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Anklage gegen Geschäftsführer : Skandal in der Seniorenresidenz

Für knapp 3000 Euro im Monat lässt es sich im Seniorenstift Augustinum in einem Zweizimmerapartement gut leben, schöne Aussicht im Speisesaal inklusive. Bild: archiv-klar

Das Augustinum ist unter wohlhabenden Senioren sehr beliebt. Das hat offenbar auch kriminelle Manager angezogen. Sie sollen über Jahre die Kassen geplündert haben.

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          Sorglos soll es zugehen in der Seniorenresidenz Augustinum. Gut betreut, aber doch selbstbestimmt, ist man dort, an 23 Standorten in ganz Deutschland, in Heidelberg und Hamburg, nahe Berlin und am Bodensee. Für rund 3000 Euro im Monat für eine Zweizimmerwohnung kann man sich diese Sorglosigkeit mieten: Schwimmbad, Kegelbahn, Bibliothek, Kino und Backstube, auch einen Friseur gibt es im Haus, eine raffinierte Gastronomie, einen Wäscheservice und ab und an auch mal ein Golfturnier.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          In der Geschäftsführung des großen Sozialunternehmens Augustinum ist die Sorglosigkeit allerdings schon vor einigen Jahren abhandengekommen, allen voran beim evangelischen Pfarrer Markus Rückert, Sohn des Gründers Georg Rückert, und seit 1988 fast dreißig Jahre dessen Leiter. Ende März ist er in den Ruhestand gegangen, ganz regulär mit 65 Jahren. Doch die vergangenen Jahre dürften ihre Spuren hinterlassen haben.

          Eine große, schwere Erscheinung ist dieser Rückert, intelligent und schnell im Kopf. Aber von dem Komplott hinter seinem Rücken hat er jahrelang nichts geahnt. Erst vor drei Jahren, nach einem nüchtern formulierten anonymen Schreiben, von dem immer noch niemand weiß, wer es aufgesetzt hat, wurde ihm klar, dass er einem mutmaßlich korrupten Führungsduo aufgesessen sein muss. Einem ungewöhnlich eingespielten Gespann, das sich mit windigen Immobiliendeals zum Schaden des Augustinums selbst bereichert haben soll.

          Kein Kommentar der Anwälte zu Betrugsvorwürfen

          Die Staatsanwaltschaft München hat nun Anklage erhoben gegen den früheren Kaufmännischen Geschäftsführer Kurt Wilkin sowie drei ehemalige Geschäftspartner. Sie sollen für das Augustinum wirtschaftlich nachteilige Verträge abgeschlossen haben. Mehr als 30 Millionen Euro sollen über diesen Umweg in die Taschen von Wilkin und seinen Geschäftspartnern gewandert sein. Im nüchternen Juristendeutsch lauten die Vorwürfe: gewerbsmäßiger Bandenbetrug und, in Wilkins Fall, Untreue. Ob die Angeklagten die Vorwürfe bestreiten, ist nicht bekannt. Wilkins Anwälte haben auf Anfrage keinen Kommentar abgeben wollen. Nun muss das Münchner Landgericht entscheiden, ob es das Hauptverfahren eröffnet. Daran bestehen derzeit wenig Zweifel. Es würde ein Strafverfahren von ganz eigenem Kaliber.

          Dass ausgerechnet in einem Sozialunternehmen, das Mitglied im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Bayern ist, eine solch rücksichtslose Gier geherrscht haben soll, ist nur schwer zu begreifen. Christlich und sozial soll es hier zugehen. Das Geschäftsmodell freilich gab schon früher Anlass für Stirnrunzeln. Es sei nicht vorrangigste Aufgabe der Kirche, ausgerechnet den Reichen einen sorglosen Lebensabend zu verschaffen, nörgelten innerkirchliche Kritiker. Aber wenigstens galt das Geschäft mit Seniorenresidenzen bisher nicht als beliebtes Tummelfeld für Kriminelle. Insgesamt 30000 solcher Plätze gibt es in Deutschland, der Augustinum-Konzern ist der unangefochtene Marktführer.

          Verantworten muss sich vor allem Kurt Wilkin, ehemaliger Kaufmännischer Geschäftsführer. Er kam in den neunziger Jahren, als das Augustinum finanziell in einer schwierigen Situation steckte. Er hat dem Stift wieder auf die Beine geholfen, dafür war ihm der Dank sicher. Jeden Stein hat er damals umgedreht. So hat er sich einen untadeligen Ruf erarbeitet. Nicht der leiseste Anschein dubioser Geschäfte trübte sein Bild, so erzählen es Menschen, die ihn schon lange Zeit kennen.

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