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CO2-Steuer und Zertifikate : Klimaschutz muss nicht teuer sein

Ein Demonstrant bei der „Fridays for Future“-Kundgebung in Magdeburg. Bild: dpa

So kann es mit dem Klima nicht weitergehen. Die Welt braucht einen wirksamen Klimaschutz. Der ist einfacher – und preiswerter – als viele denken.

          So kann es nicht weitergehen, nicht mit dem Klima. Von Jahr zu Jahr wird die Erde wärmer, die Wetterlagen werden extremer, und die Menschheit kommt nicht dagegen an. Vergangene Woche hat sich gezeigt, dass die Menschheit 2018 schon wieder mehr Klimagase ausgestoßen hat. Dabei hat die Welt nur noch 30 Jahre, um ihren Ausstoß nahe Null zu bringen, soll das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden.

          Das ist besonders traurig, weil Deutschland schon einiges tut. Vierköpfige Familien zahlen im Schnitt allein 1500 Euro im Jahr für die erneuerbaren Energien, dazu kommen rund 2000 Euro an Steuern auf Benzin. Kraftwerke müssen eine Erlaubnis zum Ausstoß von Klimagasen haben – wenn ihnen ihre Menge nicht reicht, müssen sie Zertifikate von anderen kaufen. Und deren Kontingent sinkt von Jahr zu Jahr. Auch für viele Flüge gilt das System. Zudem werden Häuser gedämmt, der CO2-Ausstoß von Autos beschränkt, der Kohleausstieg beschlossen, und Staubsauger dürfen nur noch mit 900 Watt saugen. Dutzende Einzelmaßnahmen bringen das Land an den Rand der Belastbarkeit, so lange, bis Gelbwesten-Proteste drohen.

          Doch der Erfolg ist bescheiden. Hinter den eigenen Zielen bleibt die Bundesregierung deutlich zurück. Einst war Deutschland stolz, dass seine Klimarettung Vorbild für die anderen Länder ist – doch an diesem Stolz können wir uns nicht mehr aufrichten. So ein gutes Vorbild war Deutschland offensichtlich nicht, der Ausstoß von Klimagasen wächst immer noch.

          Ein anderer Weg ist besser

          Wenn man auf der Reise ist und nicht schnell genug zum Ziel kommt, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Man kann entweder mehr Gas geben und dabei einen Unfall riskieren. Oder man kann gucken, ob es noch einen besseren Weg gibt. Vielleicht ist es Zeit, noch einmal über den Weg zu sprechen.

          Bisher funktioniert Klimapolitik so, dass der Staat unter dem Druck von Umweltverbänden und Freitagsdemonstranten plant, wo Emissionen einzusparen sind – bis hin zum Glühbirnenverbot. Solche Detailregeln gängeln die Bürger im täglichen Leben, bis einigen die Lust am Klimaschutz vergeht. Und sie sind teuer.

          Der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen hat gerade erst betont: Der Kohleausstieg wird den deutschen Fiskus wohl 100 Milliarden Euro kosten. Hätte die Bundesregierung stattdessen einige Emissionserlaubnis-Zertifikate am Markt gekauft und vernichtet, wären die Steuerzahler mit drei Milliarden Euro weggekommen – und Deutschland könnte sogar noch sein Klimaziel für 2020 erreichen. Bei dieser Politik wären noch viele Milliarden übrig gewesen, um Strukturpolitik in den Kohleregionen zu finanzieren.

          Die Menschen wissen selbst, wie sie das Klima schützen

          Kann Klimaschutz wirklich so billig sein? Ja. Weil Industrie und Verbraucher selbst gut wissen, wie sie auf Emissionen verzichten können und welche Alternativen die attraktivsten sind – sie sind näher dran als die Planer in den Umweltverbänden. Bis heute gibt es Klimaschutz fast kostenlos: Wenn Hausbesitzer eine alte Heizung auswechseln, sparen sie teils so viel Gas oder Heizöl, dass sich die Kosten schnell amortisiert haben – und es entfällt so viel CO2, als würde die Familie zu Vegetariern. Solche Ideen gehen oft unter, wenn Klimaschutz zentral geplant wird. Wenn die Bürger aber am Geldbeutel gepackt werden, lassen sie sich solche Chancen nicht entgehen.

          Deshalb könnte alles recht einfach sein: indem ein Mindestpreis auf den Ausstoß von Klimagasen in allen Branchen festgelegt wird, sei es in einem System mit handelbaren Emissionszertifikaten oder in Form von Steuern. Der Preis steigt über die Jahre, der CO2-Ausstoß sinkt immer weiter. Wenn andere Länder nicht mitziehen, kann man ihnen durchaus mit Klimazöllen drohen, die den CO2-Preisen in Europa entsprechen. Das eingenommene Geld muss in Steuersenkungen fließen, vielleicht auch in höhere Sozialleistungen – so, dass klimaschädliche Produkte einerseits teurer werden, aber die Menschen andererseits mehr Geld haben.

          Dann kann jeder selbst bestimmen, ob er anfangs lieber aufs Benzinauto verzichtet oder auf Urlaubsflüge, oder ob er eine neue Heizung einbaut. Die Politik sollte sich in diese Entscheidungen dann nicht mehr einmischen. Das ist vielleicht das schwierigste an diesem Plan.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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