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Daimler-Chrysler : Einigung mit "Modellcharakter"

  • Aktualisiert am

Daimler-Zentrale in Stuttgart: Einigung nach zähen Verhandlungen Bild: dpa/dpaweb

Die Einigung über das Sparpaket bei Daimler-Chrysler steht und hat laut Konzernchef Schrempp Modellcharakter für Deutschland. Kanzler Schröder bezeichnete die Vereinbarung als „Sieg der Vernunft“.

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          Im wochenlangen Konflikt um Kosteneinsparungen hat sich der Vorstand des Autokonzerns Daimler-Chrysler am Freitag morgen mit dem Betriebsrat und der IG Metall auf Einsparungen von 500 Millionen Euro pro Jahr geeinigt. Im Gegenzug wurde eine Beschäftigungssicherung für über 6.000 Arbeitsplätze bis zum Jahr 2012 vereinbart. Nach den Worten von Konzernchef Jürgen Schrempp hat die Einigung Modellcharakter für den Standort Deutschland.

          Deutschland brauche keine pauschale Arbeitszeitlänge oder Diskussionen über Urlaubs- und Feiertage, sagte Schrempp. Nötig sei dagegen mehr Flexibilität direkt in den Verhandlungen zwischen Unternehmen und Arbeitnehmervertretern. Dies habe die Einigung über ein Sparpaket im Volumen von 500 Millionen Euro in der Nacht gezeigt.

          Man müsse den Menschen in Deutschland vermitteln, daß sie zwar teilweise etwas aufgeben müßten. Dafür bekämen sie aber auch die Stärkung der einheimischen Standorte und damit eine langfristige Wohlstandsperspektive.

          Viel Lob für die Lösung bei Daimler
          Viel Lob für die Lösung bei Daimler : Bild: dpa

          Lob von Kanzler, Arbeitgebern und Gewerkschaft

          Bundeskanzler Gerhard Schröder begrüßte die Einigung als einen „Sieg der Vernunft“. Der Kompromiß von Vorstand, Betriebsrat und IG Metall werde zu einer Verstärkung der Konjunkturerholung und der Aufwärtsentwicklung beitragen, erklärte Schröder. Die Vereinbarung habe zukunftsweisenden Charakter, sie werde den Belangen und Bedürfnissen beider Seiten gerecht.

          Die Bedeutung für Wirtschaft und Arbeitsmarkt wird nach Einschätzung des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall weit über das Unternehmen hinausstrahlen. Auch IG-Metall-Chef Jürgen Peters bezeichnete die Einigung bei Daimler-Chrysler als „gute Lösung für den Standort Deutschland“.

          „Die Arbeitsplätze bleiben langfristig abgesichert. Das ist ein Erfolg, den man nicht hoch genug bewerten kann“, erklärte Peters in Frankfurt am Main. Zugleich hätte die Beschäftigten „schmerzliche Opfer“ gebracht. „Die Belegschaften werden jedoch sehr wohl abwägen zwischen den Opfern, die ihnen abverlangt werden und der Sicherheit, die jetzt da ist.“

          40-Stunden-Woche in Teilbereichen und Gehaltsverzicht des Vorstands

          Der Gesamtbetriebsrat hat der Möglichkeit zugestimmt, daß die rund 20.000 Mitarbeiter im Bereich Forschung und Entwicklung statt generell 35 Stunden in Zukunft bis zu 40 Stunden in der Woche mit Lohnausgleich arbeiten könnten. Dadurch müssen keine Überstundenzuschläge mehr bezahlt werden. Außerdem wurde im Zusammenhang mit dem Entgeltrahmen-Tarifvertrag ein teilweiser Lohnverzicht vereinbart, der sich aber erst in den kommenden Jahren auswirken soll.

          Die heftig umstrittene so genannte Steinkühler-Pause von fünf Minuten pro Stunde bleibt erhalten, sie wird aber knapp zur Hälfte auf Weiterbildungszeiten angerechnet. Die höheren Schichtzuschläge bleiben vollständig bestehen. Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm sagte, es sei zu keinem fundamentalen Eingriff in den Flächentarifvertrag gekommen.

          Der Daimler-Chrysler-Vorstand verzichtet künftig jährlich auf zehn Prozent seines Gehalts. Ein entsprechender Vorschlag sei dem Aufsichtsrat gemacht worden, sagte Vorstandschef Schrempp weiter. Auch die leitenden Angestellten würden einen „substanziellen Beitrag“ leisten. Dieser müsse aber noch ausgehandelt werden. Der Konzernvorstand hatte 2003 insgesamt 40,8 Millionen Euro verdient.

          Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Erich Klemm zeigte sich ebenfalls zufrieden mit den vereinbarten Regelungen. Ein langfristig sicherer Arbeitsplatz sei von unschätzbarer Bedeutung, erklärte er. Das Ziel sei gewesen, Arbeitsplätze an den deutschen Standorten zu sichern. Er sei stolz auf dieses Ergebnis ohne gravierende Eingriffe in den Flächentarifvertrag. Ein Kündigungsausschluß von sieben Jahren sei bundesweit einmalig.

          Kostensenkung statt Produktionsverlagerung

          Der Konzernvorstand hatte von 2007 an eine Senkung der Arbeitskosten um jährlich eine halbe Milliarde Euro gefordert. Andernfalls sollte die Produktion der neuen Mercedes-C-Klasse und ihrer Varianten nach Bremen und Südafrika verlagert werden. Dies hätte in Sindelfingen 6.000 der über 30.000 Stellen bedroht

          Die 160.000 Beschäftigten der Mercedes Car Group (Mercedes-Benz, Smart, Maybach) waren gegen die Sparpläne ihres Chefs Jürgen Hubbert in den vergangenen Wochen Sturm gelaufen. Am Donnerstag der vergangenen Woche hatten in allen deutschen Daimler-Chrysler-Werken mehr als 60.000 Mitarbeiter vorübergehend die Arbeit niedergelegt. Die Produktion stand daraufhin für mehrere Stunden still. Der Daimler-Chrysler-Vorstand hatte auf Kostensenkungen gepocht, weil ansonsten die Wettbewerbsfähigkeit des Konzern auf dem Spiel gestanden hätte.

          Daimler-Chrysler will Produktionsausfälle aufholen

          Die durch den Tarifstreit der vergangenen Wochen verursachten Produktionsausfälle will Daimler-Chrysler wieder wettmachen. Mit gemeinsamen Anstrengungen mit der Belegschaft würden die Produktionsausfälle der letzten Wochen aufgeholt werden, sagte Mercedes-Chef Jürgen Hubbert am Freitag.

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