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Das Brennholz wird knapp : Tannen zapfen

  • -Aktualisiert am

Sieht der Wald rot? Ein Förster markiert Brennholz Bild: Henner Rosenkranz

Das Holz wird knapp. Im Wald sieht man das nicht. Gleichwohl hat ein Wettlauf ums Holz begonnen. Und nicht nur Strom und Wärme, sondern auch Plastik und Pullover werden aus Bäumen gemacht.

          6 Min.

          Groß-Gerau verfügt über vergleichsweise kümmerlichen Wald. Dünne Roteichen stehen im Nieselregen. Der Wald ist von Großstädten umzingelt: Mainz, Wiesbaden, Rüsselsheim, Darmstadt, Frankfurt, Offenbach. Dort heizen Zehntausende - und wegen des teurer werdenden Öls von Jahr zu Jahr mehr Menschen - ihre Wohnungen mit Kaminholz. Wie lang hält dieser Wald das aus?

          Wo also, wenn nicht in diesem kümmerlichen Wald, müsste sie zu beobachten sein, die beginnende Brennholzknappheit, von der zu Wochenbeginn zu erfahren war? Würden alle Kamin- und Holzofenbesitzer - das ist etwa jeder vierte Haushalt - nur mit Holz heizen, gäbe der deutsche Wald schon jetzt nicht genug Holz her, hatte die Holzwirtschaft schlagzeilentauglich herausgefunden.

          Der Waldboden hier in Nauheim bei Groß-Gerau: voller Holz. Einige Menschen im Frührentenalter stehen am Waldrand auf Schneematsch und braunem Laub. Der Förster kommt. Sie gehen in den Wald. Der Förster teilt jedem so viel Brennholz zu, wie er will. „Wir könnten noch mehr Holz verkaufen“, sagt der Förster. „Obwohl die Nachfrage riesig ist.“

          Wie riesig, zeigt die Statistik. Der Brennholzverbrauch verdoppelte sich in nur zehn Jahren. Es ist fast doppelt so teuer wie 2005. Rund um die Großstädte werde es knapp, hatte der Holzindustrieverband Arbeitsgemeinschaft Rohholzverbraucher (AGR) am Wochenbeginn behauptet. Es war überall zu lesen. Danach riefen beim Verband viele Leute aufgeregt an. Die einen sagten: Lüge - wir werden unser Holz doch gar nicht los! Die andern: Lüge - es ist viel schlimmer, die Preise für das Holz sind noch viel höher, als ihr behauptet! Denn die einen riefen aus dünn bevölkerten Regionen an, die anderen etwa aus München, wo Holz wegen großer Nachfrage schon fast doppelt so teuer ist.

          Die Holzindustrie macht sich Sorgen

          Im Verband staunte man auch, wie viele Journalisten sich meldeten. Die Meldung schien einen Nerv getroffen zu haben: Ob es die alte deutsche Sorge um den Wald ist, oder reale Ängste, dass wir bald im Kalten sitzen müssen, wenn es mal kein Gas aus Russland gibt und kein Öl aus Arabien - ja, kann selbst unser Holz ausgehen?

          Der Förster aus Groß-Gerau verweigert sich jeder Aufregung, er lässt sich routiniert die Motorsäge-Scheine der Kunden zeigen und führt die Kunden zu farbig markierten Baumstämmen. 30 Euro kostet hier ein Raummeter (Kubikmeter Stammholz minus Luft) - etwas mehr, als der vom Land Hessen festgelegte Mindestpreis und doppelt so viel, wie noch 2005. „In Groß Gerau wird trotzdem noch jeder, der Holz sucht, fündig“, sagt der Förster.

          Wenn sich hier Knappheit anbahnt, dann ohne Wagner-Ouvertürenklänge. Brennholz ist immer noch relativ günstig, sonst würden es ja nicht so viele Leute verheizen. Ernste Sorgen macht sich aber die Holzindustrie. Die kann nach eigenen Angaben kaum mehr mithalten mit den Preisen. Sie zahlt für den Rohstoff in der Regel weniger, als Privatkunden. Der Preis ist staatlich mitbestimmt - grob ein Drittel des deutschen Waldes ist Staatsforst -, und auch die Industrie soll versorgt sein. So auch in Groß-Gerau: Der Förster sagt, Industriekunden hätten die Kontingente aber schon gekürzt worden, weil nun so viel mehr Privatkunden Holz wollten. In jedem Jahr mehr: Das Forstamt Groß Gerau verkaufte 2005 erst 10.000 Festmeter, zuletzt 18.000. Drei Viertel als Brennholz, den Rest an die Industrie. Und dieser Anteil ging merklich zurück.

          Der Konkurrenzkampf wird härter

          Die Industrie also klagt. „Es ist ein Dilemma“, sagt Denny Ohnesorge, Geschäftsführer des Verbands AGR, „die Holzwerke sind auf regionale Versorgung angewiesen, aber mit ihren Produkten stehen sie im überregionalen Wettbewerb.“ Etwa für Zellstoff, aus dem Papier oder Fasern wie Viskose werden. Die Sägeindustrie baute wegen der Verteuerung schon Kapazitäten ab, Werke schlossen.

          Alles kommt in den Ofen. Selbst dicke, für die Sägewerke am besten geeignete Stämme werden schon zu Brennholz gemacht. Auch der Handel mit Baumstämmen nimmt zu. Mittelgroße Sägewerke oder Zellstofffabriken, sagt Ohnesorge, besorgten sich ihr Holz schon aus einem Umkreis von 100 Kilometern, vor ein paar Jahren hätten sie nur halb so weit fahren müssen. Die großen Werke kaufen das Holz mittlerweile in ganz Deutschland. Import gibt es wenig, denn der Transport ist teuer. Anders ist es mit verarbeitetem Holz: Hier ist Deutschland seit 2009 etwa Nettoimporteur von Kiefernholz geworden. Einzelne Brennholzhändler lieferten derweil schon aus ländlichen Gegenden in die Städte, heißt es, andere verkaufen über Ebay, einige bringen Holz aus Tschechien etwa in den Münchner Raum.

          Der Konkurrenzkampf um den Wald wird härter, und das nicht nur zwischen Haushalten und Sägewerken. An dem Tauziehen nehmen auch Umweltverbände teil („Rettet den Buchenwald“, „Altholz für die Waldvögel“), Zellstoffunternehmen wie der österreichische Konzern Lenzing stellen massenhaft Textilien aus Holzfasern her um die - oft unter großem Pestizideinsatz hergestellte - Baumwolle zu ersetzen. Und in Zukunft dürften auch die Bio-Chemie oder Bio-Plastikindustrie hinzukommen, denen eine Schlüsselstellung zukommen soll auf dem langen Weg in die Unabhängigkeit vom Erdöl. Holzdiebstähle nehmen zu. Und gleichwohl dieser rapide wachsenden Nutzungskonkurrenz heizen viele Haushalte immer noch mit uralten, ineffizienten Öfen und Kaminen.

          Es wird wieder mehr Holz verbrannt als verbaut

          Auf dem deutschen Wald ruht große Hoffnung. Auch die Energiewende nimmt ihn in Beschlag. Nicht nur Haushalte ersetzen Heizöl durch Holz und durch Pelletheizungen. Auch Biomasse-Kraftwerke verheizen, von EEG-Umlagen motiviert, immer mehr Holz. Sie verbrauchen nicht viel weniger als alle Haushalte zusammen.

          Von so vielen Seiten wurde der Wald seit Jahrhunderten nicht mehr belagert. Er wurde wirtschaftlich bis vor wenigen Jahren vor allem als Quelle für Baurohstoffe genutzt. Seitdem der Ölpreis hochschoss, hat eine epochale Wende eingesetzt. Der Wald wird wieder zur Energiequelle. So, wie er es bis vor etwa 300 Jahren war. Damals war Holz der wichtigste Energielieferant - und der deutsche Wald fast kahlgeschlagen. Goethe beseelte ihn daraufhin lyrisch, und Carl von Carlowitz, ein früher Forstwissenschafler, erfand das Wort „Nachhaltigkeit“, als die Holznot die Wirtschaft lahmgelegt hatte - vom Handwerk bis zum Transportgewerbe. Der Wald wuchs schließlich wieder. Aber nicht nur wegen Carlowitz’ Wortschöpfung, sondern vor allem, weil Holz von der Kohle als Energiequelle abgelöst wurde.

          Dass das Pendel jetzt wieder in Richtung der energetischen Nutzung zeigt, belegen auch Zahlen der Universität Hamburg. Die Nutzung von Holz als Baumaterial war demnach noch vor 20 Jahren etwa dreimal so hoch wie die „energetische“. 2011 wurde erstmals wieder mehr Holz verbrannt, als verbaut - doppelt so viel wie noch vor wenigen Jahren. Künftig würden beide Nutzungen ansteigen, heißt es in der Hamburger Studie, für die 11.000 Waldbesitzer befragt wurden. „Die Zuwachsraten können aber nicht so weitergehen, wie bisher“, sagt der Forstökonom Udo Mantau.

          Die Nachhaltigkeitsfloskel wird in Buche und Fichte konkret. Bald wird man genau wissen, wie es um den Wald steht. Derzeit sind im ganzen Land Waldarbeiter mit Vermessungen und Kartierungen beschäftigt - für die große „Waldinventur“, die das Forstministerium nur alle Jahre macht.

          Nur wer selbst Hand anlege, könne noch sparen

          Wie 1713 wird es nicht kommen: Gesetze regeln, dass der Wald nachhaltig bewirtschaftet wird. Es darf nicht mehr Holz entnommen werden, als nachwächst. Wie viel das ist, hängt von Wärme, Niederschlag oder der Bewirtschaftungsform ab. „Derbholz wird heute schon intensiv genutzt“, sagt Udo Mantau. Die Nutzung kann nach seinen Prognosen langfristig nur „sehr begrenzt gesteigert werden“. Das größte Potential bietet Restholz. Um es zu schöpfen, müsse aber wohl die „Akzeptanz aufgrund ökologischer Bedenken“ steigen, schreibt er in einer Studie vorsichtig.

          Eine Folge des Öko-Aktivismus könnte am Ende sein, dass mehr Tropenholz oder solches von Holzplantagen aus Übersee importiert wird. Die Forstökonomen des staatlichen Thünen-Instituts Björn Seintsch und Matthias Dieter erwarten eine „Verknappung des inländischen Nadelholzaufkommens“ und etwa „deutlich reduziertes“ Potential von Fichtenholz - was zu steigendem Import aus Übersee führen würde.

          Der eine klagt, andere profitieren von der Verknappung. So profitieren die größten Waldbesitzer - Städte, Kommunen. Die finanzklamme Stadt Suhl im Thüringer Wald etwa besitzt rund 900 Hektar und nimmt nunmehr 50 bis 60 Euro im Jahr pro Hektar ein, deutlich mehr als früher. Auch die rund 2 Millionen deutschen Privatwaldbesitzer freuen sich.

          Die Holzkunden in Groß Gerau kriegen von all dem wenig mit. Sie jammern nicht über 30, 40 Euro Mehrausgaben pro Winter. Holz sei immer noch günstiger als Öl. Aber nur, wenn man selbst Hand anlege: Angesichts der hohen Brennholzpreise, erzählen sie, lohne sich das Kaminheizen nur, wenn man selbst mit der Motorsäge in den Wald stapfe, den Stamm zersäge, spalte, wegfahre. Fertig gespaltetes Kaminholz ist viel teurer. Im Forstamt kostet es das Dreifache. Und im Baumarkt kann es nochmal doppelt so teuer sein. Da würde Hubert Märten niemals Holz kaufen. Märten, ein kräftiger Mann in einer Uncle-Sam-Jacke, hat an diesem Tag beim Förster 15 Raummeter Holz bestellt, eine Menge. Vor acht Jahren hatte er sich entschieden, mit Holz zu heizen. Den Kamin stellte er in die Mitte seiner Wohnung, die Wärme zieht in alle Räume. Etwa 50 Prozent Kosten habe er gespart. Dafür muss Hubert Märten aber das Holz zersägen, spalten, abtransportieren, hacken. Nur wer das tue, könne noch sparen, sagt er. Holz aus dem Baumarkt sei teurer als Heizöl.

          Nicht nur Apokalyptiker, die mit dem Kamin unabhängig vom Strom und Gas werden wollen, und besonders sparsame Menschen holen ihr Holz hier im Roteichenwald ab. Einige führen im großen BMW vor, erzählt der Förster. Sie trügen die teuersten Schutzanzüge und hätten die neuesten Motorsägen von Stihl. „Banker - die machen das als Sport“, lacht der Förster, „es sind mehr geworden.“

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