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100 Milliarden Euro Ausgaben : Deutschland schafft erstmals Forschungsziel

Ein PKW der Marke Mercedes-Benz steht in einem schalltoten Raum. Bild: Thüringer Innovationszentrum Mobilität

Seit 2010 sollen Staat und Wirtschaft mehr als 3 Prozent der Wirtschaftsleistung fürs Forschen ausgeben. Jetzt hat es geklappt – dank der Autoindustrie.

          Eigentlich sollte das Ziel längst erreicht sein, nun hat es mit sieben Jahren Verspätung geklappt: Dank kräftig gestiegener Investitionen der Unternehmen hat Deutschland erstmals mehr als 3 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Forschung und Innovation eingesetzt. Zusammen gaben Staat und Wirtschaft im Jahr 2017 knapp 100 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aus, was einem Anteil von 3,03 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) entspricht. Das zeigt die neue Jahresabrechnung des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft, die FAZ.NET vorab vorliegt. Im Vorjahresvergleich ist die Forschungsquote damit um 0,11 Prozentpunkte gestiegen, der stärkste Zuwachs seit langer Zeit.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Ursprünglich hatten sich die EU-Staats- und Regierungschefs schon im Jahr 2000 vorgenommen, die Quote bis 2010 in allen Ländern auf 3 Prozent zu steigen. Deutschland liegt im europäischen Vergleich nicht schlecht. Im EU-Durchschnitt waren 2017 nur 2 Prozent erreicht. Spitzenreiter in der Welt sind dagegen Südkorea und Israel mit gut 4,5 Prozent Forschungs- und Entwicklungsausgabenanteil, gefolgt von Schweden und der Schweiz mit 3,3 Prozent, wie Zahlen der Industrieländerorganisation OECD zeigen. Hinter Deutschland liegen auch die Vereinigten Staaten (2,8 Prozent) und China (2,1 Prozent).

          Entscheidend für Deutschlands Sprung über die 3 Prozent waren indes die Unternehmen, allen voran die Autoindustrie. Denn allein die Forschungsausgaben der Wirtschaft haben sich laut Stifterverband um fast 10 Prozent auf 68,8 Milliarden Euro erhöht. Der Zuwachs fiel also deutlich stärker aus als das Wirtschaftswachstum. Der Anteil der Unternehmensforschung am BIP stieg so auf 2,1 Prozent. Die öffentliche Hand gab 30,5 Milliarden für Forschung aus und stabilisierte ihren Anteil bei 0,93 Prozent des BIP.

          Forschungsförderung bald steuermindernd

          Der Stifterverband, eine Initiative der Wirtschaft, führt auch im Auftrag der Regierung die Forschungsstatistik des Unternehmenssektors. In den vergangenen Jahren hatten vorläufige Schätzungen mehrfach schon die Hoffnung geweckt, dass das 3-Prozent-Ziel erreicht sei. Mit der Endabrechnung musste das Ergebnis aber bis 2016 jedes Mal auf knapp unter 3 Prozent korrigiert werden. Diesmal wurde die im Herbst vorgelegte erste Schätzung für sogar noch leicht übertroffen.

          Der Zuwachs der Automobilindustrie ist bemerkenswert. Im Berichtsjahr 2017 haben die Unternehmen der politisch derzeit hochumstrittenen Branche ihren Forschungsaufwand um rekordverdächtige 17 Prozent auf 25,7 Milliarden Euro erhöht. Dies ist gut ein Viertel aller deutschen Forschungsausgaben und mehr als ein Drittel der Ausgaben der Wirtschaft. Bei näherer Analyse ist die Bedeutung des Faktors Auto noch größer, wie der Stifterverband zeigt: Zählt man über alle Branchen hinweg die auf das Forschungsfeld Kraftfahrzeug bezogenen Ausgaben zusammen, sind es sogar 41 Milliarden Euro oder 59 Prozent des Forschungsaufwands der Wirtschaft.

          Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) zeigt sich über die neue Bilanz und das erreichte 3-Prozent-Ziels erfreut. „Wer heute in Forschung und Entwicklung investiert, zählt auch morgen zu den Innovationsführern“, lobt sie in einer Stellungnahme. Neben dem „Höchstniveau“ der Unternehmensforschung hebt sie eine sich gut entwickelnde Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft hervor. Politisch ist das 3-Prozent-Ziel freilich schon Geschichte, da sich die Bundesregierung 2017 vorgenommen hat, die Forschungsquote bis 2025 auf 3,5 Prozent zu steigern. Als wichtiger Hebel soll dabei die geplante steuerliche Forschungsförderung dienen. Mit ihr könnten Unternehmen ihren Forschungsaufwand künftig steuermindernd geltend machen; sie soll die mit Antragsbürokratie verbundene Programmförderung ergänzen.

          „Um das Potential bei den kleinen und mittelständischen Betrieben zu heben, sollte die steuerliche Förderung schnellstmöglich umgesetzt werden“, fordert der Präsident des Stifterverbands, Andreas Barner. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) stößt mit seinem Gesetzentwurf dazu aber auf einige Kritik – Skeptiker erwarten, dass die Pläne letztlich doch große Unternehmen bevorzugen und es zudem viele Mitnahmeeffekte geben werde. Scholz rechnet mit Steuerausfällen von 1,3 Milliarden Euro im Jahr. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat jüngst bei einem Besuch der Fraunhofer-Gesellschaft angekündigt, das Vorhaben schon in Kürze im Kabinett beschließen zu wollen.

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