine vorübergehende Absenkung der Mehrwertsteuer vor, um den privaten Konsum zu stabilisieren. Denn die private Nachfrage war in Deutschland bislang die wichtigste Stütze der ohnehin schon lahmenden Konjunktur.

Ifo-Chef Fuest widerspricht: „Wenn die Leute Angst haben, sich anzustecken, dann werden sie auch dann nicht ins Kino gehen, wenn die Eintrittskarte ein bisschen billiger wird.“ Außerdem treffe Corona in Deutschland besonders stark die Angebotsseite: Es drohen Produktionsausfälle in deutschen Fabriken, weil asiatische Zulieferer ausfallen. „Dagegen helfen staatliche Ausgabenprogramme nicht“, sagt Fuest. Mit anderen Worten: Ob die Globalisierung überlebt, das entscheidet sich nicht an einem Konjunkturprogrammen.

Grafiken: F.A.S.; Quellen: Johns Hopkins, Capital Economics, OECD, IWF, Bloomberg, Destatis, Nationales Statistikamt von China, GTAI, eigene Berechnungen


Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Veröffentlicht: 03.03.2020 09:17 Uhr